Neuer Nekrolog der Deutschen (1833) / t_1735

Christoph Adam Schmidt,

Abgeordneter bei der Ständeversammlung in München, Vorstand der Gemeinde­bevollmächtigten von Erlangen, zu München;
geb. d. 30. Oct. 1780, gest. d. 30. Juni 1831.
(Siehe sein beigegebenes Portrait.)

Erlangen war der Geburtsort des Verewigten; sein Vater, dessen ältester Sohn er unter 7 hinterlassenen Kindern war, lebte daselbst als Kaufmann. Für seine früheste wissenschaftliche Erziehung sorgte ein eben so aufgeklärter als gründlicher Lehrer, der H. Mag. Pöhlmann, damals Director einer Realschule in Erlangen und gegen­wärtig Pfarrer in Ostheim; die spätere geistige Ausbildung erhielt er auf dem Gym­nasium seiner Vaterstadt. Die Fähigkeiten des jungen S. erregten bei dem Vater den Wunsch, sein Sohn möchte sich den Studien widmen; da aber dieser eine aus­nehmende Neigung zu dem elterlichen Geschäfte blicken ließ, so nahm er ihn in seine Handlung, um ihn unter seiner eigenen Leitung heranzubilden. Hier zeigte der Verewigte außer einem regen Eifer auch eine ungewöhnliche Gewandtheit in Besorgung aller ihm obliegenden Geschäfte. Zu seiner weitern Vervollkommnung lebte er hierauf mehrere Jahre als Handlungsdiener in Hannover und ebenso lange in Wien; von hieraus nöthigte ihn aber ein bösartiges Augenübel zur bessern Scho­nung und Pflege nach dem elterlichen Hause zurückzukehren. Nach hier glücklich bewerkstelligter Heilung faßte er den Entschluß, sich in seiner Vaterstadt zu etabli­ren, und führte diesen Plan auch kurz vor dem Tode seines Vaters im J. 1808 aus. In der nämlichen Zeit verheirathete er sich auch mit seiner nunmehrigen Witwe, die ihn in einer glücklichen Ehe mit 10 Kindern beschenkte, wovon 6 den Vater über­lebt haben.

S. hatte sich seinen Mitbürgern als ein besonnener Rathgeber und als ein Mann empfohlen, der seine Ansichten kräftigst mit dem Wort und der That zu unterstüt­zen wußte. Daher wurde ihm denn auch 1810 die Stelle eines Municipalrathes in seiner Vaterstadt übertragen, die er auch unter oft schwierigen Verhältnissen bis zum J. 1818 zu allgemeiner Zufriedenheit versah. In diesen Zeitraum fiel auch eine Reise, die er als Deputirter seiner Vaterstadt mit noch einem seiner Mitbürger nach München machte, um den König wegen Erhaltung der Universität zu Erlangen an­zugehen. Er hatte die Freude seinen Mitbürgern bei seiner Rückkehr verkünden zu können, daß der Zweck seiner Reise vollkommen erreicht war. Auf einer zweiten Reise ebendahin überbrachte er zugleich eine Summe von 4400 Flor., welche die Bürgerschaft von Erlangen auf dem Altar des Vaterlandes niederlegte. Dieses Ge­schenk wurde nachmals der Grund, daß der Ausbau des so wichtigen Universitäts­krankenhauses endlich erfolgte.

Das denkwürdige Jahr 1818, in welchem Baiern seine Verfassung erhielt, hatte die bis dahin bestehende Municipalverfassung aufgelöst und die Gemeindeordnung in das Leben gerufen, nach welcher die freie Wahl der Bürger eine neue Obrigkeit er­nannte. Bei dieser Gelegenheit wurde S. als Magistrarsrath auf’s neue an den öf­fentlichen Dienst gefesselt. Diese Stelle bekleidete er aber nur 3 Jahre, worauf er in die Reihen der Gemeindebevollmächtigten zurücktrat, zu deren Vorstande er auch 1824, 1827 und 1830 erwählt wurde. In dieser Eigenschaft wurden ihm zwei­mal Aufträge von seinen Mitbürgern zu Theil, die ihn in persönliche Berührung mit seinem Fürsten brachten. Unterdessen hatte sich ein bereits im J. 1818 angeregter Streit zwischen der Erlanger Bürgerschaft zu einem wichtigen Proceß gestaltet. Das in früheren Zeiten nämlich aus 2 Theilen, der Alt- und Neustadt, bestehende und von 2 Magistraten repräsentirte Erlangen sollte auf höhern Befehl in einen einzigen Communalkörper verschmolzen werden, ohne daß zuvor das Vermögen jedes ein­zelnen Theiles ausgeschieden worden wäre. Bei dieser Aenderung der Dinge sah die Altstadt ihr Interesse bedeutend verkürzt, so daß sie sich in dieselbe nicht fü­gen wollte. Die Sache kam vor das Forum der verschiedenen richterlichen Behör­den. S., der sich an die Spitze der altstädtischen Partei gestellt hatte, zeigte sich als rastlosen Verfechter dessen, was ihm als Recht erschienen war, und leitete endlich durch eine Audienz, die er bei seinem König in dieser Angelegenheit hatte, einen Vergleich ein, durch welchen alle wechselseitigen Rechte sicher gestellt und Friede und Eintracht zwischen den beiden Schwesterstädten gestiftet wurden. Die Bürger­schaft der Altstadt Erlangen gab ihrem muthigen Vertheidiger, der allen Lohn für seine vielen Bemühungen ganz von sich zurückwies, ihre Dankbarkeit auf eine sinni­ge Weise zu erkennen. Die Gemeinde ließ nämlich im Stillen ihren gewöhnlichen Versammlungsort mit Blumen und Bäumen aus einem Walde, den sie durch S.’s Thätigkeit wiedergewonnen hatte, verzieren, versammelte sich hierauf in demsel­ben, und ließ S. durch einen erwählten Ausschuß unter einem Vorwand hierher füh­ren. In dem Augenblick seines Eintretens wurde er mit einer plötzlich bewerkstel­ligten Illumination des Saales überrascht, worauf ihm ein herrlicher silberner Pokal, dessen Verzierungen sich auf den glücklich zu Ende gebrachten Streit bezogen, überreicht wurde.

Nach der Verfügung, welche diese Streitsache entschied, blieb das Vermögen der Altstädter Bürgerschaft zwar ihr privatives Eigenthum, es mußte dasselbe jedoch fortan unentgeltlich verwaltet werden. S., zu dessen charakteristischen Zügen die höchste Uneigennützigkeit gehörte, trat 1824 in diese Administration ein, und ver­sah auch dieselbe bis an sein Lebensende mit Gewissenhaftigkeit und gutem Er­folg, indem er eine Menge nützlicher, vorzüglich Cultur der Hölzer und Urbarma­chungen betreffender Einrichtungen traf. Auch wurde dieser so gedeihlichen Admi­nistration dadurch eine rühmliche Anerkennung ihrer Verdienste zu Theil, daß der landwirthschaftliche Verein in München ihr eine Preismedaille zustellen ließ.

Es war ein eigenes Geschick, daß alles Gute, was S. für das öffentliche Wohl wirkte, erst mit den größten Schwierigkeiten erkämpft werden mußte, und daß nach Be­seitigung eines Widerstandes sich immer neue Kämpfe entspannen um den uner­müdlichen Mann auf die härteste Probe zu stellen. So hatte er kaum den Ausbruch eines neuen Processes, der zwischen den Besitzern neuer Häuser und den alten Waldberechtigten in Erlangen zu entstehen drohte, beschwichtigt, als zwei neue wichtige, das Communaleigenthum angehende Streitsachen sich aufthaten. Beide machten S. wieder viel zu schaffen, doch löste seine Standhaftigkeit in Vertheidi­gung des Rechts auch sie zum Vortheil der Gemeinde. Nachdem nun diese letztere auf diese Weise aller Proteste ledig war, durfte S. hoffen, der Verwaltung in den kommenden friedlichen Zeiten noch segenbringender als bisher vorstehen zu kön­nen. Er arbeitete von da an zugleich mit desto größerer Aufmerksamkeit an der Ausbreitung seiner eigenen Geschäfte, begründete, zur Unterstützung der zahlrei­chen Armen Erlangens, im Verein mit seinem Bruder und einem Freunde die kost­spielige dasige Tuchfabrik, und leitete als Vorstand der Gemeindebevollmächtigten das Geschäft dieses Collegiums mit einer so gewissenhaften Beherzigung des Wohls der ganzen Stadt, mit so viel Nachdruck und mit Ueberlegung begleiteter Ruhe, daß die volle Liebe seiner Mitbürger sich ihm zuwandte und er bei der 1831 Statt gefundenen Wahl zur Ständeversammlung einstimmig als Deputirter zum Landtag gewählt, und hierauf auch in der üblichen Form bestätigt wurde. Als äch­ter Patriot folgte er diesem ehrenvollen Rufe, ohne die Nachtheile zu berücksichti­gen, welche durch eine längere Abwesenheit für seine eigenen Geschäften erwach­sen mußten, und ohne einen Blick auf seine schon seit einiger Zeit leidende Ge­sundheit zu werfen. So reiste er, nur das Vaterland im Auge habend, nach München ab. Auch glaubten die Seinigen bei einem kurzen Besuche, den er ihnen von dort aus während der Pfingstfeiertage 1831 abstattete, wahrzunehmen, daß sich sein Gesundheitszustand gebessert habe. Der plötzlich auf seiner Rückreise erfolgte Tod eines theuren Begleiters erschütterte aber ihn, dessen Körper durch ein viel­fach bewegtes Leben schon bedeutend geschwächt war, so sehr, daß er mitten un­ter den Vorbereitungen, welche er für die nächsten Verhandlungen der Kammer der Abgeordneten zu machen bemüht war, zu München erkrankte und das Ziel sei­nes Lebens fand.

Neuer Nekrolog der Deutschen. Ilmenau, 1833.


15-01-01* (Schmidt)