Münchener Tagblatt (21.2.1848) / t_326

Kurfürst Max IV. und der berühmte Patriot Utzschneider über die Aufnahme des I. Protestanten in München.

Der am 31. Jänner 1840 an den Folgen eines unglücklichen Wagensturzes gestor­bene Geheime Rath v. Utzschneider, ein Mann von bewunderungswürdiger Selbst­ständigkeit, hatte in den ersten 80iger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Hoch­schule in Ingolstadt besucht und dort die Tendenzen der Illuminaten kennen ge­lernt. Man erzählte sich manches Decenium fortan, er sei ihr Verräther gewesen und habe als früherer Geheimschreiber der Frau Herzogin Maria Anna nur deßwe­gen die Universität besucht oder vielmehr auftragsweise im Solde des Karl Theo­dor’schen Hofes besuchen müssen, um dort sich selbst als Illuminat aufnehmen zu lassen und das geheime Treiben dieser Verbindung an die Regierung zu berichten. Dem sei, wie ihm wolle, wahr ist, daß Utzschneider vom Hofe des Kurfürsten auf alle Weise begünstigt wurde, während andere Illuminaten die Geisel geheimer Ver­folgung auf ihrem Nacken fühlten. Utzschneider verlor demohngeachtet eine loyale Freimüthigkeit nie und galt in seinem öffentlichen als Privatleben stets als ehren­hafter Patriot. So erkannte und würdigte ihn wohl der höchstselige König als Kur­fürst Max IV. Joseph, ein ächtes Menschenherz auf einem Königsthrone. Es war nämlich – so erzählte uns der selige Utzschneider selbst – eines Tages im Jahre 1800, als der Kurfürst ihn rufen ließ. »Hör‘ einmal Utzschneider, – sprach Max – sind denn meine Münchner Bürger gar so intolerant, daß sie in ihrer Mitte keinen Pro­testanten vertragen können?« Es handelte sich nämlich damals um die Bewilligung zur Bürgeraufnahme des ersten Protestanten in München, des sogenannten Wein­wirths Michel, die der Magistrat um keinen Preis gewähren wollte, in dem Sinne, wie etwa die Nürnberger keinen Juden aufnehmen wollten; und deßwegen war die Entscheidung dem Churfürsten allein vorbehalten. »Durchlaucht, – erwiederte also Utzschneider auf obige Frage – Durchlaucht, nehmen also den Michel als Bürger auf, dann ist doch der Kurfürst selbst der Toleranzträger für’s ganze Land.« »Er sei aufgenommen«, – sprach Max – und ausser einigen Pamphletisten sprach Niemand mehr ein Wort über jenes Ereigniß, welches nach und nach die Folge hatte, daß jetzt die protestantische Gemeinde in München über 8000 Seelen zählt. Wer weiß aber, wenn der katholische Utzschneider diese präcise Antwort nicht gegeben hät­te, ob denn diese umfangreiche Folge auch wirklich bestehe oder nicht. – Jeden­falls gehört diese Thatsache ebenso gut in die Annalen der Residenzstadt Mün­chen, wie die im Jahre 1804 vom Kurfürsten gegebene Erlaubniß für die erste Is­raelitenfrau, daß sie nämlich in München entbinden dürfe, während früher alle Ju­denweiber ihrer Niederkunft in Kriegshaber bei Augsburg entgegensehen durften. Wer möchte solche Zeiten zurückrufen, und wer diese beschränkte alte Zeit als eine gute loben!?

Dr. Wolf’s Annalen.

Münchener Tagblatt No. 52. Montag, 21. Februar 1848.


03-12-24 (Michel)