Straubinger Zeitung (20.4.1873) / t_1104

Straubing, 19. April. Das Straub. Tagblatt (Nr. 91) vom Heutigen, dieses Giftfläsch­chen, ist wiederum einmal recht grauenhaft in seinem Glaubenseifer! Man lese nur den in dessen erster Columne enthaltenen Bericht über den vor einigen Tagen zu München erfolgten Tod des Theaterdichters Arthur Müller. »Er hat«, sagt es, »sein Leben auf liberal würdige Weise beschlossen. Beim Morgengrauen des 11. d. Mts. griff dieser Mann nach dem Giftfläschchen, um im Bewußtsein, die Kirche Gottes unsäglich geschmäht und verläumdet zu haben, wie ein Verbrecher Hand an sich zu legen und neuerdings für die Wahrheit ein Exempel zu statuiren, daß die Glaubens­spötter ein kurzes Brod essen.«

Wie erbaulich solche Worte in dem Munde eines vom Bischofe zu Regensburg mit der Redaktion einer Zeitung betrauten jungen katholischen Geistlichen klingen! O Giftfläschchen, Giftfläschchen! hast du denn nie von dem »de mortuis nil nisi bene« etwas gehört? Oder soll dieser Grundsatz bloß bei gewissen Leuten, wenn sie todt sind, nach Lehre der »Kirche Gottes« Anwendung finden? Uns will es freilich schei­nen, diese Leute machen noch einen Leichnam mit häßlich verzerrten Zügen dar­aus, der ihre Phrasen am Ende doch noch Lügen strafen wird. Gute Nacht Hänn­schen!

»Wie glücklich war doch Eurypides! ihn haben nur Hunde zerrissen; mich aber ha­ben die Menschen zu Tode, gehetzt.« So schrieb Arthur Müller in seinem letzten Briefe.

Straubinger Zeitung No. 91. Sonntag, 20. April 1873.


33-07-27 (Müller)