Panorama von München (1835) / t_591

Dichter, Schriftsteller, Journalisten.

Neben diesen Müller ist unbedingt Bruckbräu zu stellen. Auch er ist ein Dichter, und die Dresdener Abendzeitung brachte viele Sonnette und andere Sachen von ihm an’s Tageslicht, und die geistreichen Corresponznachrichten aus München in je­nem Blatte rührten ebenfalls durch viele Jahre von ihm her.

Bruckbräu hat außerdem »die Gardinenseufzer,« »den Papst im Unterrock« und »das galante München« geschrieben; Werke, bei deren Nennung einem gebildeten Menschen die Haut schaudert. Alle kritischen Blätter Deutschlands haben längst ihrem Verfasser seinen Platz angewiesen. Dieser Bruckbräu war Einer von denen, die stets vom Scandale lebten. Er glaubte, daß es ihm gelinge» würde, die obscöne Literatur wieder in Aufnahme zu bringen. Unsere Zeit hat aber den Geschmack dar­an verloren, und Bruckbräu schreibt so fad und geistlos, daß selbst die alten Her­ren, die aus früherer Gewohnheit darnach griffen, das Zeug mit Ekel wegwarfen.

Sein Blatt, welches er gründete und redigirte, hieß »der Bayerische Beobachter und das Münchener Conversationsblatt.« Jenes war der politische Theil, unbedeu­tend und nur Nachdruck, dieses brüstete sich mit Originalität und enthielt außer den schon erwähnten Inseraten einen eigenen Artikel: »Münchener Conversation,« der Haarsträuben erregte, wenn man sich einen Augenblick überreden wollte, daß wirklich unsere Conversation über dergleichen Gegenstände und in solcher Art ge­führt würde. Zum Glücke war dieß aber nicht der Fall.

Bruckbräu stellte sich gern als ein Opfer der Verfolgungen mächtiger Feinde dar. Er erzählte unter Anderm, daß ihm einst von hoher Hand eine starke Rolle mit Kro­nenthalern gesendet wurde, von dem Wunsche begleitet: »er möge die Schauspie­lerin H* nicht mit seinen bösen Kritiken verfolgen.« Er aber habe das Geschenk schnöde zurückgewiesen, mit dem kurzen Bemerken: »er verkaufe seine Stimme nicht.« Dieß hochherzige Benehmen sey aber die Quelle aller später erduldeten Unbilden gewesen. Der vornehme Gönner der H* hatte von Bruckbräu’s Treiben, wie es schien, eine durchaus falsche Meinung. Für die Hälfte jener Summe würde er unbedingt ein ganzes Jahr hindurch in dem »Münchener Conversationsblatt« nicht nur die H* nach Herzenslust haben loben, sondern ihre Gegner noch überdieß schmähen können. Denn so machte es ein Jeder hinsichtlich der Gegenstände sei­nes Hasses oder seiner Neigung. Die Insertionskosten waren aber nur sehr gering.

Bruckbräu’s Verfolgungen oder vielmehr Bestrafungen lagen jedoch ganz andern Ursachen zum Grunde. Seine Taktlosigkeit trat überall zu klar an den Tag. Von dem Augenblicke an, daß er sein lächerliches Aushängeschild »Censur-Frei!« welches so gedruckt war, von seiner Kneipenwirthschaft herunternehmen mußte, war er be­müht einen elenden Ton der Unterwürfigkeit anzustimmen, der oftmals um so em­pörender wirkte, wenn man ihn mit dem noch vor Kurzem vernommenen in Ein­klang zu bringen gedachte. All sein Streben, mußte man glauben, ging nun darauf hin, das höchste Wohlgefallen der Regierung auf sich zu ziehen. Während dieser Bemühungen aber unterliefen dann wieder Artikel, welche nicht nur Zweifel über seine Besserung erregten, sondern sogar als Beweise einer boshaften Gesinnung gelten mußten, die gleichsam unter einer schicklich gewählten Maske desto siche­rer ihre Hiebe anbringen konnte. So erschien zu einer Zeit, wo die Werbung für Griechenland, nicht ohne einige Hindernisse, in’s Werk gesetzt werden sollte, und alle Blätter, Bruckbräu’s nicht ausgenommen, aus vollen Backen den Enthusiasmus für Hellas und seine Verbindung mit Baiern anzufeuern bemüht waren, plötzlich – über Nacht – ein Artikel im Conversationsblatt, worin nach alten Chroniken, die Niemand mehr kannte, eine Schilderung des Elends enthalten war, dem in frühern Zeiten baierische Kriegsknechte auf Zügen nach dem Morgenlands ausgesetzt ge­wesen waren. Dieß saubere Pröbchen Münchener Conversation, woran ohne Bruck­bräu kein conversirender Münchener gedacht hätte, kam dem Unbesonnenen et­was theuer zu stehen. Jetzt ist er von München entfernt worden und lebt – als Zoll­beamter in einem obscuren Städtchen. Seine treffliche Redaction ist in andere Hän­de übergegangen.

August Lewald: Panorama von München. Zweiter Theil. Stuttgart, 1835.


19-13-01 (Bruckbräu)