Unterhaltungen für das Theater-Publikum (10.8.1833) / t_1575

Berlin, 3. August.

Die preußische Staatszeitung enthält Folgendes:

Madame Schechner-Waagen beschloß gestern den Cyklus ihrer Gastdarstellungen mit der großartigen Rolle der Iphigenia in Glucks Oper dieses Namens.

In der weiblichen Stimme liegt zuweilen ein so unnennbarer Zauber, daß sie allein hinreichend ist, Wirkungen auf unser Gemüth hervorzubringen, welche die Kunst zwar steigern, aber nie erschaffen kann. Man nennt eine solche Stimme gewöhnlich eine rührende, obgleich diese Bezeichnung viel zu wenig umfassend ist, indem je­ner Zauber keineswegs bloß sanfte, sondern auch stärkere, leidenschaftliche Ge­fühle in uns aufzuregen im Stande ist. Führt nun ein günstiges Geschick solche Stimmen der Kunst zu, und trifft dabei ein empfänglicher Geist und der rechte Leh­rer zusammen, so sehen wir jene seltenen Erscheinungen daraus hervorgehen, die wie glänzende Meteore vor unsern Augen vorüber ziehen, und uns um so mehr mit Bewunderung erfüllen müssen, wenn wir bedenken, wie viel heutiges Tages zu ei­ner Sängerin gehört, wenn dieselbe der theatralischen wie der musikalischen Kunst vollständig Genüge leisten soll.

Madame Schechner-Waagen gehört unstreitig zu der Zahl solcher, schon von der Natur begünstigter Sängerinnen; der seelenvolle Klang ihrer Stimme vorzüglich ist es, dem sie den großen Ruf und die Erfolge verdankt, die ihr Erscheinen bisher noch überall begleitet haben. Ein guter Genius hat sie der Deutschen Musik zuge­führt, wo sie von ihrer Gabe den edelsten Gebrauch machen und sie in ihrer ganzen Größe erscheinen lassen kann. Ihre Kunstbildung steht auf der Stufe, daß sie in den Meisterwerken unserer deutschen Komponisten unbedenklich jede ihrer Persön­lichkeit zusagende Aufgabe übernehmen könnte, und ist daher der Kreis ihrer Rol­len nicht so ausgedehnt, als es in dem Interesse der Kunst zu wünschen wäre, so müssen wir dies lediglich in physischen Hindernissen suchen. Schon bei ihrem ers­ten Auftreten auf der hiesigen königl. Bühne zeigte es sich, daß sie nicht über eine feste Gesundheit gebiete. In mehreren Vorstellungen sah sie sich schon damals durch Unwohlseyn genöthigt, längere Actpausen als gewöhnlich zu machen, auch wurden ihre Gastrollen mehr als einmal durch Krankheit unterbrochen. Man hoffte von der Zukunft Herstellung von ihren Uebeln; leider ist diese Hoffnung nicht in Er­füllung gegangen. An den Tagen dagegen, wo sie ganz über ihre Kräfte gebieten konnte, entsprach sie in hohem Grade jeder Erwartung, welche sich die hiesigen Musikfreunde von ihr gemacht hatten. Und diese Erwartung hat sie auch bei ihrem diesmaligen Hierseyn nicht getäuscht. Ihre seelenvolle Stimme, ganz dem ver­wandt, was wir im Eingange dieses Berichtes andeuteten, findet unwiderstehlich den nächsten Weg zum Herzen, und gibt jeder Note eine früher nie gekannte Be­deutung. Ihre von aller Trockenheit entfernte einfache Behandlung der Gesangstü­cke, das richtige Abwägen ihrer Kräfte, – eine Kunst, die sie im erstaunenswürdigen Grade besitzt, – und der Fleiß, den sie auf das, in deutschen Kompositionen so wichtige, deutliche Aussprechen der Worte verwendet, begeistern nicht allein ihr Publikum, sondern auch die Mitsingenden. Was Mad. Schechner-Waagen zugeich als Schauspielerin zu leisten vermag, hat sie uns in den Rollen der Iphigenia und des Fidelio bewiesen, die wir als die gelungensten ihrer Darstellungen betrachten. Außerdem ist die Künstlerin noch in drei Opern: als Emmeline in der »Schweizerfa­milie,« als Rezia im »Oberon« und als Gräfin im »Figaro« aufgetreten. Zu bedauern ist, daß Mad. Schechner-Waagen, eben ihrer Kränklichkeit halber, das Repertoir ih­rer Rollen nicht hat erweitern können. Von Parthien, wie die der Alceste und der Armide, so wie der sämmtlichen bedeutenderen Sopranrollen in den Mozartschen Opern hätten wir uns einen seltenen Genuß versprechen dürfen. Aber auch in dem für ihr Talent zu engen Rollenkreise, in welchem wir die Künstlerin von der Bühne herab zu bewundern Gelegenheit hatten, steht sie in diesem Augenblicke unüber­troffen da, – ein würdiges Vorbild edler Behandlung des Gesanges und der Verherr­lichung und Aufrechthaltung wahrer deutscher Kunst.

Bei ihrem gestrigen letzten Auftreten als Iphigenia war Mad. Schechner-Waagen so trefflich bei Stimme, daß sie die ihr zu Gebote stehenden Mittel noch in ihrer gan­zen Fülle entfalten konnte; der Enthusiasmus, den sie erregte, ist schwer zu be­schreiben. Schon bei ihrem ersten Erscheinen von dem überfüllten Hause mit stür­mischem Beifall empfangen, begleitete sie derselbe durch die ganze Vorstellung, und verwandelte sich am Schluß in jubelnden Hervorruf. Mit herzlichen Worten nahm Mad. Schechner-Waagen von einem Publikum Abschied, dem sie, nach eige­nem Geständniß, die erste Anregung und die eigentliche Richtung ihrer künstleri­schen Laufbahn dankt, und das, alles Großartige vorzugsweise ehrend, die schei­dende Künstlerin auch in der Ferne stets zu seinen Lieblingen zählen wird. Möge sie ihrem kunstsinnigen deutschen Vaterlande noch recht lange erhalten werden und mit stets regem Eifer der Kunst zuwenden, was Natur ihr in so reichem Maße verliehen.

Unterhaltungen für das Theater-Publikum Nro. 16. München, 10. August 1833.


33-07-34 (Schechner-Waagen & Waagen)