Neues allgemeines Künstler-Lexicon (1838) / t_947

Kaulbach, Wilhelm, Zeichner und Maler, wurde 1805 zu Arolsen im Fürstenthume Waldeck geboren, und von seinem Vater, einem Goldschmiede, in den Anfangs­gründen der Zeichenkunst unterrichtet. In seinem 16. Jahre besuchte er die Akade­mie in Düsseldorf, und hier war es besonders Direktor von Cornelius und Professor Mosler, welche den Jüngling auf seiner Bahn mit Sorgfalt leiteten. Auch von der Natur reichlich mit Talenten ausgestattet, machte jetzt Kaulbach bald glänzende Fortschritte, und gegenwärtig kann man ihn zu den geistvollsten Künstlern Deutschlands rechnen.

Er hatte schon in Düsseldorf einige sehr gelungene Proben seines trefflichen Talen­tes gegeben, worunter wir Maria mit dem Kinde und zweien musicirenden Engeln, in einer Kirche Westphalens, erwähnen; im Jahre 1826 berief ihn aber Cornelius nach München, wo jenem damals durch König Ludwig sein glänzender Wirkungs­kreis angewiesen wurde, und Kaulbach’s erste Arbeit in dieser Stadt war die Dar­stellung des Apollo unter den Musen, an der Decke des grossen Saales im k. Ode­on. Der Künstler löste seine Aufgabe zu voller Zufriedenheit, und hierauf wurde er mit andern Künstlern zur Ausführung der geschichtlichen Fresken in den Arkaden des königl. Hofgartens berufen. Hier malte er die vier colossalen Figuren der Fluss­götter, übertraf sich aber in der herrlichen allegorischen Gestalt der Bavaria, wel­che als die schönste unter den allegorischen Figuren jener Arkaden zu bezeichnen ist.

Von den historischen Gemälden ist daselbst keines sein Werk, solche aber führte er in dem herrlichen Pallaste des Herzogs Maximilian in Bayern aus. Im Tanzsaale sind von ihm die 16 Darstellungen aus der Mythe des Amor und der Psyche gemalt, an­muthsvolle Gestalten. Hierauf nahte die Zeit, in welcher König Ludwig im neuen Residenzbaue den Künstlern eine wichtige Aufgabe stellte, deren Lösung in Dar­stellung von Denkmälern zweier wichtiger Nationen, der deutschen und der grie­chischen, bestand. Die Compositionen aus den griechischen Dichtern, welche in strengem Style ausgeführt werden mussten, wurden dem berühmten Schwanthaler anvertraut, an den Darstellungen aus den deutschen Dichtern versuchten aber mehrere Künstler ihre Kräfte; in einem Gebiete, welches mehr an das Romantische gränzt, als jenes, welches Schwanthaler zu bebauen hatte.

Kaulbach hat bei dieser Arbeit ein besonderes Talent bewiesen, das sich zwischen der Antike und dem Romantischen frei bewegen konnte. Ihm wurden die Darstel­lungen aus Klopstock, Göthe und Wieland zu Theil. Der Bildercyklus in den Gemächern des königlichen Herrscherpaares gehört überhaupt zu den glänzends­ten, welche je in’s Daseyn traten, und mehrere Künstler fanden da Gelegenheit, ihre Namen mit Ruhm auf die Nachwelt fortzupflanzen. Wir nennen noch J. von Schnorr, Folz, Hiltensperger, Neureuther, Hermann, Gassen, Olivier etc. Kaulbach malte im Thronsaale der Königin 12 Bilder aus Klopstock’s Hermanns-Schlacht und Hermanns Tod, 4 aus dessen Oden. Für den anstossenden Saal zeichnete er 18 grössere und kleinere Compositionen aus Wieland’s Werken, und im Schlafsaale der Königin malte er 42 Gemälde aus Göthe’s Dichtungen. Ein eigener Wegweiser von Dr. Förster gibt über die Gemälde der k. Residenz Aufschluss. Nach Vollen­dung dieser Arbeit ging Kaulbach an eine neue grossartige Schöpfung. Eine ausge­zeichnete Composition verdankt dem geheimen Rath von Klenze ihre Entstehung; nämlich die Geisterschlacht der Hunnen und Römer, in welcher sich ausserordentli­che Lebhaftigkeit und Reichthum der Phantasie offenbaret. Der Gegenstand ist er­greifend, in vier grosse Hauptmomente zusammengefasst. Hoch oben in der Luft ist der Kampf der beiden Völker, der Todesschlaf der noch nicht erwachten, und das Erwachen anderer auf der Erde zu schauen, und endlich die Klage des Ganzen, die sich wie ein entsetzlicher Schrei des Jammers von der Erde erhebt. Ausführli­cheres über diese grossartige Composition s. Kunstblatt 1834 No. 79.

Ein durch Wort und Kupferstich bekanntes Werk dieses Künstlers ist die Darstel­lung eines Narrenhauses, mit jenen Unglücklichen, die in ihrem Wahne ein unend­lich trauriges Bild gewähren. Der Künstler hat hier das verwirrte Getriebe des menschlichen Geistes mit einer Wahrheit dargestellt, die zur Bewunderung auffor­dert. H. Merz hat dieses Narrenhaus in Kupfer gestochen und Guido Görres hat geistreiche Erläuterungen dazu geliefert, nebst Ideen über Kunst und Wahnsinn. Das Kupfer ist in qu. roy. fol. und der Text in 8., München 1835.

Eine andere durch Kupferstich bekannte Composition von Kaulbach stellt Egmont und Klärchen nach Göthe dar. Merz hat dieses Werk 1836 als Vereinsgeschenk ge­stochen. Das Original ist in der k. Residenz. Auch die übrigen Darstellungen jenes reichen Bilderkreises werden bald vollständig in Abbildung vorliegen, und damit auch Kaulbach’s Compositionen. Sein neuestes Werk ist ein Carton von bedeuten­dem Umfange, die Zerstörung Jerusalems vorstellend. Kaulbach entwickelt auch in diesem Bilde ungewöhnliche Gedankenfülle und eine Kraft des Ausdruckes, welche zur Bewunderung hinreisst. Ein hochtragischer Gedanke weht durch das Ganze. Kaulbach ist immer gross und geistreich, ein ächter Künstler, von der Natur selbst dazu bestimmt. Zur genauen Verständigung des Bildes von der Zerstörung Jerusa­lems hat Kaulbach Erläuterungen drucken lassen, wo auf acht Seiten jene biblischen Stellen vereiniget sind, nach welchen der Künstler seine Darstellung ge­geben hat. Oben erscheinen auf Wolken die vier Propheten Jesaias, Jeremias, Eze­chiel und Daniel als Spruchverkündiger über das halsstarrige Volk, dessen Herz ver­stockt blieb bei ihren Warnungen. Die sieben Engel schweben mit flammenden Schwerdtern als Vollzieher des göttlichen Strafgerichtes nieder, und links vom Be­schauer hat die Bedrängniss, die Qual des Hungers, die Verzweiflung, welche der Matrone aus Bethezob den eigenen Säugling morden lässt, den höchsten Grad er­reicht. Die Anführer der Juden, Johannes von Gischala und Simon, des Giora’s Sohn erscheinen in der Ruhe der Unmacht, in der Kälte und Gleichgiltigkeit des in Ver­brechen erstarrten Gemüthes. Sie, die die menschlichen und göttlichen Gesetze mit Füssen traten, des Heiligen höhnten, dem Gotte fluchten, der sie verlassen, hatten die furchtbare Erfüllung beschleuniget. Trotz der hartnäckigsten Verteidi­gung musste die Stadt unterliegen, und das alte Heiligthum, das Titus so gerne ge­rettet hätte, fiel in Schutt zusammen. Der Tempel steht in Flammen, und Vespasi­an’s Sohn zieht von der andern Seite des Bildes über die zerbrochenen Mauern ein. In der Mitte des Bildes feiern die Römer unter Posaunenschall ihren Sieg, und an heiliger Stätte ist bereits der Legionsadler erhöht. Der hohe Priester, festlich ge­schmückt, ist durch den Fall des Volkes und seines Heiligthums zum Gespötte ge­worden, und er gibt sich den Tod, Zu seinen Füssen sitzen und liegen Leviten mit ihren Harfen und andern Geräthen. Verstummt sind die Lieder und nur die Thräne ist geblieben. Im Vorgrunde rechts zieht eine Christenfamilie aus der Stadt. Aus dem Gefässe der Gnade, dem heiligen Gral, den Engel tragen, strahlt ihnen das Geheimniss ihres Glaubens, und himmlischer Frieden ist mit ihnen. Gegenüber wird der ewige Jude von drei Dämonen aus der Stadt gejagt, der Repräsentant des jet­zigen Judenthums. Dieses Werk, das gegenwärtig nur im Carton vorhanden ist, wird Kaulbach für die Fürstin Radczivill in Oel ausführen.

Die oben erwähnte Hunnenschlacht besitzt der grosse Kunstbeschützer Graf von Raczinsky, und der Kupferstecher Thäter hat es für den zweiten Theil von dessen Geschichte der neueren deutschen Kunst in Kupfer gestochen. Für dasselbe Werk hat Heinzmann eine andere grossartige Composition von Kaulbach lithographirt, nämlich den Verbrecher aus verlorner Ehre. Beide Blätter sind in fol. Für den Gra­fen Raczinsky hat Kaulbach noch ein anderes Gemälde in Arbeit, Beduinen vorstel­lend, wie sie sich auf ihrer Wanderung anschicken, auf einen Löwen Jagd zu ma­chen. Dann müssen wir noch einer Sammlung von Zeichnungen erwähnen, welche Kaulbach zum Stiche für eine Prachtausgabe von Göthe’s Faust gefertiget hat. F. von Cotta will zu Göthe’s sämmtlichen Werken eine solche malerische Ausschmü­ckung bewerkstelligen, und auch den grossen Schiller auf gleiche Weise ehren. Kaulbach wird dazu die Hand bieten. Einem Künstler wie Kaulbach kann es auch nicht an Auszeichnung fehlen. Der König Ludwig von Bayern ernannte ihn 1837 zum Hofmaler, und als solcher lebt er gegenwärtig in München. Er erhielt um die­selbe Zeit auch einen Ruf als Professor nach Dresden, welchem er aber seine ehren­volle Stellung in München vorzog.

Dr. Georg Kaspar Nagler: Neues allgemeines Künstler-Lexicon. München, 1838.


ML-280/281 (Kaulbach)