Neuer Nekrolog der Deutschen (1830) / t_1708

Bernhard Joseph Docen,
Custos der königl. Hof- und Staats-Bibliothek und ordentliches Mitglied der königl. Akademie der Wissenschaften in München;
geb. d. 1. Oct. 1782, gest. d. 21. Nov. 1828. (Inland 1829. Nr. 110.)

Docen war geboren zu Osnabrück und der dritte unter fünf Söhnen des vor 26 J. verstorbenen dortigen ersten Canzlei-Sekretärs Phil. Herm. Wern. Silv. Docen. Die­se Familie selbst war nach einigen, jedoch nicht ganz sichern Nachrichten, mit dem im J. 1728 zum Bischof von Osnabrück erwählten baierischen Prinzen Clemens Au­gust aus Baiern dahin gekommen, und D’s. Vater hatte für die Zeit seiner literari­schen Ausbildung bei einem Oheim in Baiern gewohnt. D. besuchte in seiner Vater­stadt mit Auszeichnung das katholische Gymnasium (Carolinum), dem damals, seit die Jesuiten aufgehoben worden waren, Franciskaner-Mönche aus Bielefeld vor­standen. Er war fleißig und entzog sich, um zu studiren, den Spielen seiner Ge­schwister und Kameraden.

Seiner Neigung für Literatur, die schon sehr lebendig war, genügte aber diese Schule so wenig, daß er beim Rector des protestantischen Gymnasiums Fortlage Unterricht im Griechischen nahm. Im J. 1799 bezog er, um Medicin zu studiren, die Universität Göttingen. Bald aber brachte ihn das anatomische Theater von dieser Lebensrichtung ab, und nun gab er sich ganz seinem Hange zur Literatur und Ar­chäologie hin. Der letztern wegen betrieb er auch mit Eifer das Zeichnen und machte sogar Versuche im Kupferstechen. Auf der göttingenschen Bibliothek war er bald so einheimisch wie Einer und er beschwerte sich scherzweise über die Mas­se von Büchertiteln, die er im Kopf herumtrage. Von Heyne wurde er sehr ge­schätzt, und er rechnete nicht ohne Grund darauf, durch diesen Gelehrten zu einer passenden Anstellung empfohlen zu werden. Im J. 1802 ging er nach Jena, wo er einen ältern Bruder traf, einen höchst liebenswürdigen Mann und ausgezeichneten Juristen, der bald nach seiner Rückkehr in die Heimat am Schlagflusse starb. Nach Vollendung des akademischen Cursus wandte sich D. nach dem Süden, und es scheint, daß er selbst eine Reise nach Italien beabsichtet habe, die noch späterhin einer seiner oft wiederkehrenden und nie erfüllten Wünsche geblieben war.

Indessen muß gerade um diese Zeit schon seine Vorliebe für vaterländische ältere Literatur entschieden gewesen seyn; denn bereits im Sommer 1803, wo er in Nürn­berg und Altdorf erschien, stand er in Verkehr mit E. J. Koch in Berlin, dem Heraus­geber eines Compendiums der altdeutschen Literatur, beschäftigte sich, von Panzer, Siebenkees, Kiefhaber, Nopitsch u. a. begünstigt, mit altdeutschen Hand­schriften der Ebnerschen Bibliothek, und war, wahrscheinlich durch Heyne empfoh­len, in brieflicher Verbindung mit Baron Christoph v. Aretin damaligem Vorsteher der Hofbibliothek in München. Vor seiner Abreise nach dem letztgenannten Orte schrieb D. und widmete »seinen hochzuverehrenden Gönnern in Nürnberg und Alt­dorf: ein Andenken an Hans Sachs, berühmten nürnberg. Meistersinger,« das in Kiefhabers Quartalschrift aufgenommen wurde und dem Verfasser das Diplom des pegnizischen Blumenordens erwarb.

In München, wohin D. im Spätherbst 1803 gekommen war, scheint er sich anfäng­lich nicht besonders wohl gefallen zu haben. Er konnte sich weder in das Klima noch in die Menschen recht finden und dachte, nach einem Briefe an Kiefhaber vom 16. Jan. 1804, an nichts weniger als daran, daß er hier so lange, ja für immer bleiben würde. Unter den Bekannten, deren hilfreiche Güte er rühmte, sind vor­zugsweise der Gallerieinspektor Dillis und der Baron v. Aretin genannt. Letzterem scheint bei seinen vielfachen literarischen Unternehmungen und bibliothekarischen Arbeiten D’s. kräftige Mitwirkung bald sehr willkommen und endlich unentbehrlich geworden zu seyn. Seinerseits mußte es D. anziehend finden, so viele durch die Sä­cularisation in München zusammenströmende literarische Schätze, besonders des deutschen Alterthums, zuerst untersuchen und bekannt machen zu können. So schreibt er im oben erwähnten Briefe, wie so eben eine uralte deutsche Überset­zung des Evangeliums, welche im 8. Seculum für die Sachsen gemacht worden, als sie die christliche Religion annahmen, aus Bamberg eingetroffen sei und wie ihm Baron v. Aretin den Vorschlag gethan habe, sie zu übersetzen; wozu er sich indes­sen noch nicht genug vorbereitet finde. (Es ist dieses die bekannte wichtige Hand­schrift der altsächsischen Evangelien-Harmonie, deren Herausgabe, obschon früher v. Reinwald und nach ihm v. Scherer vorbereitet, noch immer unter die Desiderien der deutschen Sprachgelehrten gehört.) Dagegen bearbeitete er für das Journal desselben: »Beiträge zur Kenntniß der altfränkischen Sprache aus den Handschrif­ten der Münchner Bibliothek« und machte eine »Entdeckung über das sogenannte Heldenbuch des Heinrich von Ofterdingen« bekannt.

Vom Juni 1804 an arbeitete er regelmäßig auf der kurfürstlichen Hofbibliothek an einer Recension ihrer deutschen, französischen u. a. Handschriften. Im J. 1806 den 6. April wurde er als Scriptor an dieser Bibliothek angestellt und rückte am 6. Fe­bruar 1811 zum Custos derselben vor. Den 28. Jan. 1811 wurde er Adjunkt, den 19. April 1821 außerordentliches und durch die Organisation vom 11. Mai 1827 ordent­liches Mitglied der Akademie der Wissenschaften.

Von letzterm Jahre an nahmen die Beschwerden, von denen sein schwächlicher Körper nie frei gewesen war, in vorzüglichem Grade zu. Es zeigten sich bedenkliche Anfänge einer Lähmung des Rückenmarks. Eine gewisse Mißachtung der Kunst der Aerzte (nicht selten bei solchen Personen vorkommend, die einmal selbst irgend ei­nen Schritt über Aesculaps Schwelle gethan) und eigenmächtige, zum Theil gewalt­same Curversuche machten das Uebel immer ärger. Es trat endlich eine allgemeine Abzehrung ein, an welcher er nach einem kurzen eigentlichen Krankenlager, noch um die Mittagszeit eine solche Katastrophe kaum ahnend, des Abends in einem Al­ter von 46 J. verschied.

Was seiner Persönlichkeit in den Augen seiner gebildeten deutschen Landsleute besondern Werth gab, was, wie oben gezeigt, selbst für seine äußere Stellung ent­scheidend gewesen war und ihm die Ehre erwarb, Mitglied verschiedener wissen­schaftlicher Vereine zu seyn, waren seine Leistungen im Fache der ältern deutschen Literatur.

Und für diese Aufgabe hat D. mit Auszeichnung das Seinige gethan. Hat er auch das Größere nur gewollt und unverdrossen vorbereitet- über einer Sammlung aller altdeutschen Glossen der Münchner Bibliothek und älterer deutscher Volkslieder, einem Wörterbuch der ältern deutschen Sprache, den Vorarbeiten zur Herausgabe des Frauendienstes des Ulrich von Lichtenstein, überraschte ihn der Tod; was er selbst für ältere deutsche Grammatik im Stillen gethan, hatte er durch die glanzvol­le Erscheinung eines Mitarbeiters in demselben Weinberge verdunkelt erkannt – er hat im Kleinern vielfältig auf seine Zeit gewirkt.

An Trägern dieser seiner Wirksamkeit hatte er vorzugsweise die periodischen Blät­ter gewählt. Da aber diese schnellen Verbreiter des Lichts, es eben so leicht zer­streuen und für die spätere Zeit unter den Scheffel gerathen lassen, war er wenigs­tens früher auch darauf bedacht, was er auf solche Weise geliefert hatte, in selbst­ständige Merke zu sammeln. Ein solches sind seine »Miscellaneen zur Geschichte der deutschen Literatur, neu aufgefundene Denkmäler der Sprache, Poesie und Philosophie unserer Vorfahren enthaltend,« wovon im J. 1806 zwei Bände, dem Fürsten Primas und D’s. göttingenschem Lehrer Heyne gewidmet, erschienen sind. Sie enthalten eine Menge vorher ungenannter kleinerer Ueberbleibsel der ältern deutschen Literatur, eine alphabetische Zusammenstellung altdeutscher Glossen aus Handschriften der Münchner Bibliothek und überhaupt einen Schatz von Noti­zen des Faches und von gesunder Kritik. Es ist zu vermuthen, daß D. auch die wichtigern unter den zahlreichen Aufsätzen, die er von 1806 an auf periodischem Wege hatte erscheinen lassen, in einen oder mehrere weitere Bände des obigen Werkes gesammelt haben würde, wenn ihn nicht der Tod überrascht, oder früher Kränklichkeit, oder gar die bekannte, für solche Produkte besonders endemische [¿] typographorum abgehalten hättte.

Diese verschiedenen Aufsätze im Einzelnen durchzugehen, würde zu weitläufig seyn, und es kann genügen, die periodischen Blätter zu nennen, in welchen sie von 1804 bis 1828 hauptsächlich nachzusuchen sind. Unter diese gehören von 1804-7 die münchner Aurora, die nürnbergischen literarischen Blätter, die v. Aretin’schen Beiträge zur Literatur, der neue literarische Anzeiger; später: die Jenaer allgemeine Literaturzeitung, Museum für altd. Liter. u. Kunst (1809), Sammlung für altd. L. (1812), Gräters Iduna und Hermode (1812), Schellings allgemeine Zeitschrift (1813), Teutoburg (1815), wiener Jahrbücher der Lit. (1820), Baron v. Hormayr’s Archiv und Taschenbuch, münchner Eos, sttuttgarter Morgenblatt, münchner literar. merkantil. Anzeiger u. m. a. Besonderer Erwähnung verdienen durch Umfang nnd Wichtigkeit eine im altd. Mus. I. Bd. S. 37-62 eröffnete Gallerie altdeutscher Dichter; ebenda­selbst S. 73—126 und 445—491 und früher im neuen literar. Anzeiger (1807) »über den Unterschied und die gegenseitigen Verhältnisse der Minne- und Meister-Sän­ger,« Aufsätze, welche eine kleine zwischen D., Jak. Grimm (über den altd. Meister­gesang, Göttingen 1811),« v. d. Hagen und Büsching geführte literarische Fehde zur Folge hatten; ebendaselbst S. 126-238, Versuch einer vollständigen Literatur der ältern deutschen Poesie und alphabet. Verzeichniß sämmtlicher Dichter von 800-1500; ebend. II. Bd. S. 245 u. 284 gesammelte Aussätze zur Lit. u. Kritik alt­deutscher Gedichte; endlich in Schellings Zeitschrift S. 196-264-334—423 eine aus­führliche Beurtheilung der durch von der Hagen und Büsching herausgegebenen Sammlung deutscher Gedichte des Mittelalters.

Als besondere kleine Flugschriften sind aus dem erwähnten Fache von ihm erschie­nen: (1810) Sendschreiben über den Titurel (1813), Siegeslied auf König Ludwig III. v. 881, (1825), einige Denkmäler der althochdeutschen Literatur in genauem Ab­druck aus Handschriften der k. Bibliothek zu München. In demselben Jahre gab er unter dem Titel: »Ueber Sprache, Schrift und Literatur der Deutschen« einige Blät­ter heraus, welche vorläufig eine theoretisch-praktische Kriegserklärung gegen die großen Anfangsbuchstaben« enthielten, worauf im J. 1826 in derselben Art ein Aufsatz »über Vereinfachung der deutschen rechtschreibung und erleichterung des deutschen schreibunterrichts durch entfernung der großen anfangsbuchstaben bei den gemeinsamen hauptwörtern« folgte. Diese Idee scheint ihn ernstlicher be­schäftigt zu haben, als es der der Unerheblichkeit der Sache sowohl, als bei der ge­ringen Aussicht, sie, ohne den Vorgang großer Schriftsteller, durchzusetzen, billig seyn mochte.

Mit dem Fache, das D. besonders kultivirte, steht in mannichfaltiger Berührung die eigentliche Geschichte. In Bezug auf diese hatte er sich als außerordentliches cor­respondirendes Mitglied der im Jan. 1819 zu Frankfurt gestifteten Gesellschaft für Deutschlands ältere Geschichtskunde – zeuge das von dieser Gesellschaft heraus­gegebene Archiv, Bd. 1 bis 5 – namentlich durch bibliographische Nachweisungen sehr thätig bewiesen. Auch das Freiherr v. Hormayr’sche Archiv für Geogr. Gesch. etc. enthält einige von D. gelieferte Beiträge solcher Art (Z. B. 1821 S. 457 »Increti autoris chronicon rerum per Austriam vicinasque regiones gestarum inde ab anno MXXV usque ad annum MCCLXXXII« im J. 1827 besonders gedruckt.). Desgleichen wird hier anzuführen seyn die Abhandlung, welche D. in der öffentlichen Sitzung der Akademie vom 29. März 1814 »über die Ursachen der Fortdauer der lateini­schen Sprache seit dem Untergange des abendländischen Römerreiches« vorgetra­gen.

Eine fortwährende Liebhaberei D’s. war die bildende Kunst. Er beschäftigte sich mit ihr theils praktisch, indem er zur Erholung menschliche Formen nach dem Le­ben zeichnete, hauptsächlich aber theoretisch auf dem breiten Felde der Kunstkri­tik. Hierauf bezüglich finden sich von ihm z. B. schon in der Aurora v. 1805 Nro. 16. 18. »Irrungen der modernen Kunst« gerügt, in den wiener Jahrbüchern für Lit. v. 1820 Bemerkungen »über neudeutsche Kunst«; und anderwärts manche andere ähnliche Aufsätze. »Schelmuffsky’s curioser fast wahrhafter Reisebericht über eine Reihe Gemälde in der (1825) jüngsten Kunstausstellung in München« ist als beson­dere Broschüre erschienen. Im Jahresbericht des münchner Kunstvereins für 1828 ist D. als einer der Stifter dieses nachahmungswürdigen Instituts genannt.

Auch Poet war D. Und das darf und soll in gewissen Momenten des Lebens ja wohl ein Jeder seyn, wie ein Jeder in Zeiten der Noth zur Vertheidigung seines Landes Beruf hat, ohne in dem einen oder dem andern Falle Dichter oder Held von Profes­sion seyn zu wollen. D’s. Poesie war meistens der Ausbruch seines durch irgend eine Thatsache angeregten Gefühles, war eben jene natürliche Gelegenheitsdich­tung, die zufrieden ist, den eben gegenwärtigen Moment festlich zu erhellen und ganz unbekümmert, wie lange das Lämpchen etwa leuchten werde. So hatte ihn bei seinem ersten Auftreten in München (1804) »der Sturz des Mönchthums in Bai­ern« zu einem Gedicht inspirirt, das er dem Kurfürsten selbst zu überreichen ge­eignet fand. Im J. 1807 theilte er einem Freunde eine Reihe Verse mit, die die Ehr­furcht gegen einen deutschen Fürsten (wahrscheinlich den Fürsten Primas, dem auch der erste Theil der Miscellaneen gewidmet ist) ihm eingaben. Auch den Ge­waltigen, der das neue Jahrhundert einführte, besang der jugendliche deutsche Gelehrte, doch, so schreibt er an obigen Freund, »in einem Gedicht, welches größ­tentheils nur die Empfindung des tiefsten Unmuths eingab. Ich überreichte es (am 2. Dez. 1806) mit einer lateinischen Zuschrift; es thut mir leid, daß er sie nicht hat lesen können, denn wie ich jetzt höre, versteht er kein Latein. Sie war frank und frei, wie die Deutschen seyn sollten, aber sie schreiben leider nur so.« Andere durch die Unterschrift B. J. D-n. kennbare kleine Poesien finden sich in verschiede­nen Local- und andern Blättern zerstreut. Einige, z. B. daß Octoberfest, Peter und Paul, sind als fliegende Blätter vertheilt.

Als Bibliothekar war D. durchaus an seinem Platz. Nicht bloß sein specielles Fach, daß er mit großer Sorgfalt inventirt und bearbeitet hatte, sondern auch die übrigen übersah er, ein wahrer Polyhistor, mit großer Sicherheit und wußte auf die speciells­ten Fragen zuverlässigen Bescheid zu geben. Dabei war er sehr gefällig und sogar wenn Objecte berührt wurden, die er gewissermaßen sich selbst vorbehalten hatte, verstand er einer gewissen unwillkürlichen Aengstlichkeit Meister zu werden. Ein 25jähriger Umgang mit den Schätzen der k. Bibliothek hatte ihn mit ihr so zu sagen indentificirt, und sein Verlust wird dieser Anstalt lange unersetzlich bleiben. Gerne erinnerte er an die praktisch musterhafte Einrichtung der göttingenschen Biblio­thek. Seine eigene sicher durch mancherlei Erfahrungen berichtigte Ansicht über bibliothekarische Grund-Einrichtungen hat er im Intelligenzblatte v. 1812. Nro. 32. 37. 38., wieder besonders abgedruckt 1827, niedergelegt.

D’s. handschriftlicher Nachlaß ist übrigens bei der unter stadtgerichtlicher Aufsicht vorgenommenen Versteigerung seiner Bücher und übrigen Habe (von 9 Geschwis­tern lebt nur noch eine in der Vaterstadt verheirathete Schwester, die sich des Bru­ders bloß aus ihren Kinderjahren erinnert) größtentheils das Eigenthum des Insti­tuts geworden, an welchem er so lange wirksam gewesen.

D., der Mensch, war im Aeußern eine freundliche Erscheinung. Sein Auge, das nur in der Lesenähe scharf sah, war gefällig und ausdrucksvoll. Aus dem schmächtigen nicht eben ansehnlichen Körper scholl ein entschiedener Baß, in welchem sich die Weichheiten seiner westphälisch niederdeutschen Aussprache für oberdeutsche Ohren auffallend ausnahmen. Er führte gern das Wort und wußte bei seiner uner­schöpflichen Belesenheit über alles Bescheid. Gegen Andere war er in hohem Grade gerecht und billig; von sich selber sprach er selten; gewiß nur aus ungeheu­chelter Bescheidenheit, die in ihrer Erscheinung so leicht mit Verschlossenheit ver­mengt wird; denn er war gern unter Menschen, doch lieber unter solchen, die ihm äußerlich ungefähr gleichgestellt waren, als mit andern, den er zutraute, daß sie nur Rücksichten erwarteten. Der falsche Schimmer, den Mancher aus dem Umgang mit Höherstehenden entlehnt, wird nicht selten auf Rechnung der offenen Gerad­heit und Wahrhaftigkeit des freien Mannes erworben. Doch zu einer eigentlichen freundschaftlichen Hingebung scheint D. nie, weder in seinem noch im andern Ge­schlechte ein auserwähltes Du gefunden zu haben. Er war, wenn nicht deswegen, doch aus Gründen, die einst ein großer deutscher Philosoph ausgesprochen haben soll, unverheirathet geblieben und hatte das Glück und Unglück, beim Abtreten von diesem Schauplatze ewiger Wiederholungen von keiner zurückbleibenden See­le recht bitterlich beweint zu werden.

J. A. Sch.

Neuer Nekrolog der Deutschen. Ilmenau, 1830.


12-02-39 (Docen & Wieser)