Neues allgemeines Künstler-Lexicon (1845) / t_1210

Sanguinetti, Franccsco, Bildhauer, geb. zu Carrara 1804, erhielt den ersten Unter­richt in seiner Vaterstadt, und bezog 1818 zur weiteren Ausbildung die Akademie der Künste in Berlin, wo er bald der Lieblingsschüler des berühmten Rauch ward, indem kein anderer den Geist dieses Meisters in dessen Skizzen so erfasste und wiedergab, als Sanguinetti. Desshalb sandte ihn Hauch 1829 nach München, um das Modell zu der Statue des höchstseligen Königs Maximilian auszuführen. Nach­dem er sich dieses Auftrages zur vollen Zufriedenheit sowohl seines Meisters als des regierenden Königs Ludwig von Bayern entlediget hatte, unternahm er eine Reise durch Italien, um durch das Studium der Antike die letzte Reife zu erlangen, aber nach seiner Rückkunft war es ihm nicht lange mehr möglich in Berlin zu blei­ben, indem ihn die grossartigen Kunstschöpfungen des Königs Ludwig unwider­stehlich nach München zogen. Doch Sanguinetti erwarb sich auch in München bald einen geachteten Namen, und geniesst somit seit mehreren Jahren eine ehrenvolle Selbstständigkeit.

Zu Berlin arbeitete er im Atelier des Professors Rauch, und lieferte einige Werke, die ein tüchtiges Talent verriethen. Darunter erwähnen wir vornehmlich einer Sta­tue des Hylas in Marmor. Dann führte er auch mehrere Büsten in Marmor aus, wie jene des Generals Lestock, des Majors Scharnhorst u. a.

Auch in München zeichnen sich seine Werke unter dem vielen Vortrefflichen, wel­ches die Plastik daselbst bereits geliefert hat, aus. Von ihm sind die Statuen des Aristoteles und Hippokrates am Portale des neuen, von Gärtner erbauten pracht­vollen Bibliothekgebäudes, die Statuen der Heiligen Ottilia und Lucia über dem Portale des neuen Blinden-Institutes, die Statue des Ornamentisten im Giebelfelde der Glyptothek, die Statuen Correggio’s, Hemling’s und Velasquez’s unter den Standbildern berühmter Künstler auf dem Dachgesimse der Pinakothek, die 16 Ca­riatyden im Thronsaale der k. Residenz, u. A. Dann führte Sanguinetti im Auftrage des Königs für die bayerische Ruhmeshalle mehrere Büsten in Marmor aus, wie jene von Albrecht Dürer, Abbé Vogler, Conrad Peutinger, Baron Kreitmayer, und in letz­ter Zeit jene des Feldherrn Tilly. Sein Werk sind ferner auch die Medaillons von bayerischen Herzogen in der Aula der Universität und die Portraitmedaillons an der Facade dieses Prachtgebäudes, in gebrannter Erde ausgeführt.

Dr. Georg Kaspar Nagler: Neues allgemeines Künstler-Lexicon. München, 1845.


14-05-57* (Sanguinetti)