Münchener Ratsch-Kathl (23.1.1897) / t_432

Prozeß Holnstein.

Im jüngst verhandelten Prozeß Holnstein ist wieder einmal das zweierlei Maaß klar zu Tage getreten. Während man einen Zeitungsredakteur, der ehrlich seine Über­zeugung verficht, ins Gefängnis steckt und womöglich Wolle spinnen läßt, verhilft man einem angehenden Marsjünger dafür, daß ein junges, hoffnungsvolles Menschenleben durch seine Hand vernichtet worden ist, zu einer Festungsstrafe, die nicht nur keine Strafe ist, sondern im Gegenteil, dem so Bestraften noch zu einem Nimbus verhilft, um den ihn viele seiner Kameraden, die im Geiste des Militarismus groß gezogen werden, beneiden dürften. Ein Civilist hat unseres Wissens für fahr­lässige Tötung noch niemals Festung erhalten. Ein zweiter Punkt, der sich einem durch die Verhandlung unwillkürlich aufdrängt ist der: Wie kommt es und wozu ist es nothwendig, daß der Säbel eines Kriegsschülers, der doch nichts zu vertheidi­gen hat, als höchstens sich selbst, wenn er sein Pensum nicht gelernt hat, scharf geschliffen ist? Uns scheint es, daß dieser Umstand ebenso viel Schuld ist an dem Tode des bedauernswerthen Fähnrichs Steichele, wie das unverantwortliche Ge­bahren des Grafen Holnstein. Wir leben doch in Friedenszeiten, wozu braucht man da geschliffene Säbel? Die Vorgänge der letzten Woche à la Brüsewitz scheinen al­lerdings eine Antwort darauf zu geben, aber dann muß man freilich sagen, es ist herrlich weit gekommen im Deutschen Reiche.

Münchener Ratsch-Kathl; Nr. 7, IX. Jahrgang; München, 23. Januar 1897.


04-12-43 (Steichele)