Orthopädische Heil-Anstalt zu München (1840) / t_1239

Entstehung des Institutes.

Häufig mag die Frage auftauchen: »wie kommt ein Maler, Professor einer Akade­mie der bildenden Künste, dazu, Orthopäd zu seyn?« Deshalb sehe ich mich veran­laßt, folgenden Aufschluß hierüber zu geben.

Nicht eitle Ruhmsucht, nicht Zwang der Lebensverhältnisse, noch andere, aus mir selbst hervorgehende Motive waren es, die mich in diese fremde Sphäre führten; denn meine primitive Stellung befriedigte Geist und Körper, meine Wünsche fixir­ten sich in ihr, und widerstrebten sogar diesem aus sich Heraustreten.

Eine Anregung von Außen her war es, welche die erste Veranlassung zu einem or­thopädischen Versuche gab.

Es hatte mich nämlich ein sehr werther Freund, vor zwölf Jahren schon, dringend angegangen: mein mechanisches Talent, unterstützt von den, einem bildenden Künstler nothwendigen anatomischen Kenntnissen, bei seiner Tochter zu versu­chen, welche an einer Verkrümmung des Rückgrates leidend, schon mehreren or­thopädischen Curen erfolglos sich unterzogen hatte.

Er glaubte, was allerdings nicht ungegründet seyn dürfte: die Aufgabe des Ortho­päden werde sehr erleichtert durch des Künstlerauge, das, an richtiges Formenver­hältniß gewöhnt, ihm eine schärfere Auffassung des abnormen Baues des menschli­chen Körpers verschaffe.

Seine Bitten, sowie die Zusprache eines angesehenen Arztes, der mir wissenschaft­lichen Rath zusicherte, beschwichtigten endlich jede Bedenklichkeit, und der Ver­such wurde gewagt.

Unerfahren in diesem neuen Felde, griff ich zuerst, auf Anrathen des ebenerwähn­ten Arztes, nach der gewöhnlichen Methode der Extension (Streckung), überzeug­te mich indeß bald, daß hiedurch nur ein höchst ungewisses, schleppendes, und mit vielen anderen Nachtheilen verknüpftes Resultat zu gewärtigen sey. Dagegen glaubte ich durch ein anderes, meines Wissens damals noch unbekanntes Curver­fahren, nämlich durch Flexion (Beugung), weit sicherer und rascher das vorgesteck­te Ziel erreichen zu können.

Der glückliche Erfolg rechtfertigte diese Ansicht, und wurde gegen meinen Wunsch Veranlassung weiterer Wirksamkeit in den verschiedenartigsten Fällen der Ortho­pädie. Denn die veränderte Gestalt des Mädchens und die Freude des Vaters verriethen nur zu bald, was ich gar gerne der Vergessenheit übergeben hätte.

Von vielen Seiten bestürmt, wurde meinem Ausweichen die Sentenz entgegenge­stellt: daß es unrecht sey, eine für die leidende Menschheit so wohlthätige Gabe vergraben zu wollen.

Unter solchen Verhältnissen entwickelte sich im Laufe der Zeit aus den ersten glü­cklichen Curversuchen allmählig ein, in vielen Beziehungen mir eigenthümliches Heilverfahren, mannigfaltig modificirt, je nach der Eigenthümlichkeit des individuel­len Falles. Die oft überraschend schnellen Erfolge dieses Verfahrens, welches zu­gleich die gewöhnlichen Unbequemlichkeiten der orthopädischen Curen umgeht, und die stete naturgemäße Entwicklung des Körpers auf keine Weise hemmt, er­weckten die Aufmerksamkeit und das Vertrauen des Publikums in immer weitern Kreisen; und so kam es, daß die Zahl der Kranken, und darunter viele selbst vom Auslande, unter den damaligen Umständen mir bald zu groß wurde.

An ein Beiseite stellen, oder förmliches Aufgeben der Orthopädie konnte und durf­te nicht mehr gedacht werden: dagegen kämpfte jetzt das moralische Gefühl, den Kranken Hilfe versagen zu müßen, bei dem Bewußtseyn, ihnen dieselbe bieten zu können.

Bisher wären meine Patienten in den verschiedensten Theilen der Stadt, im elterli­chen Hause, oder bei Verwandten und Bekannten untergebracht: da aber dieses Zerstreutwohnen nicht allein große Hindernisse für die stete Beobachtung meiner Kranken, und für die aufmerksame Leitung der Cur mit sich führte; sondern auch meine Zeit so gewaltig zersplitterte, daß das weitere Bestehen eines solchen Zu­standes unmöglich mehr in den erfoderlichen Einklang mit meinen Geschäften an der königlichen Akademie zu bringen war; da ferner auch ein zur Aufnahme von Pa­tienten angelegtes Pensionat, im Hause einer sehr achtbaren Frau, weder die ge­nannten Uebel hob, noch in die Länge dem vermehrten Andrange genügen konnte: so stellte sich die Nothwendigkeit immer fühlbarer heraus, eine Stellung zu gewin­nen, welche mir eine doppelte Pflichterfüllung gestattete.

In dieser Lage hatte Seine Majestät der König, der erhabene Förderer jedes Guten und Nützlichen, von meinem Heilverfahren unterrichtet, die allerhöchste Gnade, dasselbe einer besonderen Aufmerksamkeit zu würdigen, und ihm jeden Vorschub, namentlich für die ununterbrochene Ausübung zuzusichern.

Zugleich wurde ich auf allerhöchste Veranlassung eines Theils meiner Geschäfte an der königl. Akademie temporär entbunden, und der Magistrat hiesiger Stadt auk­torisirt, die Errichtung eines Institutes durch ein zu leistendes Betriebskapital zu fördern, das derselbe in ehrender Zuvorkommenheit, nebst jeder anderweitigen Unterstützung, mir bereits angebothen hatte. Und so trat das gegenwärtige Insti­tut ins Leben.

Joseph Schlotthauer: Orthopädische Heil-Anstalt zu München. München, 1840.


38-01-16 (Schlotthauer)