Unterhaltungen für das Theater-Publikum (18.5.1833) / t_1558

Giulio Pellegrini.

Es ist gewiß den Theaterfreunden nicht uninteressant, über die frühern Lebensver­hältnisse dieses Künstlers hier etwas Näheres zu finden.

Giulio Pellegrini ward zu Mailand den ersten Januar 1806 geboren. Schon in frühes­ter Jugend beschäftigte er sich mit der Musik. Sein erster Lehrer war der Maestro Pagani. Bald trat er als Zögling in’s Conservatorium, welches damals unter der Di­rektion des Ritters Orlandi stand, der nun bereits seit vielen Jahren ebenfalls in un­serer Mitte lebt und als ausgezeichneter Gesanglehrer bekannt ist. Im eilften Jahre bildete sich seine schöne Baßstimme und auf Binaghi’s, Banderali’s und anderer be­rühmter Sänger Rath, machte er seine ersten Versuche in der Kirche und übergab sich dann gänzlich der Leitung des letztgenannten Professors. Dreizehn Jahre alt hatte er schon solches Aufsehen erregt, daß er nach Turin zum Theater Carignano berufen wurde, und dort mit großem Beifalle auftrat. Die italienischen Zeitungen sprachen von ihm mit vielem Lobe und dies bewog den Herrn Baron von Priuli, den jungen Künstler für unsere italienische Oper zu werben. Seine erste Debut war Fa­raone im Mosè von Rossini, worin er als Knabe von noch nicht vollen funfzehn Jah­ren, den reichsten Beifall von einem fremden Publikum erntete.

Seine Stimme war damals schon überraschend schön, allein sein eingezogenes Le­ben, ganz dem Studium geweiht, wie es die Künstler seines Vaterlandes gemeinhin zu führen pflegen, bildete ihn immer mehr und mehr aus. Als im Jahre 1825 die ita­lienische Oper aufgelöst wurde, faßte Pellegrini den kolossalen Gedanken, deutsch zu lernen, um fortan unserer Bühne anzugehören. Man kann denken, welche unsäg­liche Mühe dies dem jungen Künstler machen mußte, der stets gewöhnt war, seine weichen Silben, die sich von selbst dem Gesange anschmiegen, auszusprechen. Der Freiherr von Poisl zahlte ihm tausend Gulden Wartgeld, um ihm die Ausführung seines Planes zu erleichtern und ihn so der deutschen Kunst zu gewinnen, da er ohne diese Unterstützung wohl nach Italien hätte zurückkehren müssen. Merkwür­dig ist es, daß ein Franzose es war, der sich der Mühe unterzog, ihm das Deutsche beizubringen. Es war der Sprachlehrer Herr Gerard, dessen leicht faßliche Methode bekannt ist. Nach drei Monaten war il Signor Giulio Pellegrini im Stande, »in diesen heiligen Hallen« in einem Concerte öffentlich vorzutragen. Man kann denken, daß das Publikum es nicht an Beifall fehlen ließ, um ihm seine Beharrlichkeit zu lohnen. Sein erstes Debüt auf der deutschen Scene war der Comthur im Don Juan, der an diesem Abende zum ersten Male zur Hauptparthie der ganzen Oper wurde. 1831 trat Pellegrini im Theater Della Fenice in Venedig, und 1832 im Kingstheater in Lon­don auf. Ueberall wurde seinen ausgezeichneten Naturgaben, so wie seiner Kunst die schmeichelhafteste Anerkennung zu Theil.

Pellegrini ist jetzt so durch und durch ein Deutscher, daß er wohl schwerlich unser rauhes Land mit dem lieblichen Italien jemals zu vertauschen gedenkt. Es ist viel­leicht der erste, jetztlebende deutsche Baßist. Seine Stimme erinnert an die Labla­che’s, obgleich ihre Tiefe voller und kräftiger ist, seine Gestalt ist männlich pronon­cirt, sein Aussehen kräftig und jugendlich.

Die Pellegrini’s haben schon viele wackere Künstler dem Theater geliefert. So lebt in Paris ein alter Meister, dieses Namens, der viele berühmte Schüler, unter Andern, Mad. Cinti-Damoreau gebildet hat.

Unterhaltungen für das Theater-Publikum. München, 18. Mai 1833.


36-08-28/29 (Pellegrini)