Münchener Politische Zeitung (12.12.1820) / t_330

Miszellen.

München, den 11. Dezbr. Die Herren Akademiker Spix und Martius, welche 1817 im Gefolge der Erzherzogin Leopoldine nach Brasilien kamen, haben über zwey Jahre lang das Innere des unermeßlichen Landes, besonders die Gegenden am Amazo­nenstrome durchreist. Schon sind mehrere ihrer Sammlungen aus allen Fächern der Naturgeschichte in Europa angekommen und hier ausgestellt; die letzte und reichs­te, welche aus mehr als vierzig Kisten besieht, ist kürzlich von Lissabon zur See nach Triest abgegangen.

So wie gestern nach dem Gasthof zum goldenen Hahn, wo unsere glücklich zurück­gekehrten brasilianischen Reisenden ihr Absteigquartier nahmen, begab sich heute eine große Menge der hiesigen Einwohner nach der ihnen im königlichen Max-Pa­lais angewisenen Wohnung, wo sich beyde jungen Indianer befinden, zu denen, aus Gefälligkeit der Herren Doktoren Spix und Martius, der Zutritt Jedermann bisher gestattet war.

Wir müssen gestehen, daß die in unserer gestrigen Zeitung aus dem Journal de Pa­ris mitgetheilte Beschreibung der beyden Indianer einiger Berichtigung bedarf. Was ihren Wuchs betrifft, so ist der Knabe, der höchstens 12 Jahre alt seyn kann und der Sohn eines im Gefechte umgekommenen Anführers einer indianischen Horde seyn soll, artig gewachsen, obgleich nicht sehr groß; die Farbe ist nicht kup­ferbraun, sondern mehr schwarzgelb; er ist nichts weniger als stumpfsinnig; sein Körper, zwar nicht rüstig und äußerlich stark, läßt auf Gewandtheit und Leichtigkeit bey freyer Natur-Ausbildung schließen; sein Gesicht drückt großen Hang zur Leb­haftigkeit aus. Er sieht sehr zufrieden aus, wenn man ihm Aufmerksamkeit bezeigt, aber wer es weiß, daß die Wilden selbst eine von unsrer Bedeutung der Gebehr­den ganz verschiedene mimische Sprache haben, wird billig genug seyn, ein passi­ves Verhalten in einer so isolirten Lage nicht für Stupidität zu halten. Seine Ge­sichtsbildung ist angenehm, nur der Umstand, daß er um den Mund herum eine sehr breite tatowirte Einfassung hat, gibt ihm natürlich ein seltsames, aber nicht tu­rückstoßendes Aussehen.

Das Mädchen sieht nicht so gut aus, es gleicht mehr einem blöden Kinde, das in seiner Entwickelung etwas zurückgeblieben ist. Es saß still und beynahe bewe­gungslos an einem Tische. Ueber seine Fähigkeiten kann, so wie über die des Kna­ben, der oft in ganz artigen Stillungen frey stand oder sich an das Tischen lehnte, erst dann richtig beobachtet werden, wenn beyde sich mehr einheimisch unter uns fühlen und durch allmähliche Kenntniß der Sprache einiger Verkehr mit ihnen aus­gemittelt ist.

Die Herrn Doktoren Spix und Martius haben sechs solcher Geschöpfe mit in ihr Va­terland herausbringen wollen, aber vier sind ihnen auf der Reise gestorben.

Der Knabe ist nach Art der baierischen Husaren gekleidet und seine Haare sind ab­gestutzt; das Mädchen trägt ein blaues weibliches Kleid und hat schwarze, flach herabfallende Haare.

Münchener Politische Zeitung Nro. 294. Dienstag, 12. Dezember 1820.


24-01-01/02 (Müller & Juri/Johannes & Miranha/Isabella)