Neuer Nekrolog der Deutschen (1842) / t_299

Joseph Liebherr,
Professor der Mechanik an der polytechnischen Schule zu München;
geb. den 31. Dec. 1767, gest. den 8. Okt. 1840.

Dieser ausgezeichnete Künstler in der Mechanik erhielt als Knabe Unterricht im Geschäfte seines Vaters, eines Uhrmachers zu Immenstadt im Allgau in Schwaben und seine weitere Ausbildung zu Konstanz und München.

An letzterm Orte, wo er selbst eine Werkstätte aufschlug, lernte der hochverdiente Astronom und Akademiker Professor Ulrich Schiegg (Exbenediktiner von Ottobeuern, ehemals Professor der Physik und Mathematik zu Salzburg, nach der Säkularisation seines Klosters in obiger Eigenschaft nach München berufen, wo er i. J. 1808 auch als Steuerrath bei der Steuerkatasterkommission angestellt wurde, geb. zu Wiesenstieg den 3. Mai 1752, gest. zu München den 4. Mai 1810.) seine ausnehmende Geschicklichkeit zu Verfertigung mathematischer und astronomischer Instrumente kennen und brachte ihn mit dem großen Mechaniker, damaligen Artilleriehauptmann Georg von Reichenbach (Geboren zu Mannheim 1772, gestorben zu München 1826.) und dem verdienstvollen geheimen Rathe von Utzschneider in Verbindung.

Im J. 1804 gründete letzterer das berühmte mathematisch-mechanische Institut unter der Firma: »Reichenbach, Utzschneider und Liebherr.« Welche große Leistungen, besonders in Ausführung aller zu den astronomischen und geodätischen Operationen nöthigen Werkzeuge aus diesem Institute hervorgingen, ist allgemein bekannt. L. hat daran ehrenvollen Antheil. Die Einrichtung des von ihm erfundenen Räderschneidzeuges förderte die in der unübertrefflichen Theilmaschine verwirklichte Idee der neuen Kreistheilungsmethode. Die erste kleinere Theilungsmaschme wurde von ihm und Reichenbach gemeinschaftlich gefertigt und blieb auch in seinem Besitze. Viele Erfindungen und Verbesserungen an Meßinstrumenten kamen von ihm her: auch für die Ausführung der Verbindung parallaktischer Aufstellung mit einem Uhrwerke zu größeren Refraktoren hat L. wichtige Winke gegeben. Viele angehende Mechaniker erhielten von ihm ihre Ausbildung.

Im Jahre 1813 fand er sich bewogen, aus der Anstalt, in welcher er so nützlich gewirkt hatte, zu scheiden. Er betrieb sodann vorerst eine eigene Werkstätte; als aber im J. 1814 Reichenbach sich von Utzschneider trennte und seine eigene Werkstätte für sich allein fortführte, trat L. mit Utzschneider und Werner eine Zeit lang wieder in Verbindung. Nachdem er noch die Aufstellung des großen Refraktors für Dorpat ausgeführt hatte, verließ er im J. 1823 München ganz und zog nach Kempten, wo er sich Schriftgießerei zum Geschäfte machte. Nach Errichtung der polytechnischen Schule zu München bewirkte der thätige geheime Rath von Utzschneider im Jahre 1828 die Berufung L.’s an dieselbe für die Professur der Mechanik. In dieser Stelle, in welcher er seine Thätigkeit sogleich mit Verfertigung von Modellen und physikalischen Instrumenten für den Gebrauch der Schule begann, wirkte er bis an sein Lebensende.

Er war mehrere Jahre Ausschußmitglied des polytechnischen Vereins zu München und wurde auch bei der letzten Industrieausstellung daselbst in das Comitée berufen. Bescheidenen und wohlwollenden Charakters, gewährte er auch im Alter gern seinen nützlichen Rath. Für seine Buchdruckerpresse erhielt er vom polytechnischen Vereine die goldene Preismedaille. Sein Uhrräderschneidzeug, seine Kniehebelpresse zum Pressen von Oel, Rübenzucker etc., sein Cohäsionsmesser, sein Pantograph, seine Uhrenregulirung, sein Projekt einer Münzjustirmaschine, seine Verbesserung der Theodolithenkonstruktion, seine Bordaische- und Vertikalkreise auf der Sternwarte, sein Universalinstrument mit Repetition für Zenith und Azimuth u. a. m. werden stets ehrenvolle Denkmäler seiner Kunst bleiben.

Er hinterließ 2 Söhne und 4 Töchter aus der zweiten Ehe, die einzige Tochter aus erster Ehe ist gestorben. Auf seine beiden als Künstler ebenfalls ausgezeichnete Schwiegersöhne, Optikus Georg Merz und Mechanikus Joseph Mahler zu München, ist im Jahre 1839 der Besitz des unter der bisherigen Firma fortdauernden berühmten mechanisch-optischen Instituts »Utzschneider und Frauenhofer« übergegangen. Sein Bruder Benedikt, gleichfalls ehemals Uhrmacher, ein talentvoller Mechanikus, hat zu Landshut in Niederbaiern eine ansehnliche Wollspinn- und Tuchmanufaktur.

Der Grundzug im Charakter des Verstorbenen war Genauigkeit, deren innersten Kern aber Wohlwollen bildete und daraus floß eine Offenheit der Rede, die keinen Gegner scheuete, aber alle Prahlerei mied.

Neuer Nekrolog der Deutschen für das Jahr 1840. Weimar, 1842.


11-12-53 (Liebherr)