Neuer Nekrolog der Deutschen (1854) / t_1246

Johann Andreas Schmeller,
ordentl. Professor an der Universität und Bibliothekar der königl. Hof- und Staatsbi­bliothek, Mitglied und Sekretär der I. Klasse der königl. Akademie der Wissenschaf­ten zu München;
geb. den 6. Aug. 1785, gest. den 27. Juli 1852 (Beil. zur Augsburger Allgem. Zeitg. 1852. Nr. 220.).

Sch., geboren als der Sohn eines Landmanns zu Tirschenreuth in der Oberpfalz, vom zweiten Lebensjahr an aber zu Rimberg im königl. Landgericht Pfaffenhofen, wohin seine Aeltern sich wendeten, erzogen, hatte seine wissenschaftliche Vorbil­dung (1796-1799) auf dem Gymnasium zu Ingolstadt und am Lyceum zu München (1799 bis 1804) erhalten. Zu arm und mittellos, um seine Studien fortsetzen zu kön­nen, faßte er, 18 Jahr alt, den Entschluß, sein Glück in der weiten Welt zu suchen. Das große Werk, das Pestalozzi in jenen Tagen unternommen hatte, zog ihn nach der Schweiz, wohin er sich im Juni 1804, nichts mit sich führend, als seine mit Be­geisterung geschriebene Erstlingsarbeit, in frohem Jugendmuth auf den Weg machte. Allein Pestalozzi war gerade damals im Begriff, von Burgdorf nach Mün­chenbuchsen zu übersiedeln, und vertröstete ihn auf einen spätern Zeitpunkt. Sch. hielt das für eine höfliche Abweisung und zog weiter.

Als auch ein Versuch, in Bern ein Unterkommen zu finden, mißlungen, und in Basel die Hoffnung vereitelt war, von da zu Schiff nach Holland und weiter nach Amerika zu reisen, nahm Sch. seinen Weg nach Solothurn. Auf der Heerstraße traf er den Agenten eines Schweizerregiments in spanischem Sold, der ihm die Möglichkeit zeigte, leichten Kaufs über die Pyrenäen und wenn er wollte, vollends über das Weltmeer zu gelangen. Er ließ sich anwerben und gelangte im September nach Ta­ragona. Hier machte er mit dem Hauptmann Voitel nähere Bekanntschaft, der Pes­talozzi’s Leistungen kannte, dessen Lehrmethode bereits in der Schule des Regi­ments eingeführt und der sogar in Madrid Verbindungen angeknüpft hatte, um der neuen Unterrichtsweise in Spanien Eingang zu verschaffen. Als nun die Errichtung einer zunächst für Officierssöhne bestehenden Probeschule nach Pestalozzi’s Grundsätzen beschlossen und Voitel als Vorsteher derselben (1806) nach Madrid berufen wurde, begleitete ihn Sch. dahin und fand als Gehilfe der Lehranstalt Gele­genheit, seine früheren Ideen über Elementarunterricht anzuwenden und zu erpro­ben.

Als aber bald nach dem Ausbruche der Revolution die Anstalt ihr Ende fand, ver­ließ Sch. Spanien und zog mit seinem Kollegen, Studers, nach der Schweiz, wo er, im Mai 1808 angelangt, sich zu Basel mit Samuel Hopf zur Errichtung einer Privat­anstalt verband, die bis 1813 bestand, wo Sch., als auch sein Vaterland gegen Frankreich aufstand, die Schweiz verließ und sich in die Reihen der bayer’schen Freiwilligen stellte. Da die aus denselben gebildeten Jägerbataillone während des Jahres 1814 dem Reserveheere zugetheilt blieben und das vereinte Bataillon des Il­ler- und Oberdonaukreises, in welchem Sch. stand, erst im Feldzug 1815 verwendet ward, so benutzte er seine Muße im J. 1814 zur Ausarbeitung einer kleinen gegen den ausschließlichen Gebrauch der französ. Sprache bei diplomatischen Verhand­lungen gerichteten Schrift: »Soll es Eine allgemeine europäische Verhandlungsspra­che geben?« Kempten 1815.

Nach der Heimkehr zogen ihn besonders die Eigenschaften der Volkssprache in seinem Vaterlande an: »Mir stehen die Mundarten neben der Schriftsprache da, wie eine reiche Erzgrube neben einem Vorrath schon gewonnenen und gereinigten Me­talls, wie der noch ungelichtete Theil eines tausendjährigen Waldes neben einer Partie desselben, die zum Nutzgehölz durchforstet, zum Lufthain geregelt ist.« Die­se Richtung seiner Forschungen gelangte durch die Vermittelung des Oberbiblio­thekars Jos. Scherer zur Kenntniß des Kronprinzen von Bayern, der ihm in hochsin­niger Weise den Auftrag und die Mittel gab, die Mundarten Bayerns zum Gegen­stand einer ausführlichen Arbeit zu machen, die bereits 1821 mit einer Karte zur Uebersicht der verschiedenen Mundart-Eigenheiten erschien; sie bildet die Grund­lage des großen lexikalen Werkes: »Bayer’sches Wörterbuch«, das mit urkundlichen Belegen, nach den Stammsylben etmologisch-alphabetisch geordnet, bereits im J. 1827 begann und 1836 mit dem 4. Bande schloß: ein Idiotikon der lebenden Volks­sprache, sowie Glossar der aeltern Sprache des Landes, das lange noch unerreicht dastehen wird als einziges Muster für alle Arbeiten ähnlicher Art.

Sch. erhielt um diese Zeit (1827) eine Professur im königl. Kadetenkorps und nach Uebersiedelung der Universität von Landshut nach München den neu errichteten Lehrstuhl für deutsche Literatur, den er mit dem Programm »Ueber das Studium der altdeutschen Sprache und ihrer Denkmäler« (München 1827) antrat. Für seine Zuhörer gab er nun das Evangelium des heil. Matthäus, nach der in St. Gallen be­findlichen sogenannten tatiann’schen Evangelienharmonie heraus, 1828; bald folg­te, nachdem Sch. an Docen’s Stelle Kustos der königl. Hof- und Staatsbibliothek, wo er später zum Unterbibliothekar vorrückte, geworden, die Ausgabe des Hel­jand, jener seither so berühmt gewordenen altsächs. Evangelienharmonie, von den beiden in Bamberg und London befindlichen Handschriften (Stuttgart 1830. 1. Bd., 1840. 2. Bd., das Wörterbuch und grammatische Uebersicht enthaltend.) Dann folg­te in schneller Reihe die Herausgabe des von Docen entdeckten althochdeutschen Gedichts vom Weltuntergang (Muspilli, München 1832); dann 1833 die Denkschrift des Bürgermeisters Jörg Katzmair über die »Vierherzogregierung (1397-1403) in München.« In den mit Jakob Grimm herausgeg. »Lateinischen Gedichten des 10. und 11. Jahrhunderts« veröffentlichte er die Fragmente des Puodlieb, als dessen Dichter er den tegernseer Mönch Froutmut zu Anfang des 11. Jahrhunderts be­zeichnet.

Die Akademie der Wissenschaften hat ihn, wohl ahnend, zu welchem Ruhm ihr sein Name noch gereichen würde, bereits 1829 zu ihrem Mitglied erwählt und seine in einer Reihe von Jahren dort niedergelegten Abhandlungen werden immer leuch­tende Perlen bleiben im reichen Schreine der Germanistik, den besten Arbeiten der Grimm zu vergleichen, die durch den fleißigen Austausch ihrer Werke unserm Sch. ihre Freundschaft und hohe Anerkennung seiner Bestrebungen kund gaben. Als im J. 1846 Sch. zum ordentlichen Professor ernannt wurde, betrat er nach langer Un­terbrechung, woran die Geschäfte der Bibliothek wohl einzig Schuld trugen, wieder den Lehrstuhl. Ein höchst gewähltes Kolleg umgab ihn; mit Begeisterung wurden seine Vorträge, seine gleichsam vergleichende Physiologie der Sprache über die deutschen lebenden Mundarten aufgenommen.

Wenn Grimm, der Meister, vom Quell aus die Strömungen verfolgte und wie ein Feldherr überall zu gleicher Zeit siegreich, wunderbaren Geistes und Blickes vorge­drungen, so hatte Sch. in gleichem Drange und gleich starker Liebe zur Heimath und zum heimischen Erbgut den mühsameren Weg eingeschlagen und war von der Mündung der einzelnen Flüsse neben oft schwierigem Rennsal zum Ursprunge der Wasser zurückgegangen; »der Steinkenner,« so äußerte er sich damals, »schaue und mustere das durch Stromesmacht vom Gebirge herabgeflößte und außgebrei­tete Kiesfeld der Ebene und finde und schließe gleich hier, aus welchem Fels und Kitt der ferne blaue Bergwall gebaut und aufgerichtet ist; der Sammler steige un­verdrossen darüber hinweg, hinauf in die Höhen und schlage sorgsam an jedem Stein mit prüfendem Hammer und trage mühselig den gefundenen Schatz mit sich in die Tiefe zurück.«

Welch’ einen Schatz von Blüthen und Blumen, die der Vielerfahrene von früher Ju­gend allerorts aus dem Munde redseliger Bauern und kräftiger, annoch vom ermat­tenden Hauche städtischer Verbildung unberührter Werkleute, in rauchigen Schen­ken einsamer Dörfer, in waldumnachteten Mühlen, verschränkten Schluchten, in lichten Sennen der steilen Alpenhöhe mit dem Fleiße der Biene gesammelt und emsig und ordnend zum Stocke getragen hatte! Freudig schied er im Sommer 1847 von seinem Auditorium; wer dachte an ein so schmerzliches Wiedersehen?

Kräftig und wohlgemuth war er nach Meran hinabgestiegen und mit gebrochenem Beine lange hilflos liegen geblieben. Erst nach vielen Stunden aufgefunden kam die ungeschickte Hand eines Chirurgen dazu; die Folge davon war, daß Sch., unter qualvollen Schmerzen endlich nach München zurückgebracht, den freien Gebrauch seines Fußes niemals mehr erlangte. Abgezehrt und gealtert, sich mühsam an Krü­cken schleppend, ein Bild des Jammers, so kam er im Sommer 1848 wieder zurück. »Ein Mann, ein Wort,« so meinte er, als ihm seine Freunde mit aller Vorsicht zum Lehrstuhl geleitet hatten, »das zieme sich sonsten; an ihm aber sey der Spruch wahr geworden: der Mensch denke und Gott lenke.« Es war wahrlich rührend zu sehen, wie der Mann alle Schmerzen vergaß und nun, nachdem er eine peinliche lange Zeit von seinen liebsten Studien geschieden gewesen, mit jugendlicher Seele seinem Berufe nachkam.

Jetzt, da eine tückische Krankheit in wenigen Tagen sein kostbares Leben, viel zu früh für die Wissenschaft, gelöscht, halten wir es für eine heilige Pflicht, sein Ge­dächtniß zu feiern, nicht für seine Freunde, in denen sein Bild ohnehin nie ver­schwinden wird, sondern für Diejenigen, so ihm ferner standen und verblieben.

Sch. war ein ganzer Mann, einfach und gerade, liebevoll und freundlich, der Jugend geneigt, selbst da, wo es sich häufig traf, daß er gerade in den wichtigsten Studien unvorhergesehen gestört ward; jeder, selbst der unwichtigsten Persönlichkeit, wenn sie sich vertrauensvoll um Rath an ihn gewendet, mit der größten Bereitwil­ligkeit entgegenkommend; er zählte zu jenen wenigen Glücklichen, die im schönen Streben der Wissenschaft nie einer Partei anheimfallen, duldsam gegen Alle und Jeden; Unfrieden vermeidend, nur gegen Unnatur und Unlauterkeit hart und ent­schieden, wo sich seine Stirne höher wölbte und Wackernagel’s Verse paßten:

…gegen das Schlechte
Mag noch immer ich jugendlich
Laut verfechten das Rechte
Und wo der Dünkel des Unverstands
Pocht, selber genügsam,
Bin ich noch heute ein Jüngling ganz
Unschmiegsam und unfügsam.

Was Sch. für die Bibliothek war, wird die Welt staunend erfahren, wenn der von ihm angefertigte Handschriften-Katalog der Oeffentlichkeit übergeben seyn wird; die Wissenschaft verliert an ihm einen Stern erster Größe; wie ihn sein König zu schät­zen verstand, zeigt der Orden auf seiner Brust.

Schließlich müssen wir noch einige seiner kleinern Arbeiten hervorheben. Hierher gehört Einzelnes in Zschokke’s »Miscellen 1807-11; Ruiz de Padron über die Inquisi­tion in den »Europäischen Annalen;« ferner in der »Ens« 1818, im »Ausland« 1828, »Inland« 1829. Dann in den Abhandlungen der Akademie: Zu Schorn’s Abhandlung üb. d. röm. Denkmal in Igel bei Trier; Entstehung des Klosters Waldsassen, in deut­schen Reimen des 14. Jahrh.; über Valentine Fernandez Alema, und seine Samm­lung von Nachrichten über die Entdeckungen und Besitzungen der Portugiesen in Afrika u. Asien bis zum J. 1508; über Hadamar von der Baber Minnegedichte; über Raphael Sanzio als Architekten; über Wolfram v. Eschenbach’s Heimath; Grab und Wappen; über die sogenannten Cimpern der VII. u. XIII. Kommunen auf den veneti­schen Alpen u. ihre Sprache; über die Hof- u. Pilgerreise des böhm. Herrn Leo v. Rozmital (in den Publikationen des literar. Vereins zu Stuttgart, der sich seiner Mit­wirkung erfreute); über einige ältere handschriftl. Seekarten; St. Ulrich’s Leben in den deutschen Versen nach B. v. Reichenau etc.

Neuer Nekrolog der Deutschen. Weimar, 1854.


02-07-40 (Schmeller)