Signale für die Musikalische Welt (4.1856) / t_565

Die musikalischen Instrumente auf der Pariser Ausstellung.

VI.

Die Blasinstrumente beruhen bekanntlich auf der Eigenschaft einer Luftsäule, in stehende Schwingung zu gerathen, sobald sie durch einen Luftstrom oder einen schwingenden Körper in Bewegung gesetzt wird. Letzteres geschieht wie bei Or­gelpfeifen und gewöhnlichen Flöten, indem man den Luftstrom gegen eine scharfe Kante bläst, so daß er sich in zwei gleiche Theile theilt, deren einer in der Luftsäule, der andere nach außen hin sich fortbewegt. Oder es dient ein Zug dazu, der Luft­säule ihre Schwingungen mitzutheilen. Der Ton, welchen eine so eingeschlossene Luftsäule giebt, hängt von ihrem Volumen ab und ist um so tiefer, je größer dassel­be ist. Um den Ton einer Röhre zu erhöhen, braucht man nur eine Oeffnung in die Seite zu machen, wodurch die Luftsäule abgeschnitten und folglich kürzer gemacht wird. Auf diesem Grundsätze ruht der Bau der ältesten Flöte, deren Löcher früher blos mit den Fingern geschlossen wurden. Die idyllischen Bewohner von Otahaiti besitzen jetzt noch Flöten, die nur vier Töne, f, fis, gis, a, haben, und als die Königin Pomare von der Republik vertrieben auf dem letzten Loche blies, war sie auf dem a, was den Historikern bisher entgangen ist.

Wie die Anzahl der Löcher beträchtlicher wurde, ließen sie sich nicht mehr mit den Fingern schließen, um so weniger, als zur Reinheit der Töne große Löcher nothwen­dig waren. Man brachte daher über den Löchern Klappen an, die durch Hebelsyste­me geschlossen, und letztere waren so eingerichtet, daß sie leicht mit den Fingern erreicht werden konnten. Es war aber nicht möglich, mehr als acht Tonlöcher anzu­bringen und diese wurden zur Erleichterung für die Finger meist höher hinauf an­gebracht, als sie der richtigen Berechnung nach sich befinden sollten.

Endlich gelang es dem genialen Böhm aus München, den Uebelständen, an wel­chen die älteren Instrumente litten, durch einen überaus sinnreichen Mechanismus abzuhelfen. Derselbe machte es möglich, nicht blos acht, sondern vierzehn Tonlö­cher mit Leichtigkeit durch die Finger zu bedienen. Er trennte zunächst die Klap­pen von den sie in Bewegung setzenden Griffblättern, indem er sie in einen rech­ten Winkel an langen, parallel mit der Flötenachse sich bewegenden metallenen Axen befestigte, deren Griffe alle nach oben zu liegen kamen, während die Klap­pen, die sie zu öffnen hatten, so weit nach unten angebracht werden konnten, als es der betreffende Ton erforderte. Hierzu kam noch das System der Ringklappe, welche die Zahl der Finger geradezu verdoppelte, indem ein Finger zwei Verrich­tungen zugleich vornehmen konnte. Statt des Stiels, welcher die Klappen auf die erklärte Weise öffnete oder schloß, war ein Stiel mit einem Ringe angebracht. Letz­terer, von größerem Durchmesser als das Tonloch, konnte in eine äußerlich um das­selbe angebrachte Ringrinne vertieft werden und der Finger daher das Loch unbe­hindert vom Ringe verschließen. Der Finger verschloß aber nicht blos das Loch, über welchem er stand, sondern mit Hülfe der genannten Ringklappe zugleich eine zweite Klappe oben oder unten. Die Finger blieben also durch die ganze Scala von d bis b unverrückt, während sie früher von einer Klappe zur andern hinübergleiten mußten, was die Gleichförmigkeit eines Laufes fast unmöglich machte. Böhm konn­te nun auch das zugleich mit ihm von Gordon erfundene akustische Bohrungssys­tem zur Anwendung bringen. Weniger glücklich und ausdauernd als unser Lands­mann warf der arme Gordon in einem Anfalle von Wahnsinn seine Flöte in den Gen­fer See, die neue Kunst ging aber nicht mit unter, denn Böhm entwickelte die ge­niale Erfindung weiter. Er machte seine Röhre cylindrisch und gab um der höheren Octaven willen dem Kopfe eine regelmäßig konische Gestalt. Wir hatten schon bemerkt, daß er zur Erzielung eines klaren und vollen Tones die Grifflöcher sehr groß machte und sie mittelst Klappen schloß, die offen stehend durch den Finger niedergedrückt wurden und einen vollständigen Schluß des Loches bewirkten. Er machte außerdem noch zahlreiche Verbesserungen und es war nur Gerechtigkeit, daß er in Paris wie in London die größte Auszeichnung erhielt, welche Erfindern bestimmt war.

Signale für die Musikalische Welt No. 17. Leipzig. April 1856.


12-10-05/06 (Böhm)