Unterhaltungen für das Theater-Publikum (29.5.1833) / t_1571

Vincenzo Santini.

Er ist wieder hier, unser Sommervogel, die schöne Jahreszeit hat ihn uns wieder zu­rückgebracht. Er kommt aus Madrid, dem Lande der alten Pracht, der vielen Kir­chen, der Guitarren, des Boleros, und der Stiergefechte! Und Alles das hat er gese­hen und weiß gar viel davon zu erzählen, und einen ächten Figaro hat er mitge­bracht, das heißt einen andalusischen Anzug, denn der ächteste Figaro ist er selbst – durch und durch – vom Kopf bis zur Ferse – le barbier de qualité! – Alle wünscht ihn wieder zu hören und zu sehen, diesen belustigenden Buffo, und trefflichen Sän­ger, und wir hoffen diesen Wunsch in diesem Jahre wieder, gleich wie im vorigen erfüllt zu sehen.

Vor uns liegt »la Revista espannola, periódice dedicado à la Reina« die unsers Sän­gers Lob und Ehre verkündet. Fünf Mal sang er im Hofkonzerte Sr. M. des Königs von Spanien, und zwar mit keinem Geringern, als mit dem Serenissimo Infante Don Francisco de Paula, dem Bruder des Königs, der eine sehr schöne Baßstimme besit­zen soll, und alle Duette von Rossini mit Santini vortrug. »Las espresones benignas que en esta circunstancia ha oido el Sr. Santini de aus labios, serà un compensacion de au malograde viage,« heißt es in der Revista. Und wahrlich solcher Anerkennung und Auszeichnung bedurfte es, um ihn für seine Reise zu entschädigen. Er und die liebenswürdige Julie Grisi waren für die italieni­sche Oper in Madrid engagirt worden. Er empfängt die ausbedungene Subvention, reist ab, und wie er eintrifft, ist das ganze Unternehmen zu Wasser geworden, und er muß sich mit dem Erhaltenen, als der einzigen Entschädigung begnügen. Aber »las noticias que corren de su gran talento musico« verschaffen ihm die hohe Aus­zeichnung, deren wir oben Erwähnung thaten.

Das spanische Theater in Madrid soll in diesem Augenblicke nichts weniger als aus­gezeichnet seyn. Der im gewöhnlichen Leben so lebendige und feurige Spanier er­scheint auf der Scene kalt und abgemessen. Auch sind die Schauspieler nicht im Stande, ein großes Publikum anzuziehen, dafür aber entschädigt der Bolero, der je­desmal zwischen den Stücken getanzt wird. Dann füllen sich Logen und Gallerien, dann beleben sich die Blicke, dann bricht der Beifall los. Nicht satt wird man, die­sen Nationaltanz anzusehen, der auf dem Theater in Madrid von den ersten Ballet­tänzern, sicherlich in der höchsten Vollendung, ausgeführt wird.

Santini hat die Ouvertüre zur Oper Don Quixotte mitgebracht, welche Mercadante bei seinem letzten Aufenthalte in Madrid componirte, und worin die beliebtesten Nationaltänze eingeflochten sind.

Nächst dem Bolero sind es noch immer die Stiergefechte, welche das Publikum un­terhalten, und die in ihrer antiken Größe eine Masse von 10 – 15,000 Menschen zu versammeln im Stande sind.

Sonst ist das Leben einsam und traurig. Die Kaffeehäuser füllt Rauch, und nicht al­lein der, wohlriechender Cigarren, sondern glimmenden Papiers, worin sie dort nach Landssitte eingewickelt werden.

Aber die Damen sind schön, das wissen wir aus eigner Erfahrung. Sie hegen große Sorgfalt auf die Erhaltung ihres Teints, und ist eine solche Spanierin weiß, so ist sie es wunderbar und übermenschlich. Eben so schön sind ihre Füße, besonders das Fußgelenk, das nirgends so zierlich angetroffen wird. Daher ein bekanntes spani­sches Tenzon folgende Frage zur Entscheidung aufwirft:
»Sagt, was höhern Preis gewinnt:
Leis Berühren mit dem Fuß,
Oder Handdruck- oder Gruß
Mit dem Blick, der leicht zerrinnt!«
Und nachdem Alles auf’s Scharfsinnigste erwogen, erhält das Berühren mit dem Fuße den Vorzug.

Doch genug mit diesen Bemerkungen, sie könnten uns zu weit führen, der Artikel sollte ja ursprünglich nur unserm lieben Santini gewidmet seyn, dem wir hiemit – im Namen aller Kunstfreunde – ein herzliches Willkommen zurufen.

August Lewald: Unterhaltungen für das Theater-Publikum. München, 29. Mai 1833.


12-01-24* (Santini)