Voralrberger Landes-Zeitung (9.1.1928) / t_146

Zwei große Lawinenunglücke im Arlberggebiet 3 Tote am Zürser See – 1 Toter bei der Ulmerhütte

Zürs, 7. Jän. Eine Münchener Skifahrergesellschaft, bestehend aus Ingenieur Her­mann Crämer (geb. 1900), seiner Frau Klara Crämer und dem Studenten Hans Reim (geb. 1900), unternahm heute vormittags trotz ausdrücklicher Abmahnung ohne Führer ein Skipartie an den Zürser See. Etwa um 11 Uhr traten sie eine Lawine los, die alle drei verschüttete. Obwohl sehr rasch Hilfe an dem Unfallort erschien, konn­ten alle drei nur mehr als Leichen geborgen werden.
Die Angehörigen der Verunglückten in München wurden von dem Unglück verstän­digt. Die Leichen werden nach München überführt.

Bericht eines Augenzeugen. Zum Lawinenunglück. Aus einem Bericht des Bezirks­hauptmannes Hofrat Dr. Strobele-Bludenz.

Bei der Partie, die am Zürser See verunglückte, war zuerst auch ein Fräulein Irma Rummel aus Berlin, die aber zurückblieb, da sie keine Felle an den Skiern hatte. Sie ging der Spur der anderen drei nach, sah diese plötzlich abbrechen und bemerkte, daß ein Schneebrett abgegangen war. Fräulein Rummel kehrt« sofort um und eilte nach Zürs, um Hilfe zu holen. Um 12.15 Uhr ging die Rettungsexpedition von Zürs ab und erreichte in einer halben Stunde die Unglücksstelle; man braucht sonst für diese Strecke drei Viertelstunden. An der Expedition beteiligten sich 15 einheimi­sche und etwa 15 fremde Skifahrer. Die Arbeiten leiteten die Skilehrer Schneider, Jochum und Schatzmann und die Hilfslehrer Mathis und Keßler. Letztere brachten auch den Rettungsschlitten mit. Zuerst wurde die Leiche des Ingenieurs Crämer aufgefunden, die etwa einen Meter tief im Schnee lag. Crämer ist, wie der anwe­sende Arzt Dr. Pösch feststellte, an Erstickung gestorben. Als Reim ausgegraben wurde, gab er noch Lebenszeichen. Dr. Pösch stellte Wiederbelebungsversuche an, die insoferne Erfolg hatten, als die Atmung wieder in Gang gebracht wurde. Auf dem Transporte ist Reim plötzlich gestorben, wahrscheinlich an inneren Verletzun­gen. Frau Crämer wurde erst nach vierstündigem Suchen aufgefunden. Sie lag zwei Meter unter dem Schnee. Nach Angabe des Arztes ist auch sie an Erstickung ge­storben; Mund und Nase waren voll Schnee.
Das Unglück geschah auf der Madlochalpe, etwa drei Viertelstunden oberhalb Zürs. Das Schneebrett brach nach Nordosten gegen den See ab. Es war 70 bis 100 Me­ter breit, 200 Meter lang und 1 bis 3 Meter tief.
Die Verunglückten sind vom Hilfsskilehrer Friedrich Wolf, Bauernsohn von Lech, derzeit in Zürs, gewarnt worden, die Tour zu unternehmen; Wolf hatte auch mit Rücksicht auf die Lawinengefahr die Begleitung abgelehnt.
Die Brüder des Ingenieurs Crämer sind in Zürs eingetroffen. Am Montag früh wer­den die Leichen nach Langen gebracht und eingesargt und dann nach München überführt.

Voralrberger Landes-Zeitung Nr. 6. Bregenz, Montag den 9 Jänner 1928.


27-05-21/22 (Crämer)