Neuer Nekrolog der Deutschen (1851) / t_179

Franz Xaver Gabelsberger, königl. bayer. quiescirter Ministerialrath, Erfinder der deutschen Stenographie, zu München; geb. den 9. Febr. 1789, gest. den 4. Jan. 1849* (* Nach der »Deutschen Gewerbezeitung.« 1849. Nr. 10. – dem »Kunst- und Gewerbeblatte des bayer. polytechnischen Vereins.« 1849. Heft 2. u. a. Blättern.).

G. ward zu München geboren, wo sein Vater, Joh. Gabelsberger, Hofblaseinstru­mentmacher war. Als Knabe bahnte er sich durch seine schöne Stimme und durch seine Ausbildung in der Singekunst den Weg in das Kloster Ottobeuern. Nach des­sen Aufhebung trat er in ein Studienseminar in München; entschloß sich jedoch aus Mangel an Mitteln um eine Universität besuchen zu können, sich dem Elementar­schullehrfache zu widmen. Aber seine schwächliche Gesundheit nöthigte ihn, auch diese Berufsart aufzugeben und er erhielt als Kalligraph im Jahr 1809 seine erste Anstellung bei der Generaladministration der Stiftungen im nächsten Jahr als Kan­zellist bei der königl. Kreisregierung in München. Nachdem er vom Jahr 1813 an als Kanzellist der Centralstiftungskasse gedient hatte, ward er im J. 1823 zum gehei­men Sekretär im Staatsministerium befördert und erhielt späterhin den Titel eines Ministerialraths. Seine Mußestunden widmete er fortwährend wissenschaftlicher Ausbildung und beschäftigte sich besonders mit Lithographie. Seine für den Ge­brauch in Schulen gelieferten Vorschriften fanden reißenden Absatz; auch erfand er eine sehr zweckmäßige Vorrichtung für den Elementar-Rechenunterricht, welche unter dem Namen: »Mechanische Rechnentafeln« etwa dieselben Dienste leisten sollten, wie die Lesemaschine beim Leseunterrichte.

Doch das höhere Verdienst erwarb sich G. durch Emporbringung und Verbreitung der nach einer ganz eigenthümlichen, von ihm selbst erfundenen, für Deutsche be­rechneten Schnellschreibemethode, nicht nur in Bayern, sondern in ganz Deutsch­land. Die erste Idee dazu erfaßte er lediglich zu seinem Privatgebrauch in der Ab­sicht, Alles, was er sich im Dienste und privatim zu notiren hatte, mit größter Zeit­ersparnis aufzuzeichnen. Bald aber zeigte sich ein noch viel dringenderes und um­fassenderes Bedürfniß der Anwendung einer solchen Schnellschrift. Denn als sich im Jahr 1819 die bayer. Landstände zum ersten Male versammelten, war G. im Stande, einige Proben seiner Schnellschreibekunst durch Aufnahme einzelner Ver­handlungen vorzulegen. Was die vorhergegangene kurze Uebung noch zu wün­schen übrig ließ, holte er bald durch ungemeinen Fleiß nach und es wurden ihm von Seiten des Staats besondere Unterstützungen gewährt, um seine Kunst zu im­mer größerer Vollkommenheit zu erheben.

G. schrieb zu seiner Uebung Hunderte von Predigten nach und als im Jahr 1829 Langenschwarz auf dem königl. Hoftheater in München als Improvisator auftrat, zeichnete er hinter den Koulissen die Vorträge wörtlich auf. In demselben Jahre ward sein Schnellschreibesystem auf Anordnung des Ministerium des Innern von der königl. Akademie der Wissenschaften geprüft und diese sprach sich dahin aus, daß diese Schnellschreibemethode einfacher, naturgemäßer und in Bezug auf die deutsche Sprache vortheilhafter sey, als die bisher zur Anwendung empfohlenen englischen und französischen Methoden. Auf den Antrag der Landstände ward G. im J. 1831 als erster landständischer Stenograph angestellt.

Er unterrichtete seit dieser Zeit viele junge Leute in seiner Kunst der Geschwind­schreiberei eben so uneigennützig als erfolgreich; seine Lehrmethode war anzie­hend und gründlich; viele Studirende in München wurden durch ihn in den Stand gesetzt, bei dem Besuche ihrer Kollegien von der Stenographie den vortheilhaftes­ten Gebrauch zu machen. Mehere Jahre hindurch beschäftigte er sich mit der Aus­arbeitung eines ausführlichen Lehrbuchs der Stenographie, das im J. 1834 unter dem Titel: »Anleitung zur Stenographie. München.« im Druck erschien und von Sei­ten aller Sachverständigen rühmlichste Anerkennung fand. Es verdiente sie beson­ders darum, weil G. nicht empirisch, sondern rationell verfuhr und sein Schreibesys­tem aus den Tiefen der Sprache und Grammatik hervorholte. Eben darum leisten bei ihm die sinnreichsten Vortheile im Stufengange grammatikalischer Entwicke­lung Das, was bei anderen stenographischen Lehrmethoden gewöhnlich nur Willkür erschaffen hat. Von den Vorzügen seiner stenographischen Kunst giebt die schnelle Verbreitung derselben das beste Zeugniß.

Zu Stuttgart wurde sie durch einen Schüler G.’s, Krieg, eingeführt; in Wien gründe­te ein junger Mann, J. Heger, der sie lediglich aus des Meisters Werken erlernt hat­te, ein stenographisches Institut, das bald zur Blüthe gelangte. Auch in Karlsruhe, Kassel, Dresden und in der Schweiz werden Schüler des erprobten Meisters be­schäftigt. Selbst das Ausland scheint seine Grundsätze anzuerkennen und zur An­wendung bringen zu wollen. Im Jahr 1833 übertrug ihm das Ministerium des Innern die stenographische Aufnahme der Verhandlung in dem vor den Asfisen zu Landau schwebenden Proceß gegen Wirth und Siedenpfeiffer.

Auch nachdem er in Ruhestand versetzt worden war, bediente sich der Staatsminis­ter von Oettingen-Wallerstein seiner oft zur Aufnahme der wichtigsten Verhandlun­gen und außerdem beschäftigte ihn eine in vieler Beziehung höchst eigenthümliche Telegraphenschrift, die sich besonders durch sinnreiche Bezeichnung in größter Kürze auszeichnen soll. Von seinen Bestrebungen, die Stenographie auf die rich­tigsten Punkte zurückzuführen, zeugt sein letztes Werk: Neue Vervollkommnungen in der deutschen Redezeichenkunst. München 1843.

Von Charakter war G. ein Muster von Sanftmuth, Biedersinn und Rechtschaffenheit; gegen seine Schüler und auswärtigen Freunde war er bis zur Aufopferung gefällig. Der wackere Mann starb am oben bezeichneten Tage, getroffen von einem Schlag­flusse auf der Straße und augenblicklich dem Leben entrückt. Als bei seiner Beerdi­gung der Priester in seiner kurzen Rede am Grabe die Andeutung machte: »ein ra­scher Tod durch Schlagfluß sey ein Strafgericht Gottes« und demnach für die arme Seele zu beten aufforderte, so wäre – nach einer Korrespondenznachricht in der Deutschen Allg. Ztg. v. d. J. Nr. 12. Seite 111 – »der Priester vielleicht an Ort und Stelle gemißhandelt worden, wenn die Entrüstung dort Zeit gehabt hätte, sich nach Außen zu entladen. Dafür ist sie wie ein Blitzstrahl über ganz München hinge­fahren und wiederhallt in tausend Verwünschungen über den unausrottbaren Fana­tismus noch zur Stunde fort.«

Neuer Nekrolog der Deutschen für das Jahr 1849. Weimar, 1851.


07-10-54 (Gabelsberger)