Über Land und Meer (1872) / t_854

Johann Halbig,
Bildhauer und königl. Professor in München.

Schon in alten Zeiten bewegte sich in den heute zum Königreiche Bayern vereinig­ten Ländern die Kunst frei und lebendig. Namentlich wurde die Plastik mit Erfolg geübt und bereits im Jahre 1240 finden wir ein von einem Kanonikus des Klosters Bayerdießen am Ammersee gefertigtes Bildniß der heiligen Maria. Später lebten und schufen der Bildhauer Leb, von dessen Hand das schöne Denkmal Otto’s von Pienzenau in der Klosterkirche zu Ebersberg, und Meister Hanns der Steinmetz, der das weltberühmte Grabmal Ludwig’s des Bayern in der Frauenkirche herstellte; Till­mann Riemenschneider, der Meister des großen Grabmals Heinrich’s des Heiligen und seiner Gemahlin Kunigunde im bamberger Dom; Peter Vischer in Nürnberg, dessen Name das Sebaldusgrab dortselbst unsterblich machte; Veit Stoß, Adam Kraft und Andere, der den Uebergang vom achtzehnten zum neunzehnten Jahr­hundert bildenden wackeren Künstler Roman Boos und Franz Schwanthaler gar nicht zu gedenken.

Dann beginnt mit Ludwig Schwanthaler, des Letzteren Sohne, die lange Reihe der neueren Künstler: Konrad Eberhard, Friedr. Schoenlaub, Max Widnmann, Friedrich Brugger, Ludwig Schaller, Arnold Lossow, Joh. Leeb, Martin Wagner, Joh. Halbig, Konrad Knoll, Kaspar Zumbusch und wie sie Alle heißen mögen, die zum Ruhme der Münchener Schule beitrugen und noch beitragen.

Joh. Halbig, dessen Porträt wir nach einer Photographie von J. Albert bringen, ist, wie so mancher seiner Kunstgenossen, der Erbe künstlerischer Befähigung seiner Voreltern.

Sein Großvater Christian Halbig, ein schlichter Bauer im Dorfe Heinert bei Haßfurt, baute, ohne der Musik kundig zu sein, vortreffliche Geigen, Klaviere und Stahlhar­monikas und lieferte nebenher die feinsten Tischlerarbeiten.

Ja selbst als Bildhauer war er thätig, wie ein paar Altäre in der Pfarrkirche seiner Heimat und ein sechs Fuß hohes Grabmal einer Frau von Zurwesten in der Kirche zu Haßfurt darthun.

Von seinen drei Söhnen widmeten sich Johann Adam und Joseph der Kunst und ar­beiteten nicht ohne Anerkennung an den Kunststätten Bamberg und Ebrach.

Johann Halbig nun ist der Sohn des eben genannten Joseph Halbig und am 13. Juli 1814 in Dannersdorf, k. Bezirksamts Gerolzhofen, geboren, erhielt von seinem Va­ter den ersten Unterricht im Zeichnen, besuchte in seinem siebenzehnten Jahre die polytechnische Schule zu München, trat später an die Akademie der bildenden Künste über und wußte bald durch seine künstlerischen Leistungen die Aufmerk­samkeit des Königs Ludwig auf sich zu lenken, der ihn 1845 zum Professor der Bild­hauerkunst an der polytechnischen Schule ernannte. Eine andere Auszeichnung ward ihm durch König Maximilian II. zu Theil, der ihm 1851 das Ritterkreuz erster Klasse des Verdienstordens vom heiligen Michael verlieh.

Halbig war der erste bedeutende Münchener Bildhauer, der sich zur realistischen Auffassung der Natur hinneigte und sie schließlich mit Entschiedenheit auf sein Banner schrieb. Daß es, wenigstens in früherer Zeit, an Angriffen auf den Künstler nicht fehlte, kann Diejenigen nicht wundern, welche die Geschichte der Münchener Kunst kennen und sohin wissen, daß daselbst erst in den letzteren Jahren der Idea­lismus entthront wurde.

Obwohl derselbe namentlich in König Ludwig, der mit den Antiken wohlvertraut war, eine kräftige Stütze fand, so dachte der Fürst doch viel zu edel, um einen Künstler, der andere Wege wandelte, unbeachtet und unbeschäftigt zu lassen, so­bald er einmal sein bedeutendes Talent erkannt und schätzen gelernt hatte. So be­ehrte er Halbig denn vom Jahre 1835 an mit einer Reihe mehr oder minder um­fangreicher Aufträge, von denen hier nur einige ausdrücklich hervorgehoben wer­den mögen, da ihre vollständige Aufzählung hier viel zu weit führen würde.

Dahin gehören die Roma und Athene auf dem nördlichen Thor des Hofgartens, das Viergespann kolossaler Löwen auf dem Siegesthor in München, die achtzehn alle­gorischen Darstellungen der Hauptprovinzen Deutschlands an der bayerischen Ruhmeshalle bei Kelheim u. A.

Auch König Maximilian beschäftigte den Künstler vielfach. Als in Lindau dem König ein großes Denkmal errichtet ward, fiel die Wahl auf Halbig, der auch den als Lan­deshoheitszeichen dortselbst aufgestellten zwanzig Fuß hohen Löwen ausführte, der vierzehnhundert Centner schwer ist. Um möglichste Naturwahrheit zu erzielen, ließ der Künstler aus der Kreuzberg’schen Menagerie einen Löwen in sein Atelier schaffen und machte an demselben drei Wochen lang Studien. Für das Maximiliane­um lieferte Halbig zwölf Kolossalbüsten in Marmor.

Büsten lieferte Halbig theils für die Sammlungen der genannten Könige, insbeson­dere für König Ludwig’s Ruhmeshalle und Zeitgenossen mehr als Hunderte, und man kann wohl sagen, daß seine Stärke besonders darin besteht, wie das sich aus seiner scharf ausgesprochenen realistischen Richtung leicht erklärt.

Aber auch die Zahl der von ihm geschaffenen Standbilder ist eine außerordentlich große, wobei die Maßverhältnisse von der Statuette bis zur Kolossalstatue wech­seln. Dahin gehören unter anderen: mehrere über zwanzig Fuß hohe Bildsäulen für die Vorhalle des kaiserlichen Museums in St. Petersburg, in Porphyr ausgeführt, zwölf Standbilder berühmter Maler für dasselbe Museum, eine Reiterstatue des Erzherzogs Karl von Oesterreich, das Denkmal des Königs Maximilian II. in Lindau, den König im Kostüm des Hubertusordens, am Sockel von vier sitzenden Figuren umgeben, darstellend, die Statue des Dichters Grafen August von Platen-Haller­mund in Ansbach, das Denkmal des Erzherzogs Joseph Palatin von Ungarn, das Denkmal des Generals v. Deroy und jenes des Optikers Joseph v. Fraunhofer in der Maximiliansstraße, der kolossale gekreuzigte Christus in den südlichen Kirchhöfen zu München, von dem Rietschel und Rauch erklärten, sie hätten nie einen schöne­ren gesehen, eine Religio für Bahia, die Grabmäler des Generals Leistner, des Oberststallmeisters Freiherrn v. Keßling, der Fürstin Narischkin. des Staatsrathes v. Fischer, der Geheimräthe Dr. v. Walther und Dr. v. Breslau, des Staatsrathes v. Her­mann, des Glasmalereiinspektors v. Ainmiller, der Familien Brey, Neresheimer, Gra­dinger, v. Schauß-Kempfenhausen, des Generals Grafen Vieregg, des Freiherrn v. Eichthal; ferner zwei allegorische Figuren: Glaube und Hoffnung und ein kolossaler Christus im nördlichen Kirchhof zu München.

Großes Aufsehen machte eine lebensgroße Bacchantin auf einem Panther in Carra­ramarmor für die Großfürstin Helene von Rußland, deßgleichen die große Gruppe: die Emanzipation der Sklaven für St. Lewis in Nordamerika und die Standbilder der Könige Ludwig I. und Maximilian II. für Kelheim.

Der bedeutendste Auftrag jüngsten Datums, den Halbig erhielt, ist der ihm vom König Ludwig II. ertheilte der Passionsgruppe für Oberammergau. Das Ganze wird einschließlich des architektonischen Unterbaues gegen vierzig Fuß hoch, im Unter­bau zweiundzwanzig Fuß breit. Der Heiland erhält mit dem Kreuze eine Höhe von siebenzehn Fuß. Der Steinblock, aus dem derselbe gemeißelt wird, wiegt neunhun­dert Centner, während jede der beiden unter dem Kreuze stehenden Figuren: Ma­ria und Johannes, zweihundertvierzig Centner schwer werden. Das Denkmal, des­sen Figuren aus Marmor und dessen architektonischer Theil aus Granit bestehen wird, kommt auf die Höhe eines Hügels nächst Oberammergau zu stehen.

Auch als Bildschnitzer hat Halbig Bedeutendes geleistet: sein kolossales Kruzifix im Chor der Frauenkirche zu München wird von allen Kennern bewundert.

Halbig ist Ritter des bayerischen Verdienstordens vom heiligen Michael und des ös­terreichischen Franz-Joseph-Ordens.

Über Land und Meer Nr. 47. Allgemeine Illustrirte Zeitung. Stuttgart, 1872.


NA-014 (Halbig)