Neuer Nekrolog der Deutschen (1829) / t_1370

96. Clara Vespermann, geb. Metzger,
kön. baier. Kapell- u. Hofsängerin zu München;
geb. im J. 1800, gest. d. 6. März 1827
(Haude- und Spenersche Ztg. 1827; Nr. 73. Musikal. Ztg. 1827; Nr. 21.).

Geboren in einer der Vorstädte von München, hatte sie durch ihre schöne gehalt­volle Stimme schon früh die Aufmerksamkeit ihrer Umgebung auf sich gezogen. Ein Geistlicher der dortigen Pfarrei nahm sich zuerst ihrer an, lehrte sie Musik und No­ten lesen. So kam sie in das Haus des Kapellmeisters Winter, der sie geeignet fand, an ihr seine Lehrmethode zu üben und dem, so wie ihr selbst, diese Vorkenntnisse sehr zu Gute kamen; denn mit Elementarlehre gibt sich ein großer Meister wohl nicht ab.

Als er sie hinreichend vorbereitet fand, ließ er sie zuerst in seinem Opferfeste (Mai 1816) auftreten und sie erhielt und wählte gern, in dankbarer Verehrung gegen ihren Lehrer, die Rolle als Myrha, in welche sie die ganze entzückende Naivetät des kindlichen Sinnes legte. Es war aber eben damals die Gesellschaft italienischer Operisten unter ihrem Impressar Cerra in München angelangt, welche mit ihrem Tancred das Publikum elektrisirte. Man fing an, nur mit einer Art von Hohn auf deutschen Gesang herabzusehen und die deutsche Oper mußte bei diesem ersten Anlaufe fast erliegen; keine Parthei hatte sich für dieselbe erklärt. Selbst die dama­lige Direction ließ sie gleichsam fallen, denn die Italiener waren jeden Tag, ja, so zu sagen, jede Stunde bereit, etwas Neues, gut im Spiel und Vortrag und in dem be­zaubernden Style von Rossini dem erstaunten Publikum zu geben. So wendete sich Dem. Metzger, angeführt von ihrem Lehrer, nach dem Norden, besuchte Leipzig, Dresden, Berlin; Hr. Winter gab Concerte, ließ sein Alexanderfest und seine Schüle­rin hören und nahm eben da einen auf seine Nachfrage von Mailand her ihm vorge­schlagenen Contract für die nächsten Karnevalsopern an, schrieb seinen Mahomet und in Genua seinen Woldemar, in welchen beiden seine Schülerin auch Rollen sang.

Bei ihrer Rückkunft fand ihre Anstellung keine Widerrede. Vieles hatte sich geän­dert; der Patriotismus war erwacht; man dachte daran, die deutsche Oper wieder zu heben, ihr neuen Credit zu verschaffen und die gefährliche Nebenbuhlerin, wenn möglich, auszustechen. Demois. Metzger nannte sich nun, was in dasiger Ka­pelle aber noch nie in Gewohnheit gewesen, erste Hofsängerin, die Bewunderer ihres Gesanges nannten sie: die Einzige. Kein Concert, das nur von etwas Wichtig­keit seyn sollte, wurde veranstaltet, keine theatralische Darstellung gegeben, an welchen sie nicht den besten Antheil hatte. Sie gab den Aufführungen jeder Art Würde, zog die Zuhörer an und alles sprach nur von ihr, wollte nur sie hören. Bald verehelichte sie sich mit dem rühmlichst bekannten Schauspieler Hrn. Vespermann und machte nun häufige Reisen, auf welchen sie durch ihre Kunstleistungen auch im Auslande großen Ruf erwarb und ein ehrenvolles Andenken sich erhallen wird. Nie­mand hätte geglaubt, daß ihr Glanz so bald erlöschen, das Ende ihrer Laufbahn so nahe seyn sollte.

Da ihre Wohnung in den Kirchensprengel des Domes eingepfarrt war, so wurde bei dem feierlichen Gottesdienste in der Domkirche Mozarts Requiem von der königl. Kapelle aufgeführt, mit großer Wirkung, wie man es in dieser großen Tempelhalle kaum erwartet hatte. Die Stimme der beliebten Sängerin war ein Halb-Sopran (Mezzo Soprano), welchen ihr Lehrer bei der ersten in einem öffentlichen Concerte gesungenen Arie bis in G herabgezogen und bis dreigestrichenen C erhöht hatte. Vom eingestrichenen E bis zum zweigestrichenen G war das natürliche Diapason (Stimmumfang), in welchem sie aussprach und eigentlich sang. Ihre Gestalt und Ge­sicht waren angenehm und anziehend und ihr ganzer Körper, mittler weiblicher Größe, schön gebaut, war von dem Reiz beweglicher Grazie durchflossen.

Neuer Nekrolog der Deutschen. Ilmenau, 1829.


18-14-11/12 (Vespermann)