Neueste Nachrichten aus dem Gebiete der Politik (10.6.1849) / t_1436

* München, 7. Juni. Am heiligen Dreifaltigkeitssonntag, Nachm. 4 Uhr, wurde Frau Maria Anna Caro, geb. Lechner, Wittwe des Hofschauspielers Caro, gestorben im 84. Jahre an Altersschwäche, begraben. Der die geistlichen Handlungen des Be­gräbnisses verrichtende Geistliche war Herr S. T. Werle, angestellt an der Liebfrau­enkirche. Bekanntlich war Hr. Caro nicht nur durch sein künstlerisches Talent, son­dern auch durch die (besonders zu der Zeit seines Wirkens) unter den Schauspie­lern allerdings nicht allzuhäufige Solidität des Charakters ausgezeichnet. Seine Frau, Tochter eines hiesigen Bürgers, genoß ebenso von Jugend auf der größten Hochachtung ihres Charakters und Gemüthes bei Allen die sie kannten. Diese Vor­trefflichkeit der moralischen Verhältnisse erkannte auch Hr. Werle in seiner Grabre­de lobend an. Trotzdem fügte er dem Schlüsse seiner Rede, als er der Seele der Abgeschiedenen die ewige Ruhe wünschte, die Worte bei: »Wir wollen annehmen, daß ihre Seele zur Anschauung Gottes werde aufgenommen werden, obschon die Verstorbene früher öffentlich aufgetreten ist.« Abgesehen von dem thatsächlichen Irrthum Frau Caro als Schauspielerin zu bezeichnen, obgleich sie niemals die Bühne betreten hat, zeigt dieser Ausspruch wahrlich, mit welch‘ christlicher Liebe und priesterlicher Gerechtigkeit dieser Lehrer der christlichen Liebe und Tugend die verschiedenen Stände des bürgerl. Lebens beurtheilt. Unseres Erachtens tritt ein Prediger ebenfalls öffentlich auf und leider ist mitunter wenig Unterschied zwi­schen einem Deklamator auf der Kanzel und auf der Bühne. Im Zuhörerpublikum dieses Kanzelredners sprach sich allerdings der gerechte Unwille über derartige Auffassungen und eine solche Bemerkung am Grabe einer würdigen Frau sehr all­gemein aus. Daß indessen solche Lehren in befangenen Gemüthern ebenfalls Wur­zel zu schlagen vermögen, zeigten auch einzelne mitleidig beistimmende Reden ei­niger Zuhörer, welche herzlich bedauerten, daß eine so vortreffliche Frau durch ihr öffentliches Auftreten ihrer Seele die Anschauung Gottes zweifelhaft gemacht habe, wie ja der geistliche Herr unzweideutig angedeutet hatte. Wenn ich nicht irre, so schreiben wir 1849.

Neueste Nachrichten aus dem Gebiete der Politik Nro. 161. Sonntag, den 10. Juni 1849.


05-01-32* (Caro)