Neue Ingolstädter Zeitung (20.8.1873) / t_216

Allgemeine Bestürzung hat der gestern gemeldete in der Amalienstraße verübte Raubmord hervorgerufen, welchem eine hochbejahrte Dame, die 77jährige Hofkammerrathstochter Frl. Josepha Hebberling, zum Opfer fiel. Die das Verbrechen begleitenden Umstände sind grauenerregend. Die That geschah gestern Nachts 2 Uhr und zwar in folgender Weise: Der Mörder gelangte in den Hofraum des Hauses Nr. 6 an der Amalienstraße jedenfalls dadurch, daß er vom Bauplatze der neuen protestantischen Kirche an der Gabelsbergerstraße ein paar Gartenmauern über­stieg. Im Hofraume selbst befinden sich ein paar Feuerleitern, deren eine er an das offene Küchenfenster der im zweiten Stocke befindlichen Wohnung des Frl. Heb­berling anlegte und durch dasselbe einstieg. Er überfiel nun sogleich sein unglückli­ches Opfer, aber zugleich war auch die Köchin, ein junges, vor einigen Tagen erst in den Dienst eingetretenes Mädchen, erwacht und war im Begriff Lärm zu machen, als der Mörder sie packte und mit aufgehobenem Beile drohte, sie sofort zu er­schlagen, wenn sie den geringsten Laut von sich gebe; wenn sie ruhig bleibe, wolle er ihr das Leben schenken. Das natürlich auf den Tod erschrockene Mädchen ließ sich von der Drohung nicht nur einschüchtern, sondern ließ es sich auch gefallen, daß der Mörder sie in ihre Kammer einschloß. Frl. Hebberling ward mit dem Beile der Schädel zertrümmert, so daß sie jedenfalls gleich bewußtlos war; sie starb Mor­gens gegen 7 Uhr. Die Beute des Mörders besteht, soweit bis jetzt ermittelt, in ei­nigen Obligationen, darunter ein Pfandbrief zu 500 fl., Schmucksachen, Silberzeug und einigem Baargeld, zusammen im Werthe von etwa 1500 fl., welches alles er in ein Kästchen oder Cassette packte und dann den Rückweg über die Stiege nahm, das hintere Hausthor aufschloß und dann durch die Gärten flüchtete. Die leere Cas­sette ward gestern früh an der Glypkothek aufgefunden. Daß der Mörder mittels einer Leiter einstieg und dann den Rückweg durch das Hofthor nahm, läßt ver­muthen, daß er wohl einen Schlüssel zu diesem, nicht aber zur Wohnung des Frl. Hebberling hatte, obwohl im ganzen Hause kein Schlüssel zu jenem Hofthore ab­gängig ist. Auch bis heute ist noch keine Spur des Verbrechers aufgefunden.

Neue Ingolstädter Zeitung Nr. 188. Mittwoch, 20. August 1873.


07-01-14 (Hebberling)