Münchener Nachrichten (28.7.1875) / t_944

Aus Kaulbach’s Nachlaß.

Wenn ich diesen Stoß kleiner Lichtbilder nach Art eines Kartenspiels auf den Tisch vor mir aufstreife, grüßen mir einige Figuren daraus so traulich entgegen, daß ich sie einzeln zu genauer Betrachtung in die Hand nehmen muß, bevor ich nach den übrigen greife, um auch ihnen die schickliche Rücksicht angedeihen zu lassen.

Vor allen ist es aber das Bildniß von Kaulbach’s Braut, das mich durch einen eige­nen Zauber gefangen nimmt. Zunächst durch den Zauber der Lieblichkeit, dann aber durch den weit stärkeren der persönlichen Erinnerung. Mit der scharfen Be­stimmtheit seiner ersten Manier hat sie Kaulbach im Profil hingezeichnet, ein sin­nendes und sinniges Mädchen, in dessen noch jungfräulich schwebenden Zügen sich schon die charaktervolle Hausfrau ankündigt. Der Kopf, von einem schlanken Hals anmuthig getragen, blüht aus einer üppigen Krause hervor; die Haare sind hin­ten hoch hinaufgesteckt, während sie vorne, aus einem glattgestrichenen Scheitel hervorquellend, als Locken in die Wangen hereinfallen. Einen leisen Zug von Koket­terie und von auflösender Milde tragen die an der Schläfe vom Scheitel sich los­trennenden Haare in das Gesicht hinein; aber die ungebändigten Triebe im Nacken und der wie ein Federchen sich krümmende Haarbüschel über der Stirn – eine rei­zende Vehöhnung des glättenden Kammes – bezeugen das Eigenwillige, das Unbe­zähmbare, welches auf dem Grunde einer jeden tüchtigeren Natur lebt, ja das man geradezu als die Ursache ihres Daseins betrachten kann. Das Kleid, ein anliegender Ueberrock mit weiten Aermeln, ist geschlossen, und als einziger Schmuck hängt auf der Brust ein kleines Kreuz an schmalem Bändchen. Die Haare denke man sich dun­kel und weich, die Haut bräunlich, sammtartig, mit durchschimmerndem Roth, die vollen Augen braun…

Nun wird mir aber das Bild unruhig, und die Gestalt tritt, unter dem schauenden Auge wachsend und wachsend, lebensgroß aus dem Rahmen, regt und bewegt sich, athmet und spricht. Die schöne frauenhafte Erscheinung, deren Gegenwart selbst den Wildesten bändigt! Eine hohe, schlanke Gestalt, so zart und schmieg­sam, daß man, meint, ein jeder Lufthauch müsse sie beugen – und doch wir gerade und vornehm weiß sich dieser Wuchs zu tragen! Wie sie schwebenden Ganges kommt und geht, schön bewegt mit leeren und mit vollen Händen, stets weiche Li­nien beschreibend und im Ganzen die Bewegung doch voll Charakter. Etwas sanft Gebietendes liegt in ihrem Auftreten und ihrem lächelnden Ernst, vermag Niemand zu widerstehen. Sie hat eine eigene Art, Alles in Anmuth zu kehren, ja das sonst Entstellende zur Würde zu adeln, wie sie denn, als sie ihren Sohn unter dem Herzen trug – Kaulbach hat sie so porträtirt – ein Bild mütterlicher Hoheit gewährte. Die schärfste Probe auf den Gehalt einer Frauennatur, nämlich, wie sie dem anpochen­den und eintretenden Alter begegnet, hat Frau Kaulbach mühelos und glänzend bestanden; auch ihm ging sie mit Anmuth entgegen, und das Alter hat ihren Gruß erwidert. Die weißen Flocken in ihren Haaren erscheinen nicht anders als wie die Blüthen einer andern Jugend.

Ich war noch ein grüner Junge, als mir das Glück ward, Frau Josephine Kaulbach, die damals im Anfange der Dreißiger-Jahre stehen mochte, zum erstenmale zu se­hen. Es war in München an einem Sonntag Vormittags, um die Zeit der letzten Mes­se, und von allen Thürmen scholl Glockengeläute. Ich zog eben die Klingel an dem Kaulbach’schen Hause, als mir die Hausfrau selbst aus der Thür entgegentrat, ein­fach und geschmackvoll gekleidet, ein Gebetbuch in den Händen und eben im Be­griffe, zur Kirche zu gehen. Sie begrüßte freundlich lächelnd den blutjungen Gast und lud ihn ein, im Hause oder Garten zu weilen, bis sie von der Andacht zurück­kehre. Frömmigkeit steht den Frauen so wohl und ich schaute der prunklosen Kir­chengängerin, bevor ich die Thür hinter mir ins Schloß warf, eine Weile verstohlen und mit Wohlgefallen nach. Haus und Garten, die mir mit den Jahren so vertraut wurden, empfingen mich mit einer gewissen Feierlichkeit; sie mutheten mich wie Kunstwerke an, die »jeden Zeugen irdischer Bedürftigkeit ausgestoßen«. Zwei hüb­sche Kinder – wie wir sie auch in den Photographien aus Kaulbach’s Nachlaß sehen – belebten das stille Haus: Johanna, die Aeltere, mit den schaulustigen meergrünen Augen und die sinnige scheue Marie mit den hochaufgebundenen dunklen Zöpfen; der trotzige Dickkopf Hermann und die sanfte blonde Josepha – die letztere ver­schweigt uns der Nachlaß – waren noch nicht geboren. Frau Kaulbach’s Verkehr mit ihren Kindern, nach Bedarf bald streng, bald sanft, ist mir als ein anmuthiges Bild im Gedächtniß haften geblieben. Das rechte Salz aber brachte erst Kaulbach selbst in die Haushaltung herein; neben die Grazie stellte er die Energie, neben die frau­enhafte Weichheit des Denkens Schärfe seines Geistes. Man mußte ihn freilich nä­her kennen, um ihn nach der ganzen Fülle seiner Natur zu schätzen. Damals zeigte er nicht mehr die vollen Formen, wie sie ein in jungen Tagen, mit unverkennbarem Hinblick auf Rafael’s Selbstbildniß, gezeichnetes Porträt aufweist; die Haare fielen ihm nicht mehr voll auf die Schultern herab und weggenommen war der dämmern­de Schleier, der das Auge des Jünglings umhüllte. Stürmische Leidenschaften hat­ten ihn mittlerweile geschüttelt, Lebenserfahrungen voll Bitterniß waren über ihn gekommen und zumal der künstlerische Ehrgeiz hatte ihn mager gemacht. Seine schlanke Gestalt erschien leise gebeugt, und sein geschmälertes Gesicht wurde von den energischen blauen Augen beherrscht. Er trug falsche Haare, und die Lo­cken, die kunstbegeisterte Damen sich von ihm erbaten, schnitt er, wie er lachend erzählte, von ausgedienten Perrücken ab. Es war die Zeit, wo er, neue Bahnen su­chend, mit dem vollen Aufgebote seiner Kraft an der »Zerstörung Jerusalems« ar­beitete und nebenher zur Abspannung des Geistes seine Zeichnungen zu »Reineke Fuchs« entwarf.

Wie seine Kunstübung war sein Gespräch; es bewegte sich zwischen hochfligenden philosophisch-historischen Gedanken und der grausamsten Persiflage der Wirklich­keit und Gegenwart. Er konnte Menschen zerreiben, als ob sie mürbe Sandsteine wären, und sein Sarkasmus schonte keine Höhe. Nur selten erschloß er die weiche­ren Seiten seiner Natur; es war fast, als ob er sich jeder sanfteren Regung schämte. So konnte man ihn damals sehen: melancholisch, voll Menschenverachtung, mit sich selbst und der Welt unzufrieden, von einem maßlosen Ehrgeiz gequält. Erst als er seine künstlerischen Ziele erreicht hatte, erst als er, dem Glücke im Schooße sit­zend, in seinem Ruhme sich sonnen konnte, stiegen freundlichere Geister aus sei­ner Seele auf, schloß er, soweit sein polemischer Geist es erlaubte, seinen Frieden mit der Welt. Nun erst konnte er, mit souveräner Ironie über die Köpfe der Men­schen weg- und wie über sich selbst hinausfliegend, die Frage stellen und die Ant­wort geben, die ihm ein guter Bekannter nothdürftig in Reime gefaßt:
Menschen, Götter und Vieh, Was hat euch am besten gefallen? Den Menschen ver­gaß ich nie, Und hab‘ mich ergötzt an Allen.

Das jugendliche Selbstporträt Kaulbach’s in seinem Nachlaß ist das Gegenstück zu dem Bildniß seiner Braut. So haben sich diese jungen Menschenkinder im Leben begegnet, als solche haben sie einander geliebt. Es war in München, und Kaulbach hat nicht vergessen, auf dem Porträt seiner Braut das Wahrzeichen der Mönchs­stadt, das sogenannte »Münchener Kindel« anzubringen, einen kleinen Kuttenträ­ger, der gleich einem heiteren Wegweiser die beiden Arme von sich streckt. Nicht ohne lange und schmerzliche Kämpfe errang sich Kaulbach seine Frau. Sie war ein Münchener Bürgerskind aus realistischem Hause und er nur ein Künstler, von seiner Phantasie zehrend, ohne gesichertes Einkommen. Sie hielten aber so treu zusam­men, und namentlich das Mädchen stand so fest in ihren Schuhen, daß der Wider­stand der Alten zuletzt gebrochen wurde. Die beiden Brautleute trugen eine Welt voll Liebe und Zukunft mit sich herum, und da mochte es wenig auf sich haben, wenn einmal auf einem Spaziergange, den sie machten, Kaulbach von seinem Schneider gemahnt wurde, er möchte doch den Rock, den er da trage, endlich be­zahlen. Kaulbach erzählte später oft von diesem schnöden Ueberfall des Kleider­künstlers und versicherte dabei, indem er hellauf lachte, daß er vor seiner Braut in den Boden hätte sinken mögen. In der Art und Weise, wie Frau Kaulbach bei dieser Erzählung schaute und lächelte, lag alle Freude und alles Leid ihrer Liebe und ihrer Ehe. Kaulbach hat eine treue Seele an ihr gefunden, ein Weib, das ihn liebte und verehrte, wie den einzigen Mann dieser Welt; er war neben den Kindern ihre vor­nehmste Sorge und mit bitterem Gram hat sie ihm die Augen zugedrückt. Auch er fühlte tief den Werth dieser Frau, wenn es auch manchmal den Anschein nahm, als ob er, der für weiblichen Reiz so sehr empfängliche Mann, dessen Geschäft ja das Schöne war, sich zeitweilig von ihr entfernen könnte; aber das Heimweh befiel ihn bald, und da hielt ihn weder die Zauberin Circe noch die göttliche Nymphe Kalypso fest. Er konnte sich seiner Frau nicht erwehren, sie ging ihm nach bis in seine Bilder hinein, und die Kinder kamen mit ihr. Was man als gut erkannt, auch als schön er­kennen zu müssen, das übt eine Gewalt über Gemüth und Phantasie, der nicht zu entrinnen ist. Dieses Gute und Schöne war Frau Kaulbach für ihren Mann, sein Schutz- und Trutzengel, der ihm das Haus heimlich machte und widrige Einflüsse von der Schwelle wehrte.

Wenn ich nun weiterblättern will in Kaulbach’s Nachlaß, wenn ich die Kompositio­nen zur »Sündfluth«, die »Sachsenschlacht«, die »Vier Evangelisten« vor mich hinle­ge, so sehe ich nur mit halbem Auge und aus dem Gedränge von Gestalten steigt mir immer wieder Kaulbach und seine Frau, umgeben von ihren Kindern, auf. Und dann fällt mein Blick von den Bildern hinweg in das Leben und ich muß der vereins­amten Frau gedenken, welcher Kaulbach den großen Schmerz angethan, vor ihr zu sterben. Ich meine in der Ferne schluchzen zu hören. Meine Gedanken gehen auf die Wanderschaft und im Geiste kehre ich in dem gastlichen Haus in der Garten­straße zu München wieder ein. An der langen Tafel im unteren Gelaß ist ein Gewühl von Menschen – Männer, Frauen und Kinder. Das sind die Töchter des Hauses, die Schwiegersöhne, die Kindskinder. Oben an der Tafel sitzt eine schöne greise Frau, welcher blühende Enkel die Thränen von der Wange küssen. Sie lächelt zwischen Schmerz und Freude. Ich habe diese Frau schon gesehen und ich kenne ihre Ge­danken, ohne daß ich sie erst darum befrage. (N. Fr. Pr.)

Münchener Nachrichten Nr. 209. München. Mittwoch, den 28. Juli 1875.


ML-280/281 (Kaulbach)