Wiener Medizinische Presse (23.6.1872) / t_249

† Dr. Karl August v. Solbrig.

München, Mitte Juni 1872.

Am 31. Mai d. J. verschied hier an einer Lungenentzünduug der k. Hofrath, Ober­arzt der kgl. Irrenheilanstalt für Oberbaiern und o. ö. Professor der Psychiatrie an der Universität München, Dr. Karl August v. Solbrig im 63. Lebensjahre. Sein Tod ist ein grosser Verlust für die Wissenschaft, unter deren Pflegern er im Fache der Psychiatrie eine hervorragende Stellung einnahm. Geboren zu Fürth am 17. Sept. 1809, absolvirte er das Gymnasium zu Ansbach. Sein Doctorexamen bestand er 1831, erwarb das Universitätsabsolutorium 1833 und machte 1835 den medizinischen Staatskonkurs.

Schon während seiner Universitätszeit hatte er ein reges Interesse an dem Entwick­lungsgang und den praktischen Erfolgen der Psychiatrie genommen. Ein ihm verlie­henes Stastsstipendium versetzte ihn nach bestandener Konkursprüfung in die Lage auf einer grösseren Reise durch Deutschland, Frankreich und Belgien die Ein­richtungen der verschiedenen Irrenanstalten kennen zu lernen und persön-liche Be­ziehungen mit den damaligen Autoritäten in der Psychiatrie anzuknüpfen. Sein scharfer beobachtender Geist hatte bald die Schwächen wie die Vorzüge der Irren­pflege jener Zeit erkannt. In seinem Reisebericht an das Ministerium legte er beide in so überzeugender Weise, zugleich mit so beachtenswerthen Verbes-serungsvor­schlägen dar, dass schon damals das Ministerium sein Augenmerk auf ihn gerichtet hielt. Der Bau der Irrenheilanstalt in Erlangen, in die er als Assistent einzutreten hoffte, verzögerte sich aber von Jahr zu Jahr, und um die Zeit nicht unbenützt ver­streichen zu lassen, liess er sich im Jahr 1837 als praktischer Arzt in Fürth nieder.

Während seines Aufenthalts daselbst war ihm die Organisation der Kreisirrenanstalt zu Erlangen übertragen worden, und nach ihrer Eröffnung im J. 1846 wurde er zum Vorstand und Oberarzt derselben ernannt. In Kurzem hatte schon die Erlanger An­stalt einen guten Klang, von Nah‘ und Ferne kamen die Kranken um Heilung und Hülfe hier zu suchen. Seine Pfleglinge verehrten in ihm nicht nur den Arzt, sie fan­den auch an ihm den liebevollen Fürsorger und Berather nach ihrer Heilung, und es knüpften sich Bande lebenslanger Freundschaft und Anhänglichkeit an den Aufent­halt in seiner Anstalt. Aber diese persönliche Befriedigung genügte ihm nicht, son­dern sein Streben war dahin gerichtet dem Zweige der Wissenschaft, welchen er zu pflegen für seinen besonderen Beruf hielt, auch eine weitere Verbreitung als bisher zu sichern. Dazu bot sich ihm die Gelegenheit als er im Februar 1849 zum Professor hon. an der Universität Erlangen ernannt wurde. Psychiatrie war damals noch kein obligater Lehrgegenstand. Trotz dieses für einen akademischen Lehrer nicht zu un­terschätzenden Umstandes hatte er bald einen grossen Kreis von Schülern um sich versammelt, die mit steigendem Interesse seinen geistvollen formvollendeten Vor­trägen folgten.

Im Jahre 1855 erhielt Solbrig vom Staatsministerium den Auftrag Programm und Bauplan für eine oberbaierische Kreisirrenanstalt zu entwerfen; seine Arbeit wurde so beifällig aufgenommen, dass die Anstalt zu München auf Grund dieses Planes ausgeführt, der Bau von dem Verfasser desselben überwacht, und nach Vollendung des Baues er selbst im Herbst 1859 als dirigirender Arzt an die Spitze dieses Insti­tuts gestellt wurde. Auch an der Münchener Hochschule hat er die psychiatrische Klinik ins Leben gerufen, und Vorträge zu halten war ihm selbst stets eine wirkliche Lust und Befriedigung.

Das Eine schmerzte ihn, dass sein Fach noch immer nicht als gleichberechtigt mit den übrigen Spezialdisziplinen der medizinischen Wissenschaft angesehen und als obligatorisch behandelt wurde. Da geschah es im Herbst 1861, dass er auf der Na­turforscher-Versammlung zu Speier einen zündenden Vortrag hielt über die Nothwendigkeit der Errichtung psychiatrischer Kliniken und der Einführung der Psychiatrie in den Kreis der Gegenstände, aus welchen geprüft werde. Nur Wenige waren, die ihm nicht beistimmten. In Baiern aber wnrde nun Psychiatrie im medizi­nischen Staatskonkus als Prüfungsgegenstand eingeführt, und Solbrig war der ers­te, welcher daraus examinirte.

Sein wachsender Ruf und die Bedeutung, die er für sein Fach gewonnen hatte, zo­gen ihm auch die Aufmerksamkeit der preussischen Regierung zu; er erhielt die Be­rufung an die Berliner Universität. Aber die Liebe zum heimischen Boden hielt Solb­rig in Baiern zurück; als Entschädigung für den ausgeschlagenen Ruf wurden ihm Rang und Titel eines kgl. Hofraths und die ordentliche Professur an der Universität München verliehen.

Aber diese Anerkennung seiner Verdienste, zu der noch die Verleihung des St. Mi­chaels-Ordens 1. Klasse und später des Ritterkreuzes des Civilverdienst-Ordens der baierischen Krone kam, übte auf seinen Eifer und seine Thätigkeit keinen Einfluss. Beide zu spornen war weder nöthig noch möglich, und auf erworbenen Lorbeeren auszuruhen war ohnehin nicht seine Sache. Rastlos arbeitete er an immer höherer Ausbildung seiner Disziplin, keine neue literarische Erscheinung von Wichtigkeit im Gebiete der Psychiatrie, sowohl als der Philosophie entging seiner Aufmerksam­keit. Noch in der letzten Zeit seines Lebens sass er bis tief in die Nacht an seinem Schreibtische, versenkt in wissenschaftliche Lektüre oder beschäftigt mit Schrei­ben. Im Jahre 1869 erschien seine Aufsehen machende Schrift über »Verbrechen und Wahnsinn«.

Aber zu diesen vielseitigen wissenschaftlichen und praktischen Arbeiten kam noch eine ausgedehnte Wirksamkeit nach aussen, dadurch, dass sowohl das k. Staatsmi­nisterium als die Kreisregierungen ihn vielfach in Anspruch nahmen zur Abgebung von Gutachten und Berathung über in sein Fach einschlagender Fragen. Das Land besass an ihm eine bewährte Kraft, die man in allen wichtigen Fachfragen anzuru­fen gewohnt war, und dabei behielt er noch Opferwilligkeit und frischen Muth ge­nug, um im September 1870 einen Spitalzug nach Livramont in Belgien zu führen, und als Vertreter des baierischen Zentralausschusses für freiwillige Hülfe an Ver­wundeten und Erkrankten im Kriege die Kriegsspitäler in Schwaben, Ober- und Niederbaiern und der Oberpfalz zu inspiciren.

Aber diese nach so vielen Seiten in Anspruch genommene, auch für einen rüstigen Mann geradezu aufreibende Tkätigkeit vermochte doch nicht sein für heitere Ge­selligkeit angelegtes Temperament zu dämpfen und zurückzudrängen. Einen Nach­mittag jeder Woche stand sein Haus den Freunden offen, und da überliess er sich voll und rückhaltlos der einzigen Leidenschaft, die er hegte, der begeisterten Liebe für Musik, die er seinem ganzen Hause mitzutheilen wusste. Auch in diesem Fache überragte er weit das Maas eines blossen Liebhabers, er war ein feiner Kenner und vielseitig belehrender Meister in der Kunst, und trug den Sinn und Geschmack für das Schöne auf seine ganze Umgebung über.

A. Z.

Wiener Medizinische Presse Nr. 25. Organ für praktische Aerzte. Sonntag, den 23. Juni 1872.


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