Weber’s Volks-Kalender für 1860 / t_1632

Hofrath Dr. Ignaz Perner.

Der Gründer des Münchener Thierschutzvereins, Ignaz Perner, ward geboren am 3. Juli 1796 im oberbayerischen Flecken Ebersberg, 8 Stunden von München. Sein Va­ter, ein Wirth, der mit eiserner Strenge dem Knaben die Gewöhnung an Ordnung und Rechtssinn einpflanzte, lebte in keineswegs günstiger Lage; die Mildthätigkeit anderer war darum schon früh, namentlich aber von da ab, als Ignaz das Gymnasi­um zu München bezog, dem Knaben das einzige Mittel zu geistiger Ausbildung, und auf solche Weise lernte er frühzeitig die Segnungen dieser Tugend verehren. Treffliche Anlagen und bei allem jugendlichen Uebermuth der beharrlichste Fleiß führten ihm bald das juridische Doctordiplom zu, und im Jahre 1820, mit 23 Jahren, sehen wir ihn schon die Stelle eines Protokollisten bekleiden, dann nach einigen Monaten diejenige eines Rathes zu Landshut; bald darauf erfolgt seine Versetzung in die Hauptstadt. Aber Perner’s Ideal bestand nicht in der Verfolgung ehrgeiziger Pläne: so vortheilhafte Stellen ihm auch offen standen, er trat schon 1832 von der Advokatur, die er seit seinem 1827 erfolgten Austritt aus dem Staatsdienste geübt, zurück; und jetzt erst, vom Könige zum Hofrath ernannt, beginnt die Wirksamkeit desjenigen, den diese Zeilen zum Gegenstände haben.

Schon in früheren Jahren, als er noch mit Pünktlichkeit und musterhaftem Ord­nungssinne seinen Pflichten nachgekommen, war an Perner oft wiederholt der Ge­danke herangetreten: wie wird es möglich sein, jenen tiefgehenden Zug der Roh­heit und Grausamkeit im Menschengeschlechts, der die Menschen selber zu Thie­ren erniedrigt, wenigstens annähernd zu tilgen. Als die Frucht dieser Betrachtun­gen müssen wir den von ihm gegründeten und jetzt weit über Europa hinaus ver­breiteten Thierschutzverein betrachten, denn hier, in den Beziehungen des Men­schen zu dem wehrlosen, dienenden Geschöpfe, fand Perner die nächste Veranlas­sung und den Keim zu Grausamkeit und den Ausschreitungen des Hasses, der Bos­heit. Diese Ueberzeugung und die Verachtung alles äußerlich Bestechenden ließen Perner unempfindlich gegen die alsbald hundertfach auftauchenden Bespöttelun­gen und Schmähungen; was galt ihm das Verkennen der großen Menge, deren Grundschwächen er ja eben zu bekämpfen unternahm! Er verfolgte unermüdlich seinen Zweck, suchte wackere Geister dafür zu gewinnen, sammelte auf vielfachen Ausflügen und wei­tern Reisen die mannichfaltigsten Erfahrungen und fand dabei denn auch in den verschiedensten Ländern überall festliche, herzliche Aufnahme. In den höchsten und niedrigsten Kreisen bereicherte Perner im Laufe eines Vierteljahrhunderts, im Verkehr mit allen Ständen, im Privatleben wie im Geschäfte und auf den Reisen, sei­ne Menschenkenntniß, und an mehreren Orten beeiferten sich in diesen letztem Jahren selbst die ersten Notabilitäten, dem wackern Manne ihre Anerkennung aus­zusprechen: so in Linz, in Hamburg, in Breslau.

Als der Münchener Thierschutzverein durch Perner im Jahre 1841 begründet ward, kam dem Unternehmer die Bekanntschaft mit Männern der verschiedensten Be­rufsstände trefflich zu statten; sie alle, die Freunde des Gründers und Gesinnungs­genossen von ihm, waren damit von vornherein Förderer seines Werkes; ihnen schloß sich sogleich ein Mann von Gewicht als Vorstand des Vereins an, der Staats­rath und damalige Finanzminister Graf Karl v. Seinsheim, und die Nachfolger dieses allbeliebten Mannes: der Prinz Eduard von Sachsen-Altenburg, Herzog zu Sachsen, und von dessen Tode ab der Prinz Adalbert von Bayern, der noch heute zum Segen des Vereins wirkt, waren nicht minder Bürgschaft der Erfolge.

So ist dieser Verein, trotz aller Hindernisse, durch Muth und Ausdauer seiner Be­gründer, zu einer Mitgliederzahl von 6000 angewachsen, darunter zahlreiche fürstli­che Häupter; andere regierende, unter ihnen der jetzige Prinz-Regent.von Preußen, haben namhafte Beiträge gegeben; über 150 Zweigvereine, unzählige Private und Körperschaften wirken, über alle Theile der Erde vertheilt, für die Sache des Haupt­vereins, und in allen bedeutendsten Städten sammelten sich Gesinnungsgenossen zu gleichem Zwecke. Seine Einrichtung blieb für alle das Muster, seine Schriften wurden in viele fremde Sprachen übersetzt, und in Frankreich ward von der gesetz­gebenden Versammlung ein fast wörtlich aus den Schriften des Münchener Vereins entnommener Gesetzentwurf angenommen.

Bis zu diesen Zielen, – welcher Opfer bedurfte es von Seiten der Mitglieder, vor al­lem von Seiten des Begründers! Unwandelbare Ueberzeugung, ein eiserner Cha­rakter, eine durch nichts zu brechende Geduld und Ausdauer, der Kampf gegen eingerostete Vorurtheile und Misbräuche, gegen Eigennutz, Kälte und Gleichgültig­keit, gegen offenen und heimlichen Widerstand waren Perner’s stete Begleiter, und eine Correspondenz durch fast ganz Europa seine Thätigkeit – er schrieb allein über 12,000 Briefe!

Heute nun, wo bereits ein großer Theil der Vereinszwecke erreicht wurde und ein endlicher vollständiger Sieg des edeln Werkes zu hoffen steht, bedarf es wol nur der Hinweisung auf jene Grundlage, das Hauptmotiv seiner Wirksamkeit, um jeden Menschenfreund für den Verein zu gewinnen. Es sind folgende Sätze:
1) Das Menschengeschlecht kann nie glücklich werden, so lange Mitleid nicht die Grundlage der Erziehung geworden ist.
2) Es ist unmöglich, ohne Abstellung der Grausamkeit gegen die Thiere das wahre Mitleid je zur Grundlage der Erziehung zu machen.
3) Da das Beispiel der Erwachsenen von wesentlichem Einfluß auf die Erziehung der Jugend ist, bleibt eine wahrhaft gute Erziehung der Jugend so lange unmög­lich, als nicht den Erwachsenen die unnöthige Mishandlung der Thiere untersagt wird.
4) Diese Grundsätze können nur dann praktisch durchgeführt werden, wenn die Re­gierungen sie annehmen und mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln durch­führen.

Und dieses Letztere sei auch unser Wunsch, damit das Wirken eines Mannes auch dann schon seine bleibende Stätte finde, wenn seine Abhandlung »Ueber das Mit­leid und seinen bisher viel zu wenig beachteten Einfluß auf das Glück der menschli­chen Gesellschaft« in ihren Grundwahrheiten noch von manchen aus der Gesell­schaft unbeachtet bleiben sollte.

Weber’s Volks-Kalender für 1860. Leipzig.


37-13-33/34 (Ott & Perner)