Neueste Nachrichten aus dem Gebiete der Politik (9.5.1849) / t_896

Sie werden einem Freunde des unglücklichen Künstlers Heigel wohl gerne einige Worte der Pietät für diesen so allgemein bedauerten Mann gestatten, um so mehr, als mancher ein Inserat in diesen nehmlichen Blättern als nächste Ursache seines Todes zu betrachten geneigt ist? [Nur eine durch vorhergegangene bittere Erfah­rungen gereizte Phantasie und geistige Erschöpfung konnte in dem benannten In­serate einen Angriff auf die persönliche Ehre erblicken, da dasselbe nur die einfa­che Bitte an Herrn Heigl enthielt, sein Versprechen zu erfüllen und nicht einmal aus­drückte, worin das noch nicht erfüllte Versprechen bestand. D. Red.]

Wäre auch nur der kleinste Zweifel über die allgemeine Werthschätzung dieses trefflichen Künstlers denkbar, hätte sich nicht das Urheil des ganzen Münchner Pu­blikums durch die überall laut werdende innige Theilnahme constatirt, so bekunde­te sich das rührendste Beileid bei seiner vorgestrigen Begräbnißfeier, wo Personen aus allen Ständen in tiefster Trauer dem Sarge folgten. Das Landwehrfreikorps selbst war durch eine große Anzahl Wehrmänner, drei Stabsoffiziere an der Spitze, vertreten, Bürger, Beamte, Studenten, das ganze Theaterpersonal befanden sich unter den zahlreichen Leidtragenden. Jedermann fühlte, daß nicht allein ein großer für unsere Bühne unersetzlicher Künstler hier zu Grabe getragen wird, sondern ein Mann, dessen Begriff von Ehre über die gewöhnlichen Lebensanschauungen hin­ausreichten. In seinen letzten, von ihm hinterlassenen Worten sagte er: »Meine Ehre ist vernichtet, öffentlich gebrandmarkt. Gott verzeihe denen, die mich so weit gebracht haben, ich vermag es nicht.« Die Zeit erst wird den Verlust dieses treffli­chen Künstlers uns ganz erkennen lassen; Heigel wird und kann an unserer Bühne nicht ersetzt werden.

Noch ein Wort an die edlen und fühlenden Herzen von Münchens Einwohnern. Schon hat die Verzweiflung die Seele eines braven Mannes erfaßt, dessen Anden­ken lange, lange fortleben wird. Er hinterläßt aber eine Familie, die in diesem Au­genblick verzweiflungsvoll die Hände nach dem geliebten Vater ringt. Eine lieben­de und geliebte Gattin, zwei Söhne, 13 und 6 Jahre alt, sind das Vermächtniß des Gestorbenen, der uns so manche schöne Stunde der Erheiterung schuf. Der tiefste Jammer hat diese Unglücklichen erfaßt; wir waren Zeuge des namenlosen Schmer­zes, für welchen uns jeder Ausdruck fehlt. Für diese legt die Menschlichkeit uns die heilige Pflicht des Mitleids auf; wäre auch nicht die Erinnerung unzähliger Genüsse, die wir dem Alten verdankten, die uns anspornt, ein kleines Schärfein auf den Altar der Pietät niederzulegen. Die k. Hoftheaterintendanz gibt dem Publikum Gelegen­heit, seine Theilnahme für die Hinterlassenen zu bethätigen, indem am Mittwoch den 9. ds. (heute) Beethovens Fidelio zum Besten der hinterlassenen Kinder Hei­gels aufgeführt wird. Auf, eine der schönsten Pflichten zu erfüllen!

Neueste Nachrichten aus dem Gebiete der Politik. Nro. 129. Mittwoch, den 9. Mai 1849.


06-14-30* (Heigel)