Münchener Ratsch-Kathl (9.2.1898) / t_1476

Also doch in die Ruhmeshalle

kommt die Büste von dem Großvater des Herrn Mathias Pschorr, dem Gründer der hiesigen Brauereifirma Pschorr. Wir sind gefeit dagegen, daß wir für das Großkapi­tal das Wort ergreifen. Ganz im Gegentheil, wir bekämpfen es, weil es das Unglück der Welt ist, weil alles Unrecht aller Menschenjammer demselben entspringt. Aber, fragen wir, sind wir denn für das Kapital, wenn wir wünschen, daß dieses wohlthäti­gen Zwecken zufließt? Wir wünschten, daß Herr Mathias Pschorr Gelegenheit fin­de, die der Stadtgemeinde angebotenen 12 Millionen anzubringen, indem ihm sei­ne Wünsche erfüllt werden. Man sei nur nicht ein so verbohrter Bewunderer von sogenannten »Berühmten«, um es gleich als eine Entwürdigung anzusehen, wenn ein Mann, der durch einen rühmlichen und imposanten Akt der Wohlthätigkeit sich auszeichnet, in die Büstenreihen dieser Unsterblichen eingereiht werden soll. Sind 12 Millionen Geschenk keine öffentliche Großthat, wenn sie geeignet sind die Thrä­nen Tausender zu trocknen, den Hunger Tausender zu stillen, Menschen vom Unter­gang zu retten, emporzuheben aus dem Schmutze in dem sie geboren und in dem sie ohne fremde Hilfe verkommen müssen? Ist es weniger rühmlich, wenn ein Mann Armen und Enterbten zur Stufe des wirklichen Lebens, das unter anderen Umstän­den nur Vegetiren heißt, emporhilft und so glühende Dankbarkeit im Herzen Hun­derter und Tausender entfacht, als wenn Einer wissenschaftlichen und philosophi­schen Krims-Krams sein Leben hindurch angehäuft hat, von dem seine Generation kaum Notiz genommen, spätere Generationen aber möglicherweise über die Ver­rücktheiten des »Berühmten« sogar lachen werden? Wir glauben nein! Uns er­scheint eine That die das menschliche Elend lindert, die nach verschiedenen Rich­tungen hin die wohlthätigsten Folgen zu äußern geeignet ist, gewiß nicht minder­werthiger als die beste Geistesthat. Und wenn man erst erwägt, wie die Berühmten und Unsterblichen gemacht werden, wie sie z. B. die heutige Corruption sozusagen fix und fertig montirt liefert, dann sagen wir: Der Gründer der Pschorrbrauerei, der einen solch eminent wohlthätigen Enkel hinterlassen, der ihn, seinen Großpapa, noch über das Grab hinaus geehrt wissen will, daß er jetzt thun kann, was er zum Wohle der Armen und Bedürftigen der Stadt zu thun Willens ist, er schädigt die Gesellschaft der Unsterblichen in der Ruhmeshalle keineswegs an ihrem Ruhm, wohl aber wird er die Reihen der Würdigen, die dort in Büsten verewigt sind, er­gänzen.

Münchener Ratsch-Kathl No. 12. Unabhängiges Volksblatt. Mittwoch, den 9. Februar 1898.


09-01-06/09 (Pschorr)