Neue Tiroler Stimmen (31.8.1875) / t_875

Nachträgliches zum Transport der Oberammergauer Kreuzigungsgruppe.

Ueber die nähere Veranlassung des betrübenden Unfalles, durch welchen beim Transport der Kreuzigungsgruppe auf dem Ettaler Berge der Steinmetzmeister Hauser und ein Arbeiter ihr Leben eingebüßt haben, geht uns theils zur Ergänzung, theils zur Richtigstellung anderweitiger Berichte folgende Mitteilung zu: Hauser hatte 4 Arbeiter beauftragt, bei dem jedesmaligen Halten des Wagens Buchen­scheiter hinter die Räder zu legen. Da gerieth man ungefähr 20 Schritte von der Unglücksstätte entfernt in ein Tags vorher von der Straßen-Lokomotive gerissenes Loch, welches nur locker mit Schutt aufgefüllt war. Man wußte aber dieses Hinder­niß mittelst der Winde leicht zu überschreiten. Mit Handhabung derselben war ei­ner jener Arbeiter betraut worden, welche die Räder mittelst der Scheiter zu si­chern hatten. Während nun dieser, um bei weiterem Bedarfe bereit zu sein, die Winde hielt, bemächtigte sich einer der Zuschauer des Buchenscheites, legte das­selbe, als der Wagen nach circa 20 Schritten wieder zum Stehen kam, hinter das vordere linke Rad, ließ es aber, als sich der Wagen in Bewegung setzte, liegen, wo­durch dann die bekannte Katastrophe herbeigeführt wurde. Dies geschah an einer Stelle, wo Niemand mehr an eine Gefahr dachte und alle erheblicheren Schwierig­keiten bereits überwunden waren.

Weder der »etwas ungestüme Eifer« des Meisters Hauser, noch die Ermüdung der Zugpferde konnte sonach von Einfluß auf den Unfall sein. Hauser war überhaupt nur schwer zur Leitung des Transportes zu bestimmen gewesen; man fügt ihm mit der Behauptung, er habe sich um die Führung desselben vielfach bemüht, zu sei­nem Unglücke noch eine üble Nachrede zu. Er hat auch nicht durch die Verwen­dung von Pferden, wie von anderer Seite behauptet worden, Abmahnungen zuwi­der gehandelt, sondern sich streng an getroffene Vereinbarungen gehalten.

Der Transport mittelst Pferden erwies sich gegenüber der Leistungsfähigkeit der Lokomotive als verlässiger und schneller. Die Lokomotive hatte nämlich bei dem vorausgegangenen Transporte des Kruzifixes sich ihrer Aufgabe nicht ganz ge­wachsen gezeigt, weil sie, bevor sie die Höhe des Berges erreicht hatte, sich selbst nicht mehr fortbewegen konnte und selbst mittelst Flaschenzug hinaufgezogen werden mußte. Außerdem hatte dieselbe eine Beschädigung erlitten, die sie für den Transport der übrigen Figuren unbrauchbar machte. Der Transport mit den Pferden, die nicht überanstrengt wurden, geschah sicher und leicht und waren be­reits der größte Theil und darunter die gefährlichsten Stellen des Berges überwun­den, als der verhängnißvolle Unfall eintrat.

Wegen des ganzen Vorfälles ist übrigens gerichtliche Untersuchung eingeleitet.

Neue Tiroler Stimmen Nr. 198. Für Gott, Kaiser und Vaterland. Dienstag, 31. August 1875.


04-01-51/52 (Cramer & Hauser & Pinggera)