Unterhaltungen für das Theater-Publikum (13.11.1833) / t_1568

Vincenzo Santini.

Es ist bemerkenswerth genug, daß mehrere der jetzt berühmtesten Italienischen Sänger als Instrumentalisten angefangen haben. Lablache war ein trefflicher Violon­cellist, Rubini spielte früher die Violine, und Tamburini das Horn. Santini kam eben­falls aus dem Orchester auf die Bühne. Schon in seinem eilften Jahre blies er die Clarinette.

Vincenzo Santini wurde 1798 in Pisa geboren. Sein Vater war Goldarbeiter, und er­zog seinen Sohn für dasselbe Gewerbe; aber seine Bemühungen waren vergebens, bei dem jungen Vincenzo überwog die Liebe zur Kunst jede andere Rücksicht. So oft es nur irgend möglich war, verließ Vincenzo heimlich die Werkstätte seines Va­ters, um entweder in der Domkirche den Tönen der Orgel zu lauschen, oder an den Ufern des Arno den wandernden Sängern zuzuhören. Da der Beruf zur Musik sich bei dem Knaben so entschieden und beharrlich aussprach, ließ sich der Vater end­lich überreden, und er bekam Unterricht bei Frediani auf der Clarinette. Er machte schnelle Fortschritte, und sein Vater hatte keine Ursache, den gethanen Schritt zu bereuen. Santini war vierzehn Jahre alt, als er des Morgens die erste Clarinette in der Domkirche in Pisa blies, und Abends im Theater als erster Flötist im Orchester mitwirkte. Er fing indessen zu gleicher Zeit an, sich der Gesangkunst zu widmen. Sein Lehrer war der Kapellmeister Romani, und früh schon entwickelte er die herr­lichsten Anlagen als Sänger. In seinem fünfzehnten Jahre hatte er eine Sopranstim­me von seltener Reinheit und bedeutendem Umfange, und in seinem sechzehnten Jahre, wo der Stimmwechsel eintrat, blieben ihm jene Vorzüge in der tieferen Lage.

Santini empfand eine Sehnsucht, die Welt kennen zu lernen, und verließ in seinem siebzehnten Jahre Pisa, um eine Kunstreise durch Italien anzutreten. In Siena wollte er ein Conzert geben, konnte aber nicht die Mitwirkung anderer Künstler erlangen. Der Gouverneur Bianchi stellte ihm die Säle seines Pallasts zur Verfügung, und San­tini, der sich mit der Begleitung weniger Orchestermitglieder begnügte, vervielfäl­tigte sich sozusagen selbst, spielte ein Conzert von Sforzi auf der Clarinette, sang eine Arie aus la Pamela unbile von Generali, führte dann Variationen von Berbiguier auf der Flöte aus, und schloß mit Sarastro’s Arie aus Mozarts Zauberflöte. Von Sie­na ging Santini nach Rom, wo er wohl darauf rechnete einige Conzerte geben zu können von der Art, wie in Siena, als ein unerwartetes Ereigniß ihn als Sänger auf die Bühne brachte. Der Buffo der Operngesellschaft im Theater Valle hatte ganz mißfallen, und der Impressario, der Santini’s Stimme loben hörte, trug diesem ein Engagament an, wenn er sogleich die Partie des Grafen in Rossini’s Pietra del Pata­gone singen wolle mit der berühmten Marcolini, für welche jene Oper geschrieben war. Der Versuch gelang Santini über alle Erwartung; sein Eifer und der unermüde­te Fleiß, den er zeigte, verschafften ihm eine Benefizvorstellung, worin er mit gro­ßem Beifalle ein Clarinettconzert vortrug.

Von Rom ging Santini nach Mailand, und von dort nach Venedig, wo er im l’Inganno felice und im Turco in Italia auftrat. Hier trug er auch bei einer Benefizvorstellung ein Clarinettconzert mit so außerordentlichem Erfolge vor, daß der Instrumentalist den Sänger ganz verdunkelte. Dieser Sieg, den das Instrument über die Stimme davon trug, bewog Santini, Clarinette und Flöte zu verkaufen, um nie mehr in Ver­suchung zu gerathen.

Er entsprach einem vorteilhaften Rufe nach Cremona, wo er in der Italiana mit Zam­boni und Signora Brizzi sang. Unterdessen kam Massa von München nach Cremo­na, um Individuen für die Italiänische Oper zn engagiren, er hörte Santini, schloß sogleich mit ihm ab, und nahm ihn mit sich nach Bayern. Zuerst war Santini für vier Monate in München engagirt, aber seine Auftrittsrollen hatten einen so glänzenden Erfolg, daß alsbald ein Contract für fünf Jahre erfolgte, und nicht lange darauf wur­de er lebenslänglich bei der königlichen Hof-Capelle angestellt. Er trat auf in Mün­chen im Jahre 1819 mit Zamboni, Giacomo Rubini und Sigra Schiafetti. Als später die Italiänische Oper aus einander ging, erhielt Santini auf seine Bitte von des jetzt regierenden Königs Majestät seine Entlassung als Hof-Capellsänger, und seitdem glänzt er unter den ersten Künstlern der Italiänischen Oper in Paris und in London. Die ungewöhnliche Kraft der hohen und tiefen Töne in Santini’s Stimme schreibt man der gigantischen Formation seiner Kehle und der ungewöhnlichen Länge sei­ner Zunge zu. Durch sorgfältiges musikalisches Studium und unablässige Uebung hat er jene Naturverhältnisse glücklich benutzt, um überraschende Ergebnisse in seiner Kunst zu erzielen. Santini singt jetzt in Paris mit immer steigendem Beifalle und ist ein Liebling des Publikums geworden sowohl in komischen wie in ernsten Partien, die er mit gleichem Erfolg darstellt.

August Lewald: Unterhaltungen für das Theater-Publikum Nro. 17. 13. November 1833.


12-01-24* (Santini)