Münchener Ratsch-Kathl (9.9.1893) / t_389

Ein Schreckenstag für München.

(Hiezu siehe Bild auf erster Seite.)

Der 13. September 1813 war für München ein Tag des herzzerreißenden Jammers. Wer heute über die prächtige, allem Anstürmen der brausenden Wellen des reißen­den Gebirgsflußes trotzenden äußeren Isarbrücke (Ludwigsbrücke) fürbaß den be­liebten Kellern rechts der Isar zuwandelt, der ahnt wohl nicht, was vor 80 Jahren hier für eine miserable Brücke über diesen Strom führte. Aus Backsteinen erbaut, war sie ein Hohn auf die Brückenbaukunst inbezug auf Konstruktion und Ausfüh­rung. Auch die Isar selbst hatte noch kein geregeltes Strombett und jedes Hoch­wasser war ein Schrecken für die Umwohner. Die Au hatte besonders stark bei sol­chem Hochwasser-Eintritt zu leiden. Ununterbrochener Regen führte die im Gebir­ge lagernde Schneemasse in das Flußgebiet und schwellte den Strom zu einem furchtbaren Wellen-Ungeheuer. Dieses Schauspiel teils, teils der jeden Augenblick erfolgende Einsturz des alten Kaiserwirtshauses (Au), lockte eine Menge Neugieri­ger und Schaulustiger an.

Es war abends gegen 7 Uhr und es dunkelte schon. Die damalige Beleuchtung trug beinahe nichts zur Erhellung bei. Die Brücke ist gedrängt voll von Menschen. Wer beschreibt das Schreckensgeheul der Menschen, welche die Brücke belagern, als plötzlich ein rollender Schlag erfolgt und eine Staubwolke zum Himmel wirbelt, un­ter deren Dichte Dutzende Menschen in das zischende Wellengrab versinken!

Jetzt brechen, des Widerstandes beraubt, dem Einsturz des ersten Brückenjoches folgend, auch die übrigen zusammen und reißen alles was auf der Brücke weilt hin­ab in die wilden Fluten, aus denen es keine Rettung mehr gibt. Hundert Menschen finden ihren Tod und Episoden spielen sich ab, die der Feder spotten, sie in ihrer Schauerlichkeit wiederzugeben. Die an den Ufern entzündeten Fackeln beleuchten in ihrem ganzen Grauen die ragenden Reste der Brücke und die dahin treibenden Teile menschlicher Kleider! Die Menschen hat die Flut fortgespült, so rasch, daß der Fackelschein zu spät kam, ihnen noch einen letzten Gruß zu winken.

Am nächsten frühesten Morgen erschien der gute König Max I., Thränen in den Au­gen, an der Unglücksstelle und ordnete alles, was zur Linderung des Elends not­wendig war.

Ein Denkmal im südlichen Friedhofe, im Mittelgange gleich am Eingange, errichtet, stellt das grausige Ereignis bildlich dar. Eingeborne Münchener sind 18 dem Unglü­cke zum Opfer gefallen, während die übrigen Verunglückten hier nicht Beheimate­te, Soldaten etc. sind.

Unser Blatt führt seinen Lesern das Bild der Katastrophe nach einer alten Zeich­nung vor Augen und zeigt das Unglück, das sich vor 80 Jahren abspielte, in all sei­nem Elend und Jammer.

Münchener Ratsch-Kathl Nr. 72. Samstag, 9. September 1893.


04-01-43/44 (Reuther)