Trauer-Gedicht (1813) / t_1663

über die durch den Einsturz
der steinernen Münchner Isar-Brücke
den 13ten September 1813 Abends um 7 Uhr
im Wasser jämmerlich ertrunkenen Personen,
zum Trost und Beruhigung der um Sie weinenden Anverwandten,
gedichtet
von Johann Jacob Lewerer, aus Zirndorf bey Nürnberg.

I. Die Geschichte

Nach der Melodie: Wenn ich einsam Thränen weine.

Menschen, die ihr manche Thräne
Aus Gefühl des Mitleids weint,
Wann durch jammervolle Scene
Großes Unglück euch erscheint.
Die ihr gerne eure Brüder
Tröstet, und mit Hülf‘ erfreut,
Wenn ein Unglück sie stürzt nieder
Euch sey dieses Lied geweiht!

2. Dorten auf der Isarbrücke
Die von Steinen aufgebaut,
War’s, wo man das Ungelücke
Und den großen Jammer schaut;
Da war schreckliches Wehklagen,
Alles rennt und lauft herbey,
That die Händ‘ zusammen schlagen,
Man hört nichts als Angstgeschrey.

3. Mehr als hundert funfzig Leute
Sah‘ man auf der Brücke stehn,
Wollten da aus Neugier-Freude
Das so große Wasser sehn,
Das vom Schnee stark angelaufen
Aus Tyrolens Bergen kam,
Wo den ganzen Tag ein Haufen
Leute sahn das Wasser an.

4. Männer, Weiber, alte Greise,
Kinder und auch junge Leut‘
Stunden da und sah’n mit Fleiße
Wie das Wasser Wellen treibt;
Eins scherzt da, das Andre lachte,
Stunden, discurirten da,
Keiner wohl daran gedachte,
Daß sein Ende sey so nah.

5. Abends als 7 Uhr verflossen,
Kam ein Stück von einem Haus,
An die Brücke angestossen,
Schob zwey ganze Joch hinaus,
Weil in Dörfern da und dorten,
Eingestürzt war manches Haus,
Zog man an sehr vielen Orlen,
Holz und Hausgeräth heraus.

6. Und in diesem Augenblicke,
Da sie so beschäftigt seyn,
Riß die schöne Isar-Brücke
Plötzlich ab – und stürzte ein.
Alles mußt ins Wasser fallen,
Was auf den zwei Bogen stand,
Daß man von den Menschen allen
Wenige am Leben fand.

7. Ach, welch Jammer, Angst und Nöthen,
Welch ein großes Klaggeschrey,
Hört man da: ach helft uns retten;
Ach, ihr Leut‘ kommt, steht uns bey.
Da sie schnell hinabgesunken
Und mehr Stein‘ noch fielen nach,
Sind die meisten auch ertrunken,
Was einmal im Wasser lag.

8. Eine Kindsmagd, nebst drey Kinder,
Eins im Arm, zwey an der Hand,
Wollt‘ sich retten noch geschwinder,
Als sie nah am Ende stand,
Wo die Brück‘ war durchgebrochen,
Fiel noch mit zuletzt hinein,
Weil von mürben Stein zwei Jochen
Zugleich eingebrochen seyn.

9. Niemand konnt‘ zu Hülfe kommen,
Weil das Wasser stark lief an,
Viele kamen hergeschwommen,
Eins hielt sich am Andern an,
Bis zuletzt die Wasserwegen
Viele Leut‘, Mann, Weib und Kind
In die Tiefe hat gezogen
Und zuletzt ertrunken sind.

10. Viele, daß es Gott erbarme!
Schrieen in der Wassersnoth,
Reckten ihre Händ‘ und Arme
In die Höh‘, um Hülf zu Gott!
Viele thut man noch vermissen,
Reiche Leute in der Stadt,
Die das Wasser fortgerissen
Und man noch nicht g’funden hat.

11. Da weint mancher Vater, Mutter,
Um ihr liebes, frommes Kind;
Manche Schwester um den Bruder,
Kinder man dabei auch find’t,
So die Mutter, bald den Vater
Schmerzlich dabey büßten ein.
Gott! wer wird jetzt mein Berather,
Wer wird mein Versorger seyn?

12. Eine Frau vor großen Schrecken
Starb des schnellsten Tods dabey,
Weil sie glaubte in dem Schrecken,
Daß ihr Mann darunter sey,
Den sie nun that tod vermuthen.
Ach, wie manches Eltern Herz
Mochte da vor Jammer bluten
Bey der Kinder Todes Schmerz.

13. Den drei arm verlass’nen Waisen,
So die Eltern büßten ein,
Die jetzt fremde Bürger speisen,
Woll‘ Gott ihr Versorger seyn.
Gott woll‘ ihnen es belohnen,
Die sich ihrer nahmen an,
Und auch allen Standspersonen,
Die dabey viel Guts gethan.

14. Wer kann einen Trost da geben,
Denen, die untröstlich seyn,
Wer ruft wieder sie ins Leben,
Für die, welche um sie schreyn!
Was kann uns hiebey am besten
Als Gott und Religion,
Bey so großem Unglück trösten,
Sprach nicht der Prophet einst schon:
Amos 3, 6.

15. Menschen, gebet euch zur Ruhe,
Ist ein Unglück in der Stadt,
Sagt‘ er: daß der Herr nicht thue,
Oder zugelassen hat.
Hiob, den all‘ seine Kinder
Gott im Sturm und Wetter nahm,
Sagte gleichfalls auch nicht minder,
Das hat Gott der Herr gethan!
Hiob 1, 21.

16. Dort werd’t ihr sie wieder finden,
Eure Kinder – Weib und Mann;
Frey vom Kummer, Angst und Sünden,
Trefft ihr sie im Himmel an.
Eure Schwestern, Freund‘ und Brüder,
Die verschüttet Sand und Stein,
Findet ihr im Himmel wieder,
Welche Freude wird das seyn!

17. Sie sind selig – sind hinüber,
Die den großen Sturz gethan,
Gehn uns gleich die Augen über,
So oft wir gedenken dran,
Wie sie mit dem Tod gerungen,
Sich gewehrt mit Füß‘ und Händ‘,
Bis die Wellen sie verschlungen
Und ihr Leben ging zu End.

18. Auch ich opfre meine Thränen,
Euch, Ihr Münchner, aus Mitleid,
Gott erhör‘ mein Bitt und Sehnen,
Schenk Euch wieder Trost und Freud;
Gott, der heile eure Wunden
Durch Trost der Religion
In den trüben Trauerstunden
Und den Glaub an seinem Sohn.

19. Als bey Nürnberg ich von ferne,
Hört‘ das große Unglück hie,
Wollt‘ ich Euch auch trösten gerne
Durch mein‘ kleine Poesie.
Ich nahm Antheil an den Schmerzen,
Welchen eure Seel‘ empfand,
Und es floß aus meinem Herzen,
Dieß Gedicht durch meine Hand.

20. Kann ich durch mein wenig Dichten
Nützlich seyn dem Vaterland,
So erfüll‘ ich meine Pflichten,
Obgleich mein Beruf und Stand
Dieß nicht mit sich bringt auf Erden,
Und ein Tabaksbauer bin,
Wenn ich nur kann nützlich werden,
Freut sich schon mein Herz und Sinn.

II. Die Moral.

21. Menschen, die ihr stolz und sicher
Sündlich lebt im Tag hinein,
Denkt, daß euch die Leichentücher
Schnell auch können hüllen ein,
Manchem, der auf viele Jahre,
Lange schon hinaus gedacht,
Wird der Sarg und Todenbahre
Schnell oft vor sein Haus gebracht.

22. Mensch, thu‘ Guts in deinem Leben,
Wende deine Zeit wohl an,
Welche dir der Herr gegeben,
Der dich schnell abholen kann.
Befiehl gleich mit jedem Morgen
Deine Seele deinem Gott,
So wird er sie auch versorgen,
Wenn dich trifft ein schneller Tod.

23. Lebe fromm, stets bet‘ und wache,
Halte Gott im Unglück still.
Deine Zeit ist Gottes Sache,
Wenn er dich abfordern will.
Kannst du auf dem Bett nicht sterben,
Gott, der groß und reich an Gnad
Läßt den Menschen nicht verderben,
Der ein gutes Herz nur hat.

24. Gebt euch drein, ihr guten Kinder
Schwestern, Brüder, Ehegatt,
Wenn Eins unter euch nicht minder
Auch dieß Schicksal troffen hat.
Ihr habt großen Schmerz empfunden,
Betet Gott in Ehrfurcht an;
Er ist’s, der so tiefe Wunden
Dennoch euch auch heilen kann.

25. Eingehüllt in feierlichem Dunkel
Sind die Weg‘, die Gott uns führt,
Ist gleich alles um uns dunkel,
Was der Fromme sieht und spürt.
Dort einst wird sich’s erst aufklären,
Was hier unerforschlich scheint,
Wo Gott trocknet alle Zähren,
Die der Fromme hier geweint.

26. Aufgeklärt im hellen Schimmer,
Wie es wird im Himmel seyn,
Sehen freylitch wir nicht immer
Hier des Höchsten Wege ein.
Mit dem Trost, der uns steht offen,
Durch Religion allein,
Könnt ihr, die das Schicksal troffen,
Münchner, auch beruhigt seyn.

27. Weinen darft ihr wohl und klagen,
Traurig und betrübt auch seyn,
Aber nicht an Gott verzagen,
Oder ganz untröstlich seyn.
Gott weiß Alles wohl zu machen.
Auf die dunkeln Leidenstag‘
Wird ein heller Morgen lachen,
Einst, wenn fällt der Vorhang weg.

III. Der Wunsch.

28. Vater, der’s nie böse meinet,
Laß uns küssen deine Hand,
Wenn dein Vaterherz gleich scheinet,
Als wär’s von uns abgewandt.
Stärk uns mit dem Geist der Freuden,
Schenk uns, wenn die Noch erscheint.
Festen Muth in schweren Leiden,
Hülfe, wenn das Auge weint.

29. Breit‘ Herr, deine Vaterhände
Ueber unser Vaterland,
Alle hoch und niedern Stände
Schließen wir in deine Hand.
Höre noch zuletzt in Gnaden,
Für das Vaterland mein Flehen,
Lasse allen Potentaten
Bald den lieben Frieden sehn.

Grabschrift auf die im Wasser Todtgefundenen.

Steh, Leser, still, und wein‘ ein mitleidsvolle Thräne
Bey diesen Gräbern, um die hoffnungsvollen Söhne
Und Töchter, Mann und Weib, so in die Fluth gestürzt,
Wie schnell und plötzlich war ihr Leben abgekürzt.
Mensch! gieb aus Neugierd‘ dich doch niemals in Gefahr,
Die Manchen schon gestürzt, der nicht vorsichtig war;
Leb‘ auch nicht sicher – denk, der Tod ist niemals weit,
Ein Schritt, ein Fall, führt dich oft schnell zur Ewigkeit.

Zu bekommen in Nürnberg und auch in München bey den Buchbindern auf dem Markt für 3 Kr.


04-01-43/44 (Reuther)