Wiener Zeitung (24.5.1860) / t_1775

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Es war ein wunderschöner Sonntag im Sommer 1822. Das ist zwar lange her, aber das Ereignis ist doch nicht gar so unbedeutend, das es nicht für Freunde des Thea­ters einiges Interesse haben sollte.

Der »Freischütz« hatte seine Siegesbahn einige Zeit früher begonnen; Weber selbst hatte ihn eben in Wien dirigirt, bald darauf erschien er auf dem prächtigen Hofthea­ter zu München, dem »neuen«, wie es damals noch zum Unterschiede von dem alten Residenztheater und dem an dem Isarthor genannt wurde. Der »Frei­schütz« half allen hektischn Theaterkassen auf; in München erklang »die veilchen­blaue Seide« bei Bock und Bier, bei der Wachtparade und bei den Serenaden, die damals noch in der Mode waren. An jenem wunderschönen Sonntage war nun eben der »Freischütz« angekündigt und »Alles ausverkauft«, wie der Jargon der Theaterbeamten lautet. Kein anderes Stück hätte eine solche Macht geübt. Da er­hielt am Morgen selbigen Sonntags der Intendant Herr Stich die Schreckensbot­schaft, Madame Metzger-Vespermann, die unvergleichliche Agathe, sei plötzlich er­krankt und der »Freischütz« könne nicht aufgeführt werden. Das Geld zurückzahlen und ein leeres Haus haben, zu solchem Gedanken konnte Herr Stich sich nicht er­heben. Was war zu thun? – Da trat eine Trösterin zu ihm in der kleinen Gestalt der Sängerin, welche das Aennchen sang. »Herr Intendant«, sprach sie, »ich weiß Rath, ich kenne ein junges Talent, das unter meiner Leitung die Agathe einstudirt hat, und damit fertig ist. Mit einer Klavierprobe leistet sie die Rolle, da sie die ganze Oper aus den vielen Proben genau kennt.«
»Und wer ist denn das Wunder?« rief Stich,
»Die Schechner«, lautete die Antwort.
»Was? die Choristin? Nimmermehr!« schrie der Intendant entrüstet, welcher glaub­te, daß man ihn zum Besten haben wolle.

Allein des Aennchen ließ nicht nach zu bitten, zu betheuern, alle Verantwortlichkeit übernehmen zu wollen; auf der anderen Seite stand die Drohung, das bereits einge­nommene Geld zurückzuzahlen, wie ein schwarzes Gewitter.

Stich zog die finsteren Brauen zusammen, fuhr mit der Hand über das gelbe Antlitz und sagte endlich gedehnt: »Nun, in Gottes Namen, so wollen wir es denn versu­chen – was kann ich dafür?«

Die Klavierprobe wurde eiligst zusammengetrommelt. Die geübten und geschick­ten Künstler hatten sich um den Dirigenten gruppirt; etwas seitwärts stand ein schlankes, aufgeschossenes Mädchen von achtzehn Jahren, das nicht gerade schön zu nennen war. Der Teint braun; Locken von gleicher Farbe fielen auf eine sanftge­wölbte Stirne, das Auge dunkelglühend, und über diesen Augen stark gezogene Brauen, die in der Mitte über der nicht feinen Nase zusammenlaufend dem Ganzen einen nicht lieblichen, aber herrischen nnd tiefernsten, fast tragischen Ausdruck verliehen. Der geöffnete Mund war weit, wie ihn jede große Sängerin hat, und ließ zwei gleiche Zahnreihen von ebenmäßiger Schönheit sehen. Das war Anna Schech­ner, ein armes Kind, gleich der damals weltberühmten Klara Metzger, deren Lieder zur Harfe den Besuchern des Neudeckergartens in der Au noch in gutem Gedächt­nisse geblieben waren. In der Kunst zählen die Ahnen für nichts, und gleichviel aus welchem Winkel das Licht hervorleuchtet, wenn es auch in unserer irdischen Sphäre die lieben Engel nicht begrüßen, wenn es nur zur rechten Zeit entdeckt wird. Der gute Kapellmeister Winter fand jene Klara und nahm sich ihrer an; hier war’s der gute Freund Zufall, dessen sich der liebe Gott manchmal zu seiner Fügung bedient.

Anna’s Stimme war bekannt; denn sie sang im Chor. Dies erregte daher auch weni­ger Verwunderung, als der Ausdruck, den sie dieser Stimme zu geben wußte, das Spiel der Leidenschaft in ihren Zügen und das Fertige in ihrer Art und Weise. Dabei war eine besonnene Ruhe über Alles verbreitet; keine Spur von ungeordneter Lei­denschaft, hinter der sich die Unzulänglichkeit verbirgt; viel eher konnte man über eine gewisse Kälte klagen. Aber der Ton dieser Stimme, die glühende Wärme, die in dieser Stimme lag, der volltönende Klang, der aus der Tiefe der Brust aufström­te, war mehr als Alles was Aktion, theatralischer Kunstgriff, Routine zu der Wirkung hätten beitragen können. Die kalte Ruhe der jugendlichen Sängerin verscheuchte jede Besorgniß bei den Anwesenden; ihre natürliche Befangenheit, die unausbleib­lich gewesen sein muß, konnte sich damit wie mit einem Schilde bedecken und trat nicht zum Vorschein. Alle staunten die Seltenheit an und ein Zweifel an dem Erfol­ge war nicht mehr vorhanden. Der Abend kam, und das Publikum bestätigte diese Voraussicht im vollsten Maße. Die Münchener freueten sich des glücklichen Fundes und die Schechner war bald ihr Liebling geworden. So geht’s mit den Geschicken der Menschen.

Damals rivalisirten in München die Italiener mit den Deutschn in Opernsachen. Die Italienische Oper hatte mächtigen Schutz. Die Königin Karoline in Person nahm sich ihrer an; ihr wurde Alles referirt, sie bestimmte das Repertoir. Es war eine Aufmerk­samkeit des galanten Königs Max Joseph des Ersten gegen seine Gemahlin. Der »Don Juan« bei den Italienern galt als Mustervorstellung, und zwar im eigentliche­ren Sinne, als dies später die Dingelstedt’schen Versuche an der Münchener Hof­bühne waren. Die Schiasette, die Buonsignori, Santini, Pellegrini, Rubini, schöne Stimmen, jugendliche Kräfte. Die Deutschen gaben Mozart’s Meisterwerk mit der jungen Sigl als Donna Anna, der Metzger als Zerlina, nun kam die Schechner als Donna Elvira hinzu. Die Italiener waren geschlagen. Nie habe ich die Elvira so voll­endet als von der Schechner geben sehen. Alle Vorzüge, die sie besaß, traten in dieser Partie in das hellste Licht. Selbst ihr Mangel konnte als Vorzug gelten. Die Leidenschaftlichkeit, die sie nicht in Aktion kund gab, ließ ahnen, was für einen Kampf die von der Vernunft erheischte Entsagung mit der stets neu erwachenden Sinnlichkeit in dieser Brust zu bestehen hatte, die so innig, so schmerzdurchglüht ihre Klage ausströmte. Es war eine bezaubernde Poesie in dieser Leistung.

Aber nur München erfreute sich dieser Perle wahrhaft Deutscher Gesangskunst. Man hörte draußen nur wenig von ihr. Da kam ein Berliner Gastspiel, und die Gene­raltrommelschläger der guten Spreestadt thaten auch diesmal, wie bei der Sonn­tag, Neumann, Wagner und so vielen anderen, ihre Schuldigkeit. Das Verdienst soll ihnen nicht abgesprochen werden. Deutschland wußte bald, daß es eine große Deutsche Sängerin gebe, welche Schechner hieß, und der jetzt schon sehr alte Herr Friedrich von Raumer war damals noch so begeisterungsfähig und überschwäng­lich, daß er in seinen »Pariser Briefen« bei Gelegenheit der Erwähnung einer ver­götterten Pariser Sängerin in die Worte ausbricht: »Was ist das gegen unsere Schechner! Sie komme nach Paris, und sollte ihr kein Theater seine Pforte öffnen, so singe sie an den Straßenecken, um Deutscher Kunst den Sieg zu erringen. Alle Kunstfreuude würden ihr auch hier huldigend zu Füßen sinken!«

Das war stark, aber doch gut gemeint. Die Scheckner reiste jedoch niemals nach Paris , und ihre Herrlichkeit war bald aus. Ihr Klang erlosch wie der einer Nachtigall nach einem kurzen Mai. Man kann auf sie das rührende Wort anwenden: »Rose, eele a vécu, ce que vivent les roses – l’espace d’un été!«

Er war wieder ein heißer Sommer – der vom Jahre 1834, nur zwölf Jahre nach je­nem schönen von 1822, wo Anna zum ersten Male ihre künstlerische Macht den Münchenern offenbart hatte. Nur zwölf Jahre! und die Sängerin hatte sich schon nach Meran zurückgezogen, um eine krankhafte Disposition der Kehle durch Süd­luft und Gaismilch im Keime zu ersticken. Dort sah ich sie wieder. Ich war grausam genug ihr einen leisen Vorwurf darüber zu machen, daß sie sich zu sehr ihren krank­haften Gefühlen überlasse und der Ausübung der Kunst so früh schon entsagen wolle. Sie sah mich mit schmerzlichem Lächeln an. Ich bat sie, mir etwas vorzusin­gen, sie gab willig nach und setzte sich an das Klavier. Ich war erstaunt; das war dieselbe Stimme; Ton, Klang, Fülle, Alles war unverändert.

Ich war im Begriffe meine früheren Aeußerungen wieder aufzunehmen , als sie zu Ende war. Sie war bleich geworden und ein leises Hüsteln hatte sich eingestellt. »Sehen Sie lieber Freund«, sagte sie traurig, »das ist Alles, was ich noch kann. Ich habe es Ihnen mit großer Anstrengung gezeigt. Eine Partie durchzusingen wäre ich nicht mehr im Stande. Jetzt stellt sich schon wieder der fatale Krampf im Halse ein.«

Und so blieb es. Sie kehrte mit ihrem Gatten, dem Preußischen Kommissionsrathe Herrn Waagen nach München zurück. Ich kann mich nicht besinnen, ob sie noch einmal öffentlich sich hören ließ. Sicher ist es, daß ihre Pensionirung bald darauf er­folgte, als sie in einem Alter stand, in welchem Sängerinnen gewöhnlich erst le­benslängliche Kontrakte an Deutschen Hoftheatern abschließen oder auf London und Paris spekuliren. Sie lebte nun in stiller Zurückgezogenheit ihrem Gatten und ihren Kindern, bis sie vor wenigen Wochen nach längerer Kränklichkeit hier in Mün­chen aus dem Leben schied.

Hier in München! Und als die sterbliche Hülle der großen Künstlerin nach dem Got­tesacker gefahren wurde, da kannte sie Niemand mehr. Die neue Generation hatte sie nie gehört, aber auch die Künstler des Hof- und Nationaltheaters hatten kein Gedächtniß mehr für sie. Kein Klagelaut erscholl aus ihrer Mitte an dem frischen Grabe, das sich über dieses merkwürdige und unglückliche Künstlerleben geschlos­sen hatte. Selbst das Chorpersonal war nicht einmal beordert worden. Und Anna Schechner hatte doch vor achtunddreißig Jahren durch ihre Kunst es bewirkt, daß der Intendant nicht die fette Beute der wilden »Freischütz«-Jagd wieder herausge­ben mußte! Ich will jede weitere Ironie unterdrücken. Ich hoffe, daß ihre Stimme, wiedergefunden, jetzt zu höherem Preise als hieniedens erklingen darf.

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Wiener Zeitung No. 44. Abendblatt. Donnerstag, den 24. Mai 1860.


33-07-34 (Schechner-Waagen & Waagen)