Über Land und Meer (1871) / t_41

Max Emanuel Ainmiller.

Am 8. Dezember 1870 starb zu München einer der hervorragendsten Künstler un­serer Zeit: Max Emanuel Ainmiller, Ehrenmitglied der bayerischen Akademie der bildenden Künste und Architekturmaler.

Geboren zu München den 14. Februar 1807 als der Sohn eines armen Schullehrers, welcher frühzeitig verstarb, war der dreizehnjährige Knabe genöthigt, sich Ver­dienst zu verschaffen, um auch der hülflos dastehenden Mutter und Schwester zur Stütze dienen zu können. Er trat auf Empfehlung des Glasmalers Georg Frank in die königliche Porzellan-Manufaktur Nymphendurg ein, wodurch es ihm zugleich möglich wurde, die Akademie in München zu besuchen, und an dieser damals jung aufblühenden Kunstanstalt dem Studium der Baukunst, hauptsächlich im mittelal­terlichen Ornamentenfache, sich zu widmen.

Sein hervorragendes Talent und sein gefälliges Benehmen verschafften dem erst achtzehnjährigen Jüngling eine Stelle als Zeichner in der königlichen Glasmalerei, welche damals mit der Porzellan-Manufaktur verbunden war. Es war nun überwie­gend die technische Seite dieser Kunst, zu welcher sich Ainmiller hingezogen fühl­te, und hier begann er bald in selbstständiger Thätigkeit zu wirken; es ist zweifel­los, daß die hohe Stellung, welche gegenwärtig die Glasmalerei unter den Schwes­terkünsten einnimmt, nun wesentlichsten Theil den rastlosen Bemühungen Ainmil­ler’s zu verdanken ist.

Trotz großer Verdienste fanden jedoch seine Bestrebungen nicht die allseitige An­erkennung: insbesondere wollte man die hohe artistische Bedeutung der Glasma­lerkunst, zu der sie Ainmiller nach Besiegung der technischen Schwierigkeiten erho­ben hatte, nicht in der geeigneten Weite würdigen.

Doch auch hier trat, wie in vielen andern Fällen, der hohe Kunstsinn des Königs Ludwig I. von Bayern fördernd und vermittelnd ein. Aus Empfehlung Gärtner’s, der damals Direktor der Akademie und Ainmiller’s Lehrer war, erhielt dieser von dem Könige den Auftrag, die Glasgemälde des regensburger Doms zu restauriren. Das Gelingen dieses Unternehmens hatte nun zahlreiche Aufträge zur Folge, so daß König Ludwig im Jahr 1843 durch den Architekten Voit ein eigenes Gebäude für Glasmalerei errichten ließ. Der neuorganisirten Anstalt wurde Ainmiller zwei Jahre später als Inspektor vorgesetzt.

Von da an datiren seine unsterblichen Werke, von denen wir hier nur die Fenster der Pfarrkirche in der Vorstadt Au bei München nach Kartons von Schraudolph und Fischer, den großen Christus für Petersburg, dann Arbeiten für die Dome in Speyer, Köln, Agram und Regensburg anführen.

Durch den Beschluß der bayerischen Landesvertretung vom Jahre 1852 erhielt Ain­miller die königliche Glasmalerei zur Leitung auf eigene Rechnung übertragen, wo­durch es ihm möglich wurde, jeden ihm unberechtigt scheinenden Einfluß von dem technischen Betriebe dieses ihm zur Lebensaufgabe gewordenen Kunstzweiges fer­ne zu halten. Er vertraute ausschließlich seiner eigenen Kraft und seinen eigenen Erfahrungen, um seiner Anstalt den europäischen Ruf zu erhalten, den er ihr in be­rechtigtster Weise begründet hatte. Zeugen hievon sind die in den letzten sechs Jahren vollendeten Meisterwerke, darunter eine Parlaments-Eröffnung durch König Jakob II. von England nach einem Karton Kaulbach’s für die St. Paulskirche in Lon­don, viele große Fenster für die Kathedrale in Glasgow, für die Universitätskirche in Cambridge und das Parlamentshaus in Edinburg. Selbst im Vatikan zu Rom hat sich unser Meister durch seine Werke verewigt.

In seinen freien Stunden war Ainmiller auch als Architekturmaler thätig, und hatte in diesem Fache der Oelmalerei, insbesondere was Schönheit und Korrektheit der Zeichnung anbelangt, Bedeutendes geleistet, wie die in der neuen Pinakothek zu München und in vielen Privatsammlungen des In- und Auslandes befindlichen Bilder Ainmiller’s in glänzender Weise bezeugen.

Manch‘ hoher Orden, der Ainmiller’s Brust schmückte, war der beredte Ausdruck, wie des trefflichen Mannes Kunsterfolg würdige Anerkennung fand.

Ein vor drei Jahren plötzlich auftretendes Gehirnleiden erschwerte es ihm in hohem Grade, seinem Berufe in der bisherigen erfolgreichen Weise nachzukommen, ob­wohl er sich an dem bei den Künstlern Münchens wohlbekannten Maler und Techni­ker Leonhard Faustner einen treuen Mitarbeiter herangebildet und in ihm eine höchst wirksame Stütze gefunden hatte.

Im vergangenen Sommer nahm die Krankheit einen intensiven Charakter an, der am 8. Dezember 1870 den Tod des edlen Künstlers durch einen Gehirnschlag her­beiführte. Wer den Dahingeschiedenen, der bis zum letzten Augenblicke mit Auf­gebot aller seiner Kräfte thätig war, näher kannte, – wer zugleich das Kunstleben Münchens nach seinen verschiedenen Richtungen zu würdigen weiß, der mußte bei der Nachricht vom Tode Ainmiller’s das schmerzliche Bewußtsein empfinden, daß wieder ein Kunstveteran zu Grabe gegangen, und die so sehr gelichtete Reihe je­ner Männer, welche Bayerns Ruhm auf dem Gebiete der Kunst in alle Länder ge­tragen, wieder eines der edelsten Glieder verloren habe.

Über Land und Meer. Stuttgart, 1871.


NA-158 (Ainmiller & Flotow & Hertter & Neal & Schmidhuber)