Neuer Nekrolog der Deutschen (1836) / t_309

Conrad Mannert, Hofrath und Professor der Geschichte u. Statistik an der Universi­tät München, ordentl. Mitglied der königl. Akademie der Wissenschaften daselbst und mehrer andern gelehrten Gesellschaften etc. Ritter d. Ludwigsordens; geb. d. 17. April 1756, gest. am 27. Sept. 1834.

Der Geburtsort unsers M. war Altdorf bei Nürnberg. Seine Erziehung geschah un­ter den ungünstigsten Umständen, da sein Vater, ein Chirurg, ihm schon im zweiten Lebensjahre durch den Tod entrissen wurde und seine dürftige Mutter sich und ihn kümmerlich durch Handarbeit ernähren mußte. Dieser machte es daher auch nicht geringe Sorge, als der Knabe durchaus kein Geschick zu einem bürgerlichen Ge­werbe verrieth und aus einem Krämereigeschäfte sogar als ein Dummkopf und als völlig unbrauchbar zurückgewiesen wurde, ja sie betrachtete ihn fast als den verlo­renen Sohn, da er sich mit nichts als einigen Büchern und Landkarten beschäftigen wollte, welche er sich mit fremder Beihilfe zu verschaffen gewußt hatte. Dem Jüng­ling ging indessen immer mehr seine innere Bestimmung auf; bei der Entziehung des Lichtes am Abend benutzte er selbst den Mondschein zum Lesen und mit den Hindernissen wuchs Kraft und Neigung, sie zu besiegen, bis ihm endlich ein mit ihm in demselben Hause wohnender Professor seine Aufmerksamkeit widmete und ihm durch seine Vermittelung auf dem Gymnasium zu Nürnberg einen sogenannten Ar­menplatz erwirkte. Bei seinem Eintritt hatte er bereits das 17. Jahr erreicht und sein ohne alle Anleitung mühsam errungenes Wissen war mangelhaft und fragmen­tarisch. Indessen erlangte er unter systematischer Leitung bald den obersten Platz, welchen er auch in den nachfolgenden Klassen behauptete und fand seinen Unter­halt zum Theil als Heizer, Famulus und durch wöchentliches Singen vor den Häusern nach damaligem Brauch. Hierauf bezog er die Universität seiner Vaterstadt, erwarb sich durch Uebernahme einer Hofmeisterstelle die zu seinem Unterhalte erforderli­chen Mittel und gelangte am 22. Juni 1784 zur höchsten philosophischen Doktor­würde. In demselben Jahre erhielt er seine erste Anstellung an der 4. Sebalder Schule und nachher als Lehrer und Bibliothekar an dem Egidischen Gymnasium zu Nürnberg. Zu gleicher Zeit verheirathete er sich mit seiner noch lebenden Gattin, einer Tochter des Professors Nagel zu Altdorf.

Bald entwickelte sich sein vorzüglicher Beruf zum Schriftsteller wie zum trefflichen Jugendlehrer so, daß er bald allgemeine Aufmerksamkeit, selbst des Auslandes auf sich zog, besonders als die ersten Bände seiner Geographie der Griechen und Rö­mer und seine mit Genauigkeit gezeichneten und noch jetzt gesuchten Landkarten im Publikum erschienen; auch zeigte seine Theilnahme als Mitarbeiter an der Jena­er Literaturzeitung den raschen Aufschwung zu höherer Gelehrsamkeit. Zur rühmli­chen Anerkennung seiner Leistungen wurde er im Jahre 1797 als ordentlicher Pro­fessor der Geschichte und abendländischen Sprachen nach Altdorf berufen, wo er sein Streben für die Wissenschaften rastlos, selbst mit Aufopferung seiner Gesund­heit fortsetzte, bis ihn ein Ruf an die Universität Würzburg, mit dem Charakter ei­nes k. Hofraths, im J. 1805 in einen erweiterten Wirkungskreis führte. Die mit die­ser Universität vorgegangene Veränderung führte ihn hierauf im Jahre 1808 in glei­cher Eigenschaft nach Landshut und bei Verlegung der Universität von dort nach München, im J. 1826, folgte er dahin seiner neuen ehrenvollen Bestimmung, bis ihn herannahendes Alter u. Körperschwäche nöthigten, im J. 1828 seine öffentl. Vorle­sungen einzustellen.

Wie laut sich damals die Liebe und Achtung seiner zahlreichen Gönner und Vereh­rer und der akademischen Jugend in verschiedenen Ehrenbezeugungen aussprach, thaten öffentliche Blätter kund. Dieselben theilnehmenden Gesinnungen bewähr­ten sich auch noch bei seiner 50jährigen Amts- und Ehejubiläumsfeier den 28. Febr. 1834, wo ihm die Universität durch Erneuerung des Diploms, die königliche Akade­mie der Wissenschaften und viele Gönner und Freunde durch Deputationen und Glückwünsche, die Studirenden durch Fackelzug, sein Monarch aber durch Erthei­lung des Ludwigsordens eine eben so überraschende als ehrenvolle Anerkennung seiner Verdienste bereiteten. Von dieser Zeit an nahm seine Körperschwäche sicht­lich zu, bis er derselben am oben genannten Tage in einem sanften Schlummer un­terlag.

Er hinterließ seine Gattin, einen Sohn, 3 Töchter und 10 Enkel. Die Achtung und Liebe seiner zahlreichen Verehrer knüpft sich theils an seine würdige Persönlichkeit, theils an seine wissenschaftlichen Leistungen. Seine Vorlesungen über Geschichte und Statistik waren fast überfüllt und noch in der letzten Zeit versammelte er mehr als 500 Zuhörer, selbst aus den höchsten Ständen und Thüren und Zugänge des Hörsales waren besetzt. Nie betrat er den Lehrstuhl ohne die sorfältigste Vorberei­tung und mit einer historischen Sicherheit, welche Jeden in Erstaunen setzte, hielt er, ohne sich eines Hilfsmittels zu bedienen, seinen freien Vortrag, welchen Klarheit, lebendige Darstellung, geistreiche und anziehende Behandlung des Stoffes, ein freies unbestochenes Urtheil, wie er es in jeder Lage und in jedem Wechsel des Ge­schichtsforschers würdig fand, verbunden mrt einem ehrwürdigen Aeußern, charak­terisirte.

Hierbei gab sein ernstes und rastloses Studium der Geschichte seinem ganzen We­sen eine seltene Entschiedenheit und Energie und eine Ausprägung, welche, unbe­kümmert um äußere Auszeichnung und Würdigung seiner Verdienste, nur ein siche­res Resultat der Wissenschaft mit strenger Unparteilichkeit verfolgte. Auch besaß er eine ungewöhnliche praktische Welt-und Menschenkenntniß, welche sich in allen geselligen Verhältnissen bewährte und seinen Umgang so anziehend und lehrreich machte.

Außerdem ist noch von ihm erschienen: D. Specimen historicum inaugurale de Van­dalis, iis praecipue, qui sub rege Genserico in Africa regnum sibi parabant. Altorfii 1783. – Geschichte der Vandalen. Leipzig 1785. – Geschichte der unmittelbaren Nachfolger Alexanders; a. d. Quellen geschöpft. Ebd. 1787. – Avantures de Joseph Pignata; neu bearbeitet und m. e. vollständ. Register d. im Buche vorkommenden Wörter versehen. Nürnberg 1787. – Französ. Lesebuch. Ebd. 1787. – Res Trajani Im­peratoris ad Danubium gestae; Libellus a Societate scientarium regia, quae Gottin­gae splendet, praemio donatus. Addita est diss. de Tabulae Peutingerianae aetate. Cum figg. et mappa geographica. Ibid. 1793. – Miscellanea meist diplomat. Inhalts. Ebd. 1795. – Freiheit der Deutschen, adliche Knechtschaft; e. Untersuchung über d. Verfassung d. mit ihrem Vaterlande im Zusammenhang gebliebenen deutschen Völ­ker. Ebd. 1799. – Compendium der deutschen Reichsgeschichte. Nürnberg u. Alt­dorf 1803. 2. verm. u. verb. A. 1808. 3. umgearb. A. 1819. – Geographisch-histor. statist. Zeitungslexikon v. Wolfg. Jäger, Prof. zu Altdorf; neu bearbeitet u. s. w. 3 Bde. Nürnberg und Ansbach 1805-1811. – Compendium der Statistik d. deutschen Reichs. Ebd. 1806. – Die älteste Geschichte Bojariens u. s. Bewohner; a. d. Quellen entwickelt. Nürnberg u. Sulzbach 1807. – Kaiser Ludwig IV. oder der Baier. Eine von der königl. baier. Akademie der Wissensch. zu München den 12. Oct. 1811 gekrön­te Preisschrift. Landshut 1812. – Handbuch der alten Geschichte. A. den Quellen der alten Geschichte bearbeitet. Berl. u. Leipz. 1818. – Die Geschichte Baierns, a. d. Quellen u. andern vorzügl. Hilfsmitteln bearbeitet. Leipz. 1826. – Geschichte der deutschen. 2 Bde. Stuttgart 1823-10. Geschichte der alten Deutschen, besonders d. Franken. Ebd. 1829. – Einleit. in d. Geographie der Alten und Darstellung ihrer vorzüglichsten Systeme. (Abdruck a. d. Geogr. der Griechen u. Römer.) Leipz. 1829. – Ueberdies besorgte er eine neue Ausg. von Joach. Zehneri sententiis insign. in schol. usum collectis. Norimb. 1789 und die dritte Ausgabe v. Nitschen’s kurzem Entwurf d. alten Geographie. Leipz. 1798.

Neuer Nekrolog der Deutschen für das Jahr 1834. Weimar, 1836.


ML-210 (Mannert)