Neuer Nekrolog der Deutschen (1854) / t_1502

Dr. med. Franz von Paula Gruithuisen,
Professor der Astronomie zu München;
geb. den 19. März 1774, gest. den 26. Juni 1852.

In dem alten Ritterschlosse Haltenberg am Lech erblickte G. das Licht der Welt. Sein aus Herzogenbusch gebürtiger Vater, Peter G., war durch Maximilian III. nach Bayern berufen worden, wo er die Stelle eines Falkoniers erhielt. Sein Einkommen war gering und er konnte auf die Erziehung seines Sohnes, dessen Fähigkeiten sich frühzeitig entwickelten, nicht so viel verwenden, als er wohl gewünscht hätte, thun zu können. In den alten Sprachen machte G. schnelle Fortschritte. Auch in seiner wissenschaftlichen Bildung überhaupt zeichnete er sich rühmlich aus. Zu seinem Be­rufsfache wählte er die Chirurgie. Aus dem älterlichen Hause sehnte er sich hinaus in die Welt. Er wollte Erfahrungen sammeln und seine Kenntnisse berichtigen und erweitern. Noch sehr jung, in seinem 14. Lebensjahre, trat er 1788 beim Ausbruche des Türkenkrieges in österr. Dienste als Feldchirurg. Erst nach seines Vaters Tode ging dessen Wunsch, ihn unter den Dienern des Kurfürsten Karl Theodor angestellt zu sehen, in Erfüllung. G. hatte dadurch Zeit gewonnen, sich mit manchfachen Stu­dien, besonders mit der Philosophie zu beschäftigen. Durch mehrere Experimente und selbst gefertigte Fernröhre gewann er die Gunst eines einflußreichen und ver­mögenden Mannes, der sich seiner thätig annahm und ihm auf der Universität Landshut ein reichliches Jahrgeld zufließen ließ. Dort studirte G. seit 1801 Medicin und setzte nebenher seine philosophischen Studien fort. 1808 erlangte er zu Landshut den medicinischen Doktorgrad. Er ward in dem genannten Jahre als Pro­fessor der Physik berufen, lehnte jedoch diesen Ruf ab, als ihm gleichzeitig ein Lehramt in München angetragen ward. Bis 1824 war er dort bei der Schule für Landärzte als Lehrer der Physik, Chemie, Naturgeschichte, Zoonomie und Anthro­pologie angestellt. Während seines Aufenthalts in München zeigten sich ihm Aus­sichten zu anderweitigen Beförderungen. Die Universitäten Freiburg und Breslau wünschten ihn zu gewinnen, jene für Chemie, Physik und Astronomie, diese für Physiologie. G. blieb aber seinem Vaterlande treu. Als die Universität Landshut nach München verlegt ward, verschafften ihm seine Entdeckungen am Himmel das Lehramt der Astronomie, das er seitdem bis zu seinem Tode verwaltete. Das Insti­tut royal zu Paris verlieh ihm wegen seiner Erfindung, den Stein in der Harnblase zu zermalmen, den Preis von 1000 Frcs. Auf seinen Reisen durch Deutschland in den Jahren 1825 und 1826 erhielt er von Gelehrten aus allen naturwissenschaftlichen Fächern Beweise ehrender Anerkennung. Außer zahlreichen Schriften, von denen später ein Verzeichniß folgt, lieferte er mehere gehaltvolle Aufsätze in Journalen. Einer der interessantesten war seine in Kästner’s Archiv abgedruckte »Entdeckung vieler deutlicher Spuren der Mondbewohner, besonders eines kolossalen Kunstge­bäudes derselben.« Die von dem Marschall v. Bieberstein 1802 veröffentlichten Un­tersuchungen über den Ursprung und die Ausbildung des Weltgebäudes, fanden an G. einen lebhaften Vertheidiger. Nach seinen Beobachtungen der Mondgebirge wollte er sie nicht für Vulkane gelten lassen. Er war vielmehr der Meinung, daß die meisten Ringflächen der Mondgebirge sich als die obern Segmente der in den Mond versenkten Weltkörper ankündigten, und daß die Mondgebirge selbst kon­centrisch geschichtete Ringe wären, die sich aus den versunkenen Kugeln abge­streift hätten und sich als Urgebirge zeigten, wodurch man veranlaßt werde, die größeren Weltkörper sich aus kleinern zusammengesetzt vorzustellen.

Seine Schriften sind: Naturhistor. Untersuchungen üb. d. Unterschied zwischen Ei­ter und Schleim durch das Mikroskop. M. 1 Kpfr. München 1809. – Ueber d. Exis­tenz der Empfindung in d. Köpfen u. Rümpfen d. Geköpften, und von d. Art, sich darüber zu belehren. Nürnb. 1809. – Anthropologie, od. von d. Natur des menschl. Lebens und Denkens, für angehende Philosophen u. Aerzte. München 1810. – Die Naturgeschichte im Kreise der Ursachen u. Wirkungen, od. d. Physik histor. bear­beitet. Ebds. 1810. – Organozoonomie, od. üb. d. niedrige Lebensverhältniß als Propädeutik zur Anthropologie; mit e. Anhange: Versuch e. Terminologie d. allgem. physiol., anthropol. u. philos. Ausdrücke. Ebds. 1811. – Ueber d. Natur des Kome­ten, mit Reflexionen auf ihre Bewohnbarkeit und Schicksale; bei Gelegenheit des Kometen von 1811. M. 1 Kupfer, 3 lithograph. Tafeln und 2 Tabellen. Ebds. 1811. – Von d. Beschaffenheiten, statt e. Metaphysik b. Sinnlichen. Ebds. 1811. – Siegfried, od. kurze Biographie des Verstandes bis auf d. Geist mit seinen Kindern, in e. nach d. Leben gewählten Darstellung. Ebds. 1812. – Beiträge zur Physiognosie u. Heau­tognosie f. Freunde d. Naturforschung, auf d. Erfahrungswege von d. Jahren 1809,1810 u. 1811. M. Karten. Ebds. 1812. – Neuer kosmo-theol. Beweis von d. Eristenz Gottes. Und daß Herr Fr. H. Fries sich in die Philosophie unserer Zeit nicht finden kann, wird gezeigt von u. s. w. Veranlaßt durch des Hrn. Fries neue Schrift von deutsch. Philosophie, Art u. Kunst, worin f. Herrn Friedr. Heinr. Jacobi, gegen F. W. J. Schelling ein Votum gegeben worden. Landshut 1812.- Hippokrates d. Zweiten ächte medicin. Schriften in’s Deutsche übers. Mit e. alphabet. Repertorium der Sätze und Materien. Ein Taschenbuch für junge Aerzte, herausgeg. von u. s. w. München 1814.- Lieblingsobjekte im Felde d. Naturforschung. Ebds. 1817. – Ueber Naturforschung; nebst Anhang; Uebersicht d. Arbeiten des Verfass. im Felde d. Na­turforschung. Augsburg 1824. – Handb. der Vorbereilungslehre an den k. bayer. Schulen f. Chirurgie. Mit Holzschnitten (auch unter d. T.: Einleitung in das Studium der Arzneikunde, enthaltend: Allgem. Naturlehre der medicin. Chemie, Meteorolo­gie, Organologie u. Pharmakologie. Nebst Regist. u. Anhang. Nürnb. 1824. – Ge­danken u. Ansichten üb. d. Ursachen der Erdbeben, nach der Aggregations-Theorie der Erde. Ebds. 1825. – Analekten für Erd- und Himmelskunde. 7 Hefte. München 1828-1831. – Neue Analekten für Erd- und Himmelskunde. 2 Bde. Ebds. 1832-1836. – Kritik d. Rede Schelling’s znm 75 Jahrestage der königl. bayer. Akad. d. Wissen­schaften. Ebds. 1834. – Naturgeschichte d. gestirnten Himmels. Eine neue, zufolge ihrer Einrichtung jedem scientifisch Gebildeten faßl. Darstellung d. neuest. Lehren der Astronomie, nebst tabellar. Astronomie, als Anhang. München 1836. – Astro­nom. Jahrbuch f. phys. u. naturhistor. Himmelsforscher, mit den für d. J. 1839 vor­ausbestimmten Erscheinungen am Himmel. Ebds. 1838. – Kritik der neuesten Theo­rie d. Erde, und Sieg d. Natur üb. dieselben. Für Geologen u. überhaupt für Natur­historiker, Physiker und Astronomen. Landshut 1838. – Astronom. Jahrbuch f. phys. u. naturhistorische Himmelsforscher, mit den für das Jahr 1840 vorausbestimmten Erscheinungen am Himmel. München 1839. – Astronom. Jahrbuch u. s. w. 3. Jahrg. Mit 4 lithogr. Tafeln. Ebds. 1840. 4. Jahrgang. Ebds. 1842. Mit 3 lithograph. Tafeln. Ebds. 1842. – Naturwissenschaftl.-astronomisches Jahrb. u. s. w. Mit 3 lithograph. Tafeln. Stuttgart 1842. – Neue einfache trigonometr. Methode, die Höhen der Ber­ge zu messen u. sie zu besteigen, bewirkt durch d. Auffindung der wahren terrestri­schen Refraktion. München 1842. – Phys.-astronomische Beobachtungen d. Saturn, Mars, des Mondes, der Venus und Sonne (in Bodee’s* *Dessen Biog. siehe im 4. Jhrg. des N. Nekr. S. 688) astronom. Jahrbüchern für 1817); Beiträge zu d. Salzbur­ger medicin.-chirurgischen Zeitschrift (1812-14, 1816, 1819, 1820, 1822, 1823, 1825); zu Oken’s Isis (1820); zu den Verhandl. der Leopoldinischen Akad. der Natur­forscher. Bd. 10 (1820); zu Bode’s astronom. Jahrbüchern auf d. Jahre 1825 u. 1828 u. a. Journalen. – Sein Bildniß befindet sich vor dem 6. Hefte der von ihm herausge­gebenen Analekten f. die Erd- u. Himmelskunde. (München 1835).

Jena. Dr. Heinr. Döring.

Dr. Heinrich Döring: Neuer Nekrolog der Deutschen. Weimar, 1854.


04-02-47/48 (Gruithuisen)