Unsere Zeit (1.7.1871) / t_502

In dem am 30. Juni 1871 verstorbenen Professor Franz Xaver Zenger hat die Uni­versität München einen ihrer hervorragendsten Vertreter verloren. Zenger wurde am 28. Nov. 1798 zu Stadtamhof bei Regensburg geboren und siedelte bereits in den ersten Lebensjahren mit seinem Vater nach Augsburg über, wo er das dortige Gymnasium bezog, an welchem der Prinz Louis Napoleon, nachmaliger Kaiser der Franzosen, sein Schulkamerad war. Nachdem er dann nach absolvirtem Maturitäts­examen in Landshut seine Studien begonnen und fortgesetzt hatte, wurde er im Jahre 1823 daselbst zum Doctor beider Rechte befördert. Zu Göttingen, wohin er sich nun wandte, war er eifriger Zuhörer Hugo’s, Göschen’s, Karl Friedrich Eich­horn’s u. a. Es war besonders Hugo, zu dem er in nähere Beziehungen trat. Nach seinem Geburtsorte zurückgekehrt, lag er eine Zeit hindurch der juristischen Praxis ob, bis er sich im November 1826 als Privatdocent an der Universität München ha­bilitirte und somit zu den ersten Lehrern der eben von Landhut in die bairische Me­tropole verlegten Hochschule gehörte. Zwei Jahre später folgte Zenger einem Rufe als außerordentlicher Professor nach Erlangen, kehrte indeß bereits im Jahre 1831 als ordentlicher Professor nach München zurück, um bis an sein Ende dort eine se­gensreiche Thätigkeit zu entwickeln.

Zenger war ein vortrefflicher Docent; nicht sowol durch den Glanz des Vortrags oder die Originalität seiner Methode, als vielmehr durch die anschauliche Klarheit und erschöpfende Gründlichkeit seiner Vorlesungen ausgezeichnet, hat er eine gro­ße Zahl tüchtiger und tüchtigster praktischer Juristen herangebildet und in dieser Beziehung wahrhaft Seltenes geleistet.

Besonderes Geschick besaß Zenger für die administrativen Functionen. Im Jahre 1840-41 war er Rector der Münchener Universität und hatte später eine lange Rei­he von Jahren einen hervorragenden Platz im Senat und im Verwaltungsausschusse der Universität inne. Häufig Dekan der juristischen Facultät, lange Jahre hindurch Stipendienephorus, einigemal Vertreter der Universität im Landtage, endlich maß­gebendes Mitglied des Spruchcollegiums, bewährte Zenger sich als ein durch Scharfsinn, Gelehrsamkeit, Charakter und praktisches Geschick ausgezeichneter Mann und wird als solcher stets in den Kreisen der Münchener Universität in gutem Andenken bleiben.

Die literarischen Leistungen Zenger’s beschränken sich auf seine Inauguralabhand­lung: »De interventionibus generatim, et in specie illa quam vocant mixtam«, wel­che übrigens niemals im Drucke erschien, seine Habilitationsschrift »Ueber das Vadimonium der Römer« (Landshut 1826) und einen »Grundriß zu Vorträgen über das Pandektenrecht«, welcher Fragment geblieben ist. Ein lange von Zenger vor­bereitetes Compendium des Römischen Rechts ist leider niemals ans Licht gekom­men.

Unsere Zeit. Deutsche Revue der Gegenwart. Monatsschrift zum Conversations-Lexikon. Leipzig, 1. Juli 1871.


12-02-55 (Zenger)