Münchener Ratsch-Kathl (25.5.1889) / t_604

Die Todten sind bald vergessen.

Am Gott’sacker bin ich am Sonntag g’wesen. Wie das so meine Gewohnheit ist, b’such ich so die Gräber von die guten Bekannten. Da bin ich auch an das Grab von mein‘ alten Freund‘ dem Schauspieler Brummer kommen. – Ich waß net, wie mir da worden ist! Wie lang ist’s denn her, daß wir den guten Brummer begrab’n hab’n? Und jetzt schaut das Grab aus, als wenn’s schon ein halb’s Jahrhundert her wär‘ und von der ganzen Freundschaft kein Mensch mehr existiert, der ihm ein‘ frischen Kranz oder ein Blümel auf’s kalte Erdreich stecket. No freilich, wird man sagen, was hatt‘ man denn den ganzen Winter thun soll’n? – No, der Winter ist jetzt schon lang vorbei und Alles grünt und blüht; nur auf dem Grab des lustigen Brummer, der so viel heitere G’sichter und so viel Lust und Freud‘ g’schaffen hat – auf dem Grab des todten Komikers schaut’s so öd‘ und düster aus, daß man weinen könnt‘. Haben’s Dich denn so bald vergessen, die so fürchterlich um Dich ′than haben? Na, ja! Es ist halt, wie’s oft geht: »aus dem G’sicht, aus dem Sinn!« Die Hinterbliebenen sind doch reiche Leut‘, und die Frau, moanet ma, wird von ihrem grenzenlosen Schmerz doch noch so viel Andenken bewahrt haben, daß sie das Grab herrichten lasset. Außerdem sind da noch wirklich treue Freunde des edlen Todten und Verehrer sei­ner Kunst g’nug in München. Ein Jeder tragt mit Freud’n ein Kleines bei, daß dem »unvergeßlichen« Brummer, der scheint’s so schnell vergessen ist, sein Grab doch würdig ausg’schmückt ist.

Münchener Ratsch-Kathl; Samstag, den 25. Mai 1889.


NA-060 (Brummer & Schratzenstaller & Seidenader & Strebel)