Zeitschrift des Kunst-Gewerbe-Vereins (1871) / t_1628

August v. Voit,
Gründer des Münchener Kunstgewerbevereins.

(Nekrolog.)

Richard Jakob August Voit wurde geboren den 17. Februar 1801 zu Wassertrüdin­gen in Mittelfranken, damals unter preußischer Oberhoheit. Seine Eltern waren Jo­hann Michael Voit, preuß. Kreiskondukteur in Wassertrüdingen, und Katharina Voit, geb. Saynisch aus Ansbach, deren einziger Sohn er war.

August Voit verblieb bis zu seinem 7. Lebensjahre im elterlichen Hause zu Wasser­trüdingen. Die zwei nächsten Jahre befand er sich bei einem Onkel zu Ansbach. Als sein Vater zum bayer. Bauinspektor in Ulm befördert wurde, zog er mit und besuch­te dort in seinem 9., 10. und 11. Jahre die Schulen, zuletzt die Lateinschule. Die Ue­bersiedelung seines Vaters nach Eichstädt brachte ihn in diese Stadt, woselbst er vom 11.-15. Jahre verblieb und die Lateinschule besuchte. Er zog dann wieder zu seinem Onkel nach Ansbach, um dort von 1816 bis Juni 1818 das in vortrefflichem Rufe stehende Gymnasium (unter dem Rektorate von Schäfer) zu besuchen. Von da begab er sich nach Augsburg, wohin sein Vater im Jahre zuvor versetzt worden war, und vollendete dort 1820 seine Gymnasialstudien. In einem Berichte des Studi­enrektorats heißt es, daß Voit im ersten Jahre (1818-1819) nur als Volontär in den lateinischen Lektionen das Augsburger Gymnasium besucht, weil er einen gro­ßen Theil seiner Zeit auf die Architektur und das Zeichnen zu verwenden hatte. Ein ähnlicher Bericht vom Jahre 1820 sagt aus: »Voit arbeitete mit so rühmlichem Flei­ße an der Ausbildung seiner vorzüglichen Anlagen, daß er in Sach- und Sprach­kenntnissen einen solchen Fortgang machte, daß man in dem technischen Fache, dem er sich zu widmen gedenkt, um so mehr sich von ihm versprechen darf, da er mit dem Eifer, mit welchem er die Mathematik betrieb, einen gleichen Eifer für die Ausbildung seines Geschmackes verband, wovon er solche Proben ablegte, daß man zu der Erwartung berechtigt ist, er werde den Wünschen seiner Eltern ganz entsprechen und zu einem geschickten Architekten mit der Zeit heranreifen.« Man ersieht daraus, wie schon frühe die Neigung zur Architektur in ihm erwacht war, und seine ganze Ausbildung dafür angelegt wurde, für die er aber ein gründliches Studium der humanistischen Wissenschaften für nöthig hielt. Als Gymnasiast gab er Unterricht im Zeichnen, unter Anderen auch dem damals im Collegium zu St. Anna in Augsburg studirenden Prinzen Louis Napoleon, von dem er für die Stunde 1 fl. Honorar erhielt. In seinem Gesuche um Anstellung als Landbaukondukteur vom Jahre 1826 schreibt er in diesem Sinne: »Von Jugend auf hatte ich Neigung zur Technik, vorzüglich zur Landbaukunst, und unter der Leitung meines Vaters widmete ich mich diesem Fache mit Leidenschaft und übte mich im Zeichnen wie in der Mathematik. Da ich nicht auf einer niedern Stufe der Kunst ste­hen bleiben wollte, so strebte ich auch nach wissenschaftlicher Bildung, und nach vollendetem Ghmnasial-Studium bezog ich die Universität Landshut, wo ich ein Jahr, und dann Würzburg, wo ich ebensolange verweilte und Kameralwissenschaft, besonders Mathematik studirte.« In Landshut war er als Candidat der Baukunst ein­geschrieben und hörte allgemeine Geschichte bei Mannert, Philologie und Moral­philosophie bei Ast, Naturrecht bei Köppen, höhere Mathematik bei Magold und Physik bei Stahl. Es ist aus seiner späteren Richtung in der Architektur leicht darzu­thun, welchen Antheil diese seine humanistische und naturwissenschaftliche Ausbil­dung daran gehabt hat.

Nach Vollendung seiner vorbereitenden Studien bezog er im Jahre 1822 die Aka­demie der bildenden Künste zu München, um sich ausschließlich der Architektur zu widmen, worin Professor Gärtner sein Lehrer wurde. Derselbe erkannte schon da­mals die Talente des jungen Mannes und hat ihn zeitlebens hoch gehalten.

Das höchste Ziel seines Strebens erreichte er, als er die Möglichkeit erhielt, eine längere Reise nach Italien, vorzüglich nach Rom zu machen. Die zwei Jahre 1823 und 1824 in Italien gehören zu den schönsten seiner Lehrlingsjahre, auf die er noch als Greis mit Begeisterung zurückblickte. Es waren Jahre des emsigsten Fleißes und Einheimsens. In Begleitung eines Freundes, der sich jedoch nach kurzer Zeit wieder von ihm trennte, trat er am 15. August 1823 von München aus die Reise zu Fuß an. Die Mittel dazu waren ihm theils durch ein Stipendium des Staates, theils von seinem Vater gewährt, jedoch immerhin so spärlich, daß er sich gezwungen sah, den größten Theil des Weges zu Fuß zurückzulegen; öfters begnügte er sich auch mit dem Platze auf dem Kutschersitze. Sein Reiseplan führte ihn über Murnau, den Brenner, Verona, Padua, Venedig, Ferrara, Florenz, Sienna, Rom.

In Murnau war er von den Reizen der Gebirgslandschaft so entzückt, daß er bis Rom, dieselbe mit den italienischen Landschaften vergleichend, der ersteren den Vorzug gab. Erst nach einigen Tagen Aufenthaltes in Rom, nachdem er die Villa Borghese und dann die Campagna besucht hatte, konnte er sich nicht satt sehen an der Schönheit der Natur. Von nun an blieb ihm nichts mehr zu vergleichen mit der italienischen Landschaft. Ueberdies fesselte ihn die Poesie des Landes und sei­ner Leute in so hohem Grade, daß er zeitlebens mit einer gewissen Begeisterung über Alles dachte und sprach, was irgend mit Italien und italienischem Wesen zu­sammenhing.

Die gothischen Bauwerke in Oberitalien sagten ihm nicht sehr zu; um so mehr die Bauten des Sanmicheli und Palladio.

Doch nirgends hielt er sich lange auf; er eilte nach »dem ersehnten Rom, nach der ewigen, einzigen Stadt«. Er schreibt damals in seinem Tagebuche: »Ich pries mich bei mir selbst glücklich, hier zu sein, wo einst die Beherrscher der Welt geboren und erzogen wurden, wo ein Cicero zum Volke sprach, wo ein Cato richtete und ein Augustus regierte. Selbst zu festen kräftigen Vorsätzen brachte mich die Erinne­rung an die strengen Tugenden der allen Römer. Ich brannte vor Begierde, die Ueberbleibsel ihrer Werke zu sehen, zu zeichnen und zu studiren.« In der That brachte er aus Rom eine große Anzahl Studien mit, Zeugen seines Fleißes, die nach der Natur, zum Theil mit allen Maßen aufgenommen, auf’s Exakteste mit Bleistift, Feder oder Pinsel ausgeführt sind.

Leider sind seine Aufschreibungen über den Aufenthalt in Rom, in Pompeji etc. und über seine Rückreise nicht mehr vorhanden.

Er lebte dort die schönen Jahre mit den größtenheils bei Kronprinz Ludwig von Bayern versammelten Künstlern. Ein Bild, jetzt in der neuen Pinakothek aufgestellt, von Catel gemalt, zeigt den damaligen Kronprinzen bei einem Frühstück inmitten der Künstler, und unter ihnen als Jüngsten auch Voit.

Nachdem er auf der Rückreise von Rom über Genua und Südfrankreich noch Paris besucht hatte, woselbst er zwei Monate verweilte, kam er als ausgebildeter Archi­tekt in seine Vaterstadt Augsburg zurück.

Nun trat er dortselbst in die Praxis mit Taggeld als Baueleve und Inspectorsgehilfe unter Leitung seines Vaters und des damaligen Baurathes Beyschlag. Während der­selben (1825 und 1826) baute er die Kirche auf dem protestantischen Friedhofe zu Augsburg und beschäftigte sich häufig damit, für Augsburgs Silberarbeiter und Ge­werbsleute Entwürfe zu Gewerbsgegenständen anzufertigen, was wohl den Grund dazu legte, daß er später den Verein zur Ausbildung der Gewerke gründete.

Im Jahre 1827 wurde er als Baukondukteur in Amberg und 1832 als Civilbauinspek­tor in Speyer angestellt.

1830 heirathete er die Tochter eines Augsburger Kaufmanns, Mathilde Burgett, in welche Familie er durch seinen Freund, Bildhauer Mayer, eingeführt war. Dieselbe war ein äußerst sorgfältig erzogenes Mädchen voll Wissens und dabei von der edelsten weiblichen Bescheidenheit. Da sie gleich gut wie ihrer Muttersprache der französischen, englischen und italienischen Sprache mächtig war, konnte sie Voit bei seiner literarischen Thätigkeit durch Uebersetzen aus jenen Sprachen unter­stützen. Aus dieser Ehe sind drei Söhne und eine Tochter hervorgegangen. In Am­berg hatte Voit wenig Gelegenheit, seine Kenntnisse zur Anwendung zu bringen. Nur als König Ludwig das erste Mal die Stadt besuchte, ward ihm ein freies Feld für seine künstlerische Begabung durch das Arrangement von Festlichkeiten, Herstel­lung von Triumphpforten, Zelten etc. Eine größere technische Aufgabe wurde ihm auch übertragen, als 1831 die Cholera von Osten her in Bayern einzubrechen droh­te; er wurde beauftragt, längs der böhmischen Grenze in kürzester Zeit eine Reihe von Quarantäne-Anstalten zn errichten.

Voit’s 10jährige Thätigkeit in der Pfalz (1832 bis 1842) umschließt eine ganz bedeu­tende Praxis in der Ausführung verschiedenartiger Bauten. Die Kirchen tragen alle entweder den nordisch-romanischen Styl, wie er sich in den Kirchenbauten am Rhein ausspricht an sich oder den Uebergangsstyl zur Gothik, während die Profan­bauten dem italienisch-romanischen Styl angehören.

Diese ausgeführten Gebäude sind:
das Bezirksgerichtsgebäude in Kaiserslautern (Försters Bauzeitung, 1842),
die Fruchthalle in Kaiserslautern,
das Schullehrerseminar daselbst,
die Gewerbschule daselbst,
das Rathhaus in Anweiler, stets von König Ludwig bei dessen Anwesenheit in der Pfalz bewundert,
das Bezirksgefängniß in Zweibrücken,
das Gestütsgebäude daselbst (Förster 1844),
Bezirksgefängniß in Frankenthal,
Bezirksgefängniß in Landau (Förster 1857),
Bürgerspital in Dürkheim,
Leichenhaus in Dürkheim,
Innere Einrichtung (Orgel, Taufstein, Chorstühle, Beichtstühle, Bischofstuhl) in Speyer,
Klerikal-Seminarkirche in Speyer,
Leichenhaus daselbst,
Protestantische Kirche in Wilgartswiesen,
Simultankirche in Kandel,
Katholische Kirche in Homburg,
Protestantische Kirche in Albersweiler,
Katholische Kirche in Albersweiler,
Katholische Kirche in Waldsee,
Katholische Kirche in Kirchheimbolanden,
Protestantische Kirche in Elmstein,
Protestantische Kirche in Lautersheim,
Erweiterung der Kirche in Leimersheim,
Katholische Kirche in Knittelsheim,
Katholische Kirche in Schönau,
Protestantische Kirche in Zeiskam,
Protestantische Kirche in Neupfortz,
Innere Einrichtung der Kirche in Germersheim,
Katholische Kirche in Berghausen,
Innere Einrichtung der Protestantischen Kirche in Gerolsheim, Katholische Kirche in Brücken,
Erweiterung der kathol. Kirche in Bülsheim,
Innere Einrichtung der katholischen Kirche in Rohrbach,
Kirche in Eisenthal,
Synagogen in Kirchheimbolanden, Kallstadt, Rülzheim, Jugenheim und Herxheim,
Schulhäuser und Gemeindehäuser in Kleinkarlbach, Friedelsheim, Wattenheim, El­lerstadt, Gerbach.

Den Uebergang zu Voits Thätigkeit in München (Ende des Jahres 1841 wurde er von König Ludwig I. als Professor der Akademie der bildenden Künste an Gärtners Stelle dahin berufen, da er durch seine Bauten des Königs Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte) bildete die Ausführung der ihm von dem damaligen Kronprinzen Maximilian zur Restaurirung übertragenen Maxburg, eine Arbeit, welche durch die Poesie, mit der sie aufgefaßt werden durfte, Voit besonders zusagte. Leider hat das Jahr 1849 diesen Bau in der Vollendung gestört, nachdem der Rohbau vollen­det und schon die sämmtlichen Zeichnungen zur innern Einrichtung und Möblirung hergestellt waren. Durch den Bau der Maxburg wurde Voit veranlaßt, auch zur Re­staurirung der alten Reichsveste Trifels ein vollständiges Projekt auszuarbeiten. Ebenso hat ihn das Entwerfen der innern Dekoration und Möbel für die Maxburg inspirirt zur Bildung des Vereins zur Ausbildung der Gewerke, welchen er 1849 mit mehreren Künstlern und Gewerbsleuten in München begründete. Diesem Verein gehörte er von 1850 bis 1856 als Vorstand an und förderte dessen Interessen mit besonderer Vorliebe, wie mehrere in der Zeitschrift dieses Vereins aus seiner Feder hervorgegangene Aufsätze und Entwürfe bekunden. Er rief die Vereinszeichnen­schule ins Leben, welche später als Kunstgewerbeschule Staatsanstalt wurde.

1845 begann Voit, veranlaßt durch seine Vorträge in der Akademie der bildenden Künste, die Herausgabe des Bilderatlasses zu Kuglers Kunstgeschichte, nachdem er von Beginn seiner Professur an ein bedeutendes Material hiefür angesammelt hatte. Doch schon nach dem Erscheinen weniger Liefemngen, trat Voit von diesem Unternehmen zurück, obgleich er sich dieses seines Kindes bis zur Vollendung des Werkes stets thätig annahm.

Vom Jahre 1841 bis 1847 leitete Voit die Bauschule an der Akademie mit ganz au­ßerordentlichem Eifer. Frischen jugendlichen Geistes stellte er sich zu seinen Schü­lern in ein äußerst schönes Verhältniß, er war geliebt und verehrt und durch energi­sche Bestrebungen seiner Schüler belohnt. Projekte seiner Schüler, von Gottgetreu gravirt, sind der Oeffentlichkeit übergeben.

Der erste Bau, den Voit in München ausführte, war das Glasmalereigebäude 1844–1847. Zu gleicher Zeit wurde nach seinen Plänen das fürstlich Wrede’sche Schloß Hüttenstein im Salzburg’schen im gothischen Styl erbaut. In diesen Jahren spielten sich in Voits Familie Ereignisse ab, die auf den gemüthsreichen Mann nicht ohne großen Einfluß waren. Schnell nacheinander starben ihm Eltern und Schwiegerel­tern, sein Freund Mayer und zu Anfang 1846 seine Frau. Er selbst wurde auf das Krankenlager geworfen und hatte ein heftiges Nervenfieber durchzumachen. Ende des Jahres 1846 vermählte er sich zum zweiten Male gleichfalls mit einer Augsbur­ger Kaufmannstochter, Ottilie von Höslin, aus welcher Ehe 3 Söhne und 2 Töchter stammen. Den Verlust der ältern der beiden Töchter, welcher auf einen Diphterie­anfall nach wenigen Tagen Krankseins in deren schönster Blüthezeit 1867 erfolgte, konnte er bis an sein Ende nicht verschmerzen, stets trug er ihre Photographie bei sich. Ueber den Einfluß der zweiten Vermählung auf sein Leben schreibt er selbst in einem Familienbuch: »In dieser Familie (seiner Frau) herrschte gemächliches Leben und heitere frohe Laune vor, die mich ansprach. Auf die verlebten traurigen Jahre reihte sich ein Fest an das andere, als welches der öftere Aufenthalt auf einem Augsburg nahen Landgute meines Schwiegervaters anzusehen war. Dasselbe wur­de ein wahres Eldorado für die Familie. Mein Herz hing an diesem Ort, wo ich die gemüthlichsten, ruhigsten und heitersten Stunden im Kreise meiner Kinder und der ganzen Familie und werther Freunde verlebte. Die Natur begeisterte zu frohem Ju­bel und zu allerlei erheiternden Spielen.«

1846 begann sodann der Bau der neuen Pinakothek, wofür Voit im Aufträge König Ludwigs nach dem ersten Programm ein ganz bedeutendes Projekt angefertigt hatte, von welchem jedoch zum größten Bedauern des Architekten eine Idee nach der andern fallen mußte. 1843 und 1844 betheiligte sich Voit bei dem Werke Un­ger’s »Sammlung von Umrissen von Privat- und Gemeindegebäuden, herausgege­ben bei Cotta«. 1847 wurde Voit zum Oberbaurath ernannt, eine Stelle, welche er stets im vollsten Maße ausfüllte.
Im Anfang der 40er Jahre verhandelte der damalige Kronprinz Maximilian mit Schinkel, Voit, Metzger und Andern die Frage über einen neuen Baustyl. Voit fixirte seine Ansicht von Anfang dahin, nur durch allmählige Entwicklung bildet sich ein Styl, und verbreitete sich hierüber der Oeffentlichkeit gegenüber in einem Aufsatze des ersten Jahrgangs der Zeitschrift des Vereins zur Ausbildung der Gewerke.

Diese Vorgänge gaben Anlaß, daß sich Voit mit dem eingehenderen Studium der Wohnhausbauten beschäftigte, da er 1854 von König Max den Auftrag erhielt, Plä­ne zu Musterwohngebäuden zu entwerfen. Bei seiner gewohnten Gründlichkeit und der Ansicht: der Grundriß und die Facade sind unzertrennlich, wurden die Pro­jekte aufs Sorgfältigste durchgearbeitet und ein umfassender Text dazu ge­schrieben. Die Veröffentlichung jedoch wurde durch andere Arbeiten zurückge­drängt. Gleichzeitig wurde eine historische Sammlung von Grundrissen zu den Wohnhausbauten verschiedener Zeiten und Völker begonnen und ein Text dazu verfaßt, ohne an die Oeffentlichkeit zu gelangen.

In diesen Jahren besaß er als Architekt das Vertrauen des Königs Max in hohem Grade. 1850 reiste er mit ihm an die Ufer des Gardasees um einen geeigneten Platz für eine zu erbauende Villa auszusuchen. Vor, während und nach der Reise wurden Projekte gemacht, doch wurde keines zur Ausführung gebracht. Doch hat­te Voit 1850-1852 den von Kreuter begonnenen Wintergarten zwischen Residenz und Hoftheater auszubauen.

1852–1854 wurde die Restauration der k. Burg in Nürnberg vorgenommen und ein großer Theil derselben auch im Innern für die Majestäten bewohnbar gemacht; auch die gesammte innere Einrichtung mit allen Dekorationen und Möbeln ist nach Voits Zeichnungen hergestellt. 1852–1855 wurde Liebig’s chemisches Laboratori­um erbaut (dessen Beschreibung bei Vieweg in Braunschweig 1859 erschien). In die Jahre 1855-1858 fällt der Bau des physiologischen Instituts in München.

Eine ganz bedeutende Aufgabe erhielt Voit durch die Herstellung des Industrie-Ausstellungsgebäudes in München (1853 bis 1854). Die Aufgabe ist glücklicher ge­löst als bei allen andern ähnlichen Gebäuden, namentlich in Beziehung auf die Ver­bindung der Construktion mit der Aesthetik; dabei betrieb er die Ausführung so energisch, daß eine rechtzeitige Vollendung ermöglicht war. (Beschreibung im Schlußbericht der Industrie-Ausstellungs-Commission.)

Als Anerkennung für diese seine Thätigkeit wurde ihm das Ritterkreuz des Ver­dienstordens der bayerischen Krone und der k. Preußische rothe Adlerorden III. Classe verliehen, nachdem er 1849 das Ritterkreuz I. Classe des Verdienstordens vom hl. Michael und 1853 den Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst erhalten hatte.
1853–1860 war ihm die Ausführung der Restauration der Kirche in Heilsbronn bei Nürnberg übertragen, worin sich die Gruft der Hohenzollern befindet. Dafür ward ihm der k. Preuß. Kronorden zu Theil.

1854–1856 erfolgte der Umbau und Vergrößerung des Anatomiegebäudes in Mün­chen.

1857–1863 leitete er, nachdem sein Projekt zum Ausbau der Thürme des Domes in Regensburg die Genehmigung erhalten hatte, die Ausführung dieser Bauarbeiten.

Schon 1854 wurden Einleitungen getroffen zum Baue eines k. Schlosses bei Feldaf­fing am Starnbergersee. Voit hatte ein solches Schloß im großartigsten Maaßstabe zu projektiren, und zeigte durch seinen Plan, wie er im Stande war, auch die Renais­sance mit den romanischen Grundformen zu verbinden. Die Disposition der Grund­rißanlage ist eine äußerst klare und bekundet das Studium der italianischen Pallast­bauten. Leider hat der Tod des Königs 1864 den Bau unterbrochen, nachdem der­selbe schon im vollsten Betrieb gestanden war.

1856 wurde die Gottesackerkirche in Kaufbeuern sammt der innern Einrichtung nach Voits Plänen hergestellt.

1855 als Mitglied einer Commission zur Verbesserung der Gesundheitsverhältnisse in sanitäts- und baupolizeilicher Beziehung (mit v. Gietl, v. Pfeufer, v. Liebig, Polizei­direktor Düring, Pettenkofer, v. Steinsdorf, Dr. Frank und Zenetti) ernannt, nahm Voit Anlaß, namentlich auf eine bessere Bauart der Abtritte in Staatsgebäuden hin­zuwirken. Demzufolge erschien 1861 eine Verordnung über Abtrittanlagen, welche auch bei Privaten Anklang fand und zur Anwendung kam. Als Fortsetzung folgte 1870 eine Abhandlung über die Verwerthung der menschlichen Excremente für die Landwirthschaft, welche als Verordnung autographirt an die Behörden hinausgege­ben wurde.

1859–1865 wurde der Bau der protestantischen Kirche in Ludwigshafen nach Voits Plänen ausgeführt. (Eine Beschreibung im Christl. Kunstblatt 1860).

1860–1862 wurde die Protestantische Kirche in Selb gebaut.

1860–1867 baute Voit die neuen Gewächshäuser und das Museum im botanischen Garten in München, nachdem er die Einrichtungen ähnlicher Institute auf einer Rei­se durch ganz Deutschland kennen gelernt hatte. Die Eisenconstruktion der großen Gewächshäuser (Palmenhaus) ist besonders dadurch bemerkenswerth, daß alle tra­genden Constructionstheile nach außen verlegt wurden. (Beschreibung dieser Bau­ten im Erbkam 1867.)

Eine große und schwierige Aufgabe wurde 1860–1862 Voit zugetheilt bei Einfüh­rung der neuen Gerichtsorganisation – Trennung der Administration von der Justiz durch das Gesetz vom 1. Juli 1856 – die Feststellung der Pläne für sämmtliche zu­gehörige Bauten. Da eine große Anzahl Neubauten erforderlich wurden und außer­dem alle vorhandenen Gebäude den neuen Bedürfnissen angepaßt werden mußten, so war die Arbeit eine kaum zu bewältigende. Nur Voits außerordentliche Erfahrung und sein geübter Blick machte es möglich, daß alle diese Bauarbeiten in so kurzer Zeit und mit so geringen Mitteln ausgeführt werden konnten. Da bei die­sem Anlaß auch die Gefängnisse einer Umgestaltung unterworfen wurden, wußte Voit auch im Bau und in der Einrichtung derselben manche Verbesserungen einzu­führen. In Anerkennung dieser Wirksamkeit wurde ihm 1864 der Bau des Central­gefängnisses in Nürnberg (nach dem System der Zellenhaft) übertragen, nachdem er zuvor für diesen Zweck die ähnlichen Anstalten in Frankreich, Belgien und Eng­land besehen hatte.

1862–1863 wurde das Anatomiegebäude in Erlangen nach Voits Plänen ausgeführt.

Bei verschiedenen Anlässen, namentlich als 1858 eine neue Bauorganisation in Bay­ern eingeführt werden sollte, kämpfte Voit stets für die Ansicht, das Staatsbauwe­sen nach den technischen Fächern der Architektur und der Ingenieurwissenschaf­ten zu trennen.

In die Jahre 1865–1867 fällt der Neubau des chemischen Laboratoriums in Würz­burg, und zu gleicher Zeit des Stadtgerichts München, Abtheilung für Strafsachen.

1864 bis in die neueste Zeit wurde nach Voits Plänen die katholische Kirche zu Wei­ßenhorn ausgeführt, ein Bauwerk, welchem er stets seine besondere Vorliebe schenkte, da es ihm vergönnt war, dabei seine Ideen in vollster Harmonie bis ins kleinste Detail durchführen zu können.

1868 wurde er als Mitglied der Commission für Erhaltung der Kunstdenkmale und Alterthümer in Bayern ernannt.
1867 bis 1869 wurde das Justizgebäude in Zweibrücken nach seinen Plänen ausge­führt, ein Umbau des einstigen Schlosses der Herzoge von Zweibrücken.

1867 bis in die neueste Zeit brachte er seine reichen Erfahrungen im Gefängnißwe­sen noch bei dem Neubau des Bezirksgefängnisses in München, dessen Ausfüh­rung ihm übertragen war, zur Anwendung.

Große Freude und Erleichterung in seinen Geschäften gewährte ihm die Beihilfe seines Sohnes des Architekten und Assistenten bei der obersten Baubehörde seit dem Jahre 1860. Nicht minder fühlte er sich glücklich, als noch im letzten Jahre die Familien seiner 3 ältesten Söhne, des Physiologen und Universitätsprofessors, des vorgenannten Bauassistenten und des Physikers und Professors sich um ihn ver­sammelt hatten; es war ein in seltner Weise schönes und anregendes Familienle­ben.

1870 wurde er zum Vorstand des Münchner Architekten- und Ingenieurvereins ge­wählt, und trotz seines hohen Alters und seiner sonstigen angestrengten Thätigkeit ergriff er auch noch diese Aufgabe mit gewohntem Eifer, einer Gründlichkeit und Aufopferungsfähigkeit, wie sie jüngern Kräften Ehre gemacht haben würde.

Einer politischen Thätigkeit stand er ferne, dennoch war er mit Begeisterung der deutschen nationalen Sache zugethan und folgte mit regem Sinn den großen Ereig­nissen der neuesten Zeit.

Gegen Ende November v. Js. zog er sich eine heftige Verkältung zu, welche eine bisher schlummernde Herzkrankheit zum Ausbruch brachte, und nach nur 14tägi­gem Kranksein sein thätiges und in jeder Hinsicht abgerundetes Künstlerleben be­schloß. Er war eine Künstlernatur im besten und schönsten Sinne des Wortes.

Zeitschrift des Kunst-Gewerbe-Vereins Nro. 5 & 6. München, 1871.


17-12-01/02 (Voit)