Über Land und Meer (1883) / t_1294

Otto Seitz.

(Hiezu das Porträt S. 1024 und das Bild S. 1025.)

»Aber es ist doch ewig schade,« sprachen Sie, meine schöne Reisegefährtin, auf unserer Retourfahrt von Würzburg, »wenn Sie das uns eben Erzählte nicht einem weitverbreiteten Blatte zur Verfügung stellen. Hunderte der Festgäste der Alma Julia, die den herrlichen Jubiläumszug bewunderten, möchten gewiß den genialen Arrangeur näher kennen lernen.«

Ob es mir aber gelang, wieder so zu erzählen wie damals unter dem Zauber Ihrer schönen Augen, mögen Sie selbst beurtheilen, meine Gnädige.

Professor Otto Seitz, geboren 1846, ist der Sohn des rühmlichst bekannten Gra­veurs und kundigsten Antiquitätensammlers M. Jos. Seitz, der mit Recht von Dr. Sepp der Münchener Benvenuto Cellini genannt wird. Hier wohl in der Kunstwerk­stätte des Vaters mag der nachherige Professor seine ersten Anregungen zur Kunst erhalten haben, wie er denn heute noch mit Begeisterung erzählt, welch’ gewaltige Eindrücke die Rüstungen und Gobelins und holzgeschnitzten Madonnen auf ihn machten. Spielend führte ihn so der Vater in Kunst und Alterthumskunde ein und bald konnte der Knabe mit ziemlicher Sicherheit von einem Kunstgegenstande sa­gen, in welches Jahrhundert sein Geburtsdatum fällt.

Maler zu werden, war des Jungen einziger Wunsch. Er durchlief die Kunstgewerbe­schule und lag als Akademiker mit seltenem Eifer dem Studium der Antike ob. Un­ermeßlich groß war seine Freude, wie er oft im Kreise trauter Freunde zu erzählen pflegt, als ihn Piloty, der beste Lehrer seiner Zeit, in die Komponirschule aufnahm. Das waren für ihn Tage der höchsten Begeisterung und des ernstesten Strebens. Die Akademie zeichnete seine Arbeiten mit den üblichen Preismedaillen aus und Pi­loty selbst war es, der den kaum fünfundzwanzigjährigen Mann als Lehrer für die Akademie vorschlug.

Was Otto Seitz uns seit diesem Dezennium geschenkt hat, ist eine Fülle von Bildern und Illustrationen, die schon ohne jeden Bezug auf ihren Werth unsere Achtung und Bewunderung erzwingen. Ihm ist Kunst Bedürfniß und Erholung – der Tag scheint für ihn zu kurz bemessen zu sein; denn wer in später Mitternachtsstunde in München die Schellingstraße entlang geht, der könnte ihn in den meisten Fällen noch arbeitend finden. Und diesem »Viel« seiner Schöpfungen gesellt sich das »Vorzüglich« nach Gehalt und Form. Wenn wir seine neuesten Illustrationen zu Goethe’s Werken (Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart) bis zu seinen ersten uns vergegenwärtigen, so ist es ein Etwas, das uns fesselt – es ist die glücklichste Erfas­sung des packendsten Momentes, jedesmal ein Kernschuß – und wir bleiben gerne vor dem Bilde eine Weile, lassen dasselbe auf uns wirken und müssen anerkennen, daß es überall eine congeniale Schöpfung ist, die sein Stift uns vor Augen gestellt. Einer seiner unbestreitbarsten Vorzüge ist, daß ihm auf dem Wege vom Geiste bis zur Hand nichts verloren geht, daß er das eigene göttlich Empfundene in die schönste Form zu bannen weiß und unsere seelischen Saiten gleichsam zwingt, mit­zuklingen. Hätte es Otto Seitz aus irgend welchem Grunde nur bis zum Illustrator gebracht, er hätte gleichwohl »gelebt für alle Zeiten«.

Aber unser Künstler ist noch größer in der Beherrschung der Farbe. Ein Blick in die Kataloge der Ausstellung von München, Philadelphia und Wien zeigt uns den Na­men Otto Seitz, und die im Kampfe mit den bedeutendsten Meistern der Gegen­wart errungenen Preise sind ein ehrendes Zeugniß für sein künstlerisches Gestal­ten.

Von seinen Werken sind besonders hervorzuheben: »Neptun’s Meerfahrt«, das sei­nerzeit in Amerika einen Sturm von Begeisterung hervorrief, dann »Riccio’s Ermor­dung«, »Welke Blätter«, »Der gute Stahl«, »Heimatsklänge«, »Faun und Nymphe« mit lebensgroßen Figuren in üppiger Landschaft. Pecht, der berühmte Kunstschrist­steller schrieb darüber: »In Farbe und Technik erinnert das Bild an die besten Wer­ke des Caravaggio und Spagnoletto.«

Wunderschön und geradezu ergreifend sind »König Eduard’s Söhne«, ein Werk, das ein bekannter Kunstkritiker mit Recht »Das hohe Lied des guten Gewissens« nann­te. Die sorglos schlummernden prächtigen Knaben und die von Richard zur Ermor­dung der Neffen gedungenen Bravi sind trefflich kontrastirt und der Künstler hat mit seltenem Geschick die delikate Aufgabe gelöst, einen an sich entsetzlichen Vor­gang auf eine wohl erschütternde, aber nicht abstoßende Weise vorzutragen.

Die Perle seiner Schöpfungen bleibt aber »Der gefesselte Prometheus«. Dieses herrliche Bild zeigt uns die überlebensgroße Figur des Titanen, an den Felsen in den scythischen Einöden mit ehernen Fesseln geschmiedet, wie er den Adler her­anschweben sieht, welchen Jupiter sendet, um dem duldenden Heros die Leber auszureißen. Der titanische Trotz ist in dem schönen, männlichen Kopfe vollendet zum Ausdrucke gebracht und mit größter Meisterschaft ist die menschliche Form in Farbe und Zeichnung behandelt. Der einsame Felsen und das weite Meer bilden ei­nen wirkungsreichen Gegensatz und geben dem Bilde den Charakter hoher Poe­sie.

Unser Künstler leistet aber nicht allein Hervorragendes im Figurenfache, er ent­zückt uns auch durch hochpoetische und großartige Landschaften; wir begegnen auf Ausstellungen und in Privatsammlungen manchem frischen Blumenstrauße und farbenprächtigen Stillleben.

Was Seitz als Lehrer ist, zeigt die hohe Zahl seiner Schüler. Alljährlich hört man das Lob des Meisters bei den öffentlichen Ausstellungen der Schülerarbeiten in der Akademie, man hört sein Lob aus dem Munde seiner begeisterten Schüler selbst, denen er nicht nur der gewissenhafteste Lehrer, sondern auch der väterlichste Freund ist.

Dürfen wir uns erlauben, einen Blick in seine stille Häuslichkeit zu werfen? Es sind nicht Prunkgemächer, in denen man uns empfängt: es ist ein gemüthliches Daheim, vom Künstler mit feinstem Geschmacke ausgestattet. »Alt und echt«, sagt Seitz mit besonderem Stolze, wenn wir seine hohen, reichgeschnitzten Kästen, seine Waffen und Majoliken bewundern. Hier waltet in stiller Geschäftigkeit die kluge Hausfrau, die Tochter eines geachteten Beamten, welche er sich vor zehn Jahren erkor. Und wie erschallen diese ernstschönen Räume von frischem Leben, wenn die drei Söhn­chen des Meisters im Alter bis zu neun Jahren mit ihren jugendlichen Stimmen ein altes Florentiner Volkslied oder eine Barcarola singen. Der Künstler, obwohl ein gu­ter Deutscher, schwärmt für das so oft bereiste Italien und in seiner Familie wird nur italienisch gesprochen. A rivederci. A. R.

Über Land und Meer No. 51. Allgemeine Illustrirte Zeitung. 52. Band. Sechsundzwanzigster Jahrgang. Oktober 1883-1884.


07-05-56 (Seitz)