Münchener Ratsch-Kathl (29.1.1898) / t_1475

12 Millionen für eine Büste in der Ruhmeshalle.

Das nette Sümmchen von 12 Millionen würde der Rentier Mathias Pschorr dem Magistrate als Geschenk spenden, wenn es dieser ermöglichte, daß dem Gründer der Weltfirma Pschorr, seinem Großvater, in der Ruhmeshalle eine Büste aufgestellt wird. Was wir dazu sagen? Zugreifen, sagen wir, denn mit 12 Millionen kann der Magistrat, falls er das Geld zu wahrhaft edlen Zwecken verwendet, unendlich viel Gutes schaffen. Allerdings müßte dem Magistrate ein starker Riegel in der Verwen­dungsweise des Geldes vorgeschoben werden, da er sehr viel Neigung zeigt, Gel­der zu byzantinischen Zwecken zu verpulvern und für andere recht windige Liebha­bereien hinauszuwerfen. Indeß ist die Sache nicht so einfach, da es vom Magistrate allein nicht abhängt diesen Wunsch des Herrn Math. Pschorr zu erfüllen. Bavaria und Ruhmeshalle sind nicht Eigenthum der Gemeinde, sondern des Staates. Ob nun der Staat sich bereit erklärt, auf ein diesfallsiges Gesuch des Magistrats einzu­gehen, bleibt fraglich, da er unter die »Unsterblichen« schwerlich einen schlichten Bürger, wie es der Gründer der Pschorrbrauerei war, einzureihen gesonnen sein dürfte. Wir stehen da freilich auf einem anderen Standpunkte, uns erscheint ein Ge­schenk von 12 Millionen zu edlen Zwecken mindestens eine ebenso rühmliche That, wie gewisse Leistungen von »Unsterblichen«, die in Bezug auf ihre Nützlichkeit für die Allgemeinheit hie und da einen Zweifel gestatten.

Eine hochherzige That erscheint uns, namentlich in unserer Zeit der krassen Selbst­sucht und der rein materialistischen Lebensauffassung, eine gleichwerthige rühmli­che Leistung als eine oft durch Zufall gemachte Entdeckung oder ein durch vieles Experimentiren und Probiren, oft auf Kosten des Staates, gelöstes Problem von le­diglich theoretischer Bedeutung. Wenn dem nun so ist, so empfiehlt es sich, daß der Magistrat event. selbst eine Art Ruhmeshalle errichtet, in welcher er Menschen, die sich durch edle Handlungen auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit ausgezeich­net, Denkmale setzt, Denkmale der Dankbarkeit, auf welchen die Handlungen ver­zeichnet sind, welche uns weitaus bedeutungsvoller erscheinen, als die Bravouren irgend eines geschichtlichen Haudegens und die nicht selten oft höchst fragwürdi­gen »Großthaten« so einer von der Parteien Gunst gemachten Berühmtheit. Tha­ten der Menschlichkeit erscheinen uns ebenbürtig mit den Thaten des Geistes und erstere wirken oft weitaus befruchtender für die Allgemeinheit, als oft die Leistun­gen sogenannter »berühmter Männer«, gezeitigt durch Gunst und Zufall in der Epoche der Corruption.

Münchener Ratsch-Kathl No. 9. Unabhängiges Volksblatt. Samstag, den 29. Januar 1898.


09-01-06/09 (Pschorr)