Münchener medizinische Wochenschrift (26.11.1889) / t_251

Feuilleton.

Hofrath Dr. Max Jacubezky †.

Am 24. October 1889 verschied im 76. Lebensjahre Dr. med. Max Jacubezky, kgl. Hofrath und praktischer Arzt in München. Wenn ich es wage, dem Wunsche mehre­rer Freunde folgend, hier darüber zu sprechen, was wir an dem Dahingeschiedenen verloren haben, so kann ich meine Berechtigung dazu nur davon ableiten, dass ich von Jugend an mit ihm bekannt war, und ihn als Arzt, als Menschen und als Freund hochzuachten oft Gelegenheit gehabt habe.

Geboren in München am 18. November 1814, als Sohn des kgl. Kammerfouriers Carl August Jacubezky, besuchte er von 1823 an die Privatlehranstalt des Oberstu­dienrathes v. Niethammer und trat 1826 in die erste Classe des Neuen (jetzt Lud­wigs-) Gymnasiums ein. Er war ein begabter und eifriger Schüler, im ersten Jahre bereits der zweite, in jedem der darauffolgenden Jahre der erste seiner Classe, und absolvirte das Gymnasium 1832 mit der Note der Auszeichnung. Die antike Le­bensanschauung, welche er unter Leitung tüchtiger Lehrer (Hocheder, Permaneder, Freudensprung) aus den Schriftstellern des Alterthums kennen lernte, übte zeitle­bens einen mächtigen Einfluss auf ihn; insbesondere war das strenge Pflichtbe­wusstsein, das sein ganzes Leben beherrschte, wesentlich durch die Lehren der al­ten Philosophen bestimmt.

Von den Dichtern war es Horaz, der ihn am meisten anzog. Wenn er im Sommer auf einige Wochen aufs Land ging, pflegte er stets eines von dessen Werken mitzuneh­men, und noch in den letzten Wochen vor seinem Tode lagen die Episteln auf sei­nem Tische.

Im Herbste 1832 bezog er die Universität München und hörte im ersten Jahre Thiersch (Homer) und Naturgeschichte bei Schubert. Das durch Letzteren geweck­te Interesse für Botanik hat er sich bis zum Ende des Lebens bewahrt; wo er sich ei­nige Zeit aufhielt, suchte er einen Ueberblick über die Flora der Gegend zu gewin­nen, und besondere Freude machte es ihm in unseren Alpen manche seltene Blume zu finden.

Nachdem er das philosophische Examen, welches damals das jetzige Tentamen phyaicum vertrat, mit Auszeichnung bestanden hatte, widmete er sich ganz dem Fachstudium, in welches er schon im ersten Universitätsjahr durch Döllinger und Schneider, bei denen er Anatomie hörte und präparirte, eingeführt worden war. Er hörte nun bei Ringseis, Loë, Walther, Breslau, Buchner, Wilhelm, Weissbrod, Braun, bestand 1836 das Rigorosum mit der I. Note und erhielt die Doctorwürde, nach­dem er eine Dissertation De operatione petinaei fissi geschrieben hatte.

Dem jungen Doctor sollte sich bald nach seiner Promotion Gelegenheit bieten, sein Wissen praktisch zu verwenden: als die Cholera im Herbste 1836 das erste Mal in München ausbrach, wurde er als Assistenzarzt bei einer Besuchsanstalt in der Ma­xvorstadt aufgestellt, welche unter Leitung des Dr. Mosthaf stand, und deren Be­zirk von der Erzgiesserei bis zur Theresienwiese reichte. Ich erinnere mich noch leb­haft, ihn dort in voller Thätigkeit gesehen zu haben.

Von 1837 bis 1839 bekleidete er die Stelle eines Assistenzarztes der chirurgischen Klinik unter Director Wilhelm; im Jahre 1838 war er 3 Monate lang zugleich Arzt des Blatternspitals.

Nachdem er 1838 die damalige Proberelation, die man nach dem Biennium practi­cum zu machen hatte, mit der I. Note bestanden hatte, begab er sich zur weiteren Ausbildung auf Reisen, zunächst nach Würzburg, wo er die Kliniken von Marcus und Textor besuchte, dann zu Siebold nach Göttingen, lernte Fricke in Hamburg ken­nen, hörte in Berlin bei Dieffenbach, Gräfe, Angelstein, Jüngken, Barez, Wagner, Schönlein, und in Wien bei Rokitansky, Jäger, Rosas, Schuh, Hildenbrand.

Die grösste Förderung fand er in Paris, wo er sich mit einigen deutschen Altersge­nossen vom Mai 1840 bis Ende März 1841 aufhielt und die Kliniken besuchte, an welchen damals eine Reihe hervorragen der Männer wirkte (am Hôtel Dien Roux, Blandin, Maisonneuve, Chomel, Guineau de Mussy, an anderen Spitälern und An­stalten Velpeau, Andral, Piorry, Lisfranc, Gibert, Émery, Boyer, Ricord, Guersant Va­ter und Sohn, Guérin (Kinderkrankheiten), der Augenarzt Sichel). Nebenbei hörte er Chemie an der Sorbonne bei Dumas, experimentelle Nervenphysiologie bei Lon­get, chirurgische Anatomie bei Thirel, Diagnostik bei Guineau de Mussy, Mikrosko­pie bei Donné.

So gründlich für seinen Beruf ausgebildet wurde er 1842 zum praktischen Arzte in München ernannt. Im Jahre 1844 vermählte er sich mit einer Jugendgespielin, Fräu­lein Caroline Boshart, zu der er schon lange eine treue Neigung im Herzen trug. Der glücklichen Ehe entsprossten zwei Söhne, von welchen der ältere (Carl) zur Zeit Oberregierungsrath im Justizministerium, der jüngere (Max) Bezirksamtsassessor a. D. ist, und eine Tochter (Mathilde), welche sich im Jahre 1866 mit Universitätspro­fessor Dr. Radlkofer, jetzt Vorstand des botanischen Instituts in München, vermählte.

Als Arzt fand Jacubezky seine Clientel vorzugsweise in Beamten und Gelehrtenkrei­sen. Seine umfassende Bildung, sein diagnostischer Scharfblick, seine Sorgsamkeit und hingebende Pflichttreue, sowie seine menschliche Theilnahme an fremdem Lei­de machten ihn den meisten Familien, deren langjähriger Hausarzt er war, zum hochgeschätzten Freunde. Die Ausübung der Heilkunde war ihm zugleich Auffor­derung und Gelegenheit zu stetem Lernen. Er war ohne Unterlass bestrebt, sich mit den Fortschritten der Wissenschaft in Fühlung zu erhalten, und die patholo­gisch anatomischen Demonstrationen, welche Professor Buhl eine Reihe von Jahren hindurch gab, hatten kaum einen eifrigeren Besucher als ihn.

In die Zeit seiner ärztlichen Thätigkeit fällt auch die zweite Choleraepidemie 1854, während welcher er Schriftführer der von dem Minister Grafen von Reigersberg in’s Leben gerufenen Aerzteversammlung war.

Während des Krieges 1870/71 nahm er eifrigen Antheil an der ärztlichen Hilfeleis­tung für die auf dem Münchener Bahnhofe ankommenden kranken und verwunde­ten Soldaten, wofür er die Kriegsdenkmünze für Nichtcombatanten erhielt.

Auch die dritte Choleraepidemie 1873/74 fand ihn in voller Thätigkeit.

Im Jahre 1877, nach dem Tode seines verehrten Freundes und Collegen, Hofstabs­arzt und Prof. Dr. Buchner, wurde ihm die Stelle des Instituts- und Klosterarztes bei den Englischen Fräulein in Nymphenburg übertragen, die er auch noch beibehielt, als er sich im Jahre 1879 von der übrigen Praxis zurückzog. Aber auch danach hin­gen die Familien, deren Arzt er gewesen, mit unentwegter Zuversicht an ihm und consultirten ihn in schweren und zweifelhaften Fällen.

Schon 1868 war er zum Mitgliede des Kreismedicinal-Ausschusses bei der königl. Regierung von Oberbayern ernannt worden. Auch da bewährte sich sein vielseiti­ges Wissen und sein tadelloser Charakter. Ich hatte als Mitglied des Obermedi­cinalausschusses beim königl. Staatsministerium des Innern öfter Gelegenheit bei Streitsachen mich von seinem richtigen Blick und seiner Unparteilichkeit zu über­zeugen.

Zu den wichtigsten Aufgaben seines Lebens zählte er die Förderung der Interessen des ärztlichen Standes. Er gehörte zu den Gründern des Pensionsvereins für Witt­wen und Waisen bayerischer Aerzte und war von 1852 an Mitglied and Schriftfüh­rer des Verwaltungsrathes desselben, bis er 1876 aus freiem Entschlusse zurück­trat, um den nach seiner Ansicht wünschenswerthen Eintritt jüngerer Kräfte zu ermöglichen.

Schon seit dem Antritte seiner ärztlichen Praxis zeigte er ein lebhaftes Interesse an dem Schicksale seiner Berufsgenossen. Eine von der königl. Staatsregierung im Jahre 1850 berufene und von sämmtlichen Aerzten Bayerns frei gewählte Bera­thungs-Commission, welche die Congressbeschlüsse vom Jahre 1848 einer Prüfung unterziehen sollte und durch von der Regierung bestimmte Notabilitäten verstärkt worden war, hatte zunächst dafür keinen wesentlichen Erfolg, hingegen einen grös­seren für die Constituirung des Pensionsvereins, da einstimmig der Beschluss ge­fasst wurde: 1) es soll ein Pensionsverein für Wittwen und Waisen bayerischer Aerz­te gebildet werden und 2) mit diesem Pensionsvereine in Verbindung soll auch ein Unterstützungsverein für unverschuldet in Noth gerathene Aerzte und deren Relik­ten gegründet werden (Siehe Dr. v. Graf: Der Pensionsverein für Wittwen und Wai­sen bayerischer Aerzte. Ein geschichtlicher Rückblick auf dessen 25jähriges Beste­hen. Aerztl. Intelligenzblatt 1877.).

Unter dem 5. October 1852 wurde der ärztliche Pensionsverein als constituirt er­klärt, Allerhöchst anerkannt und Jacubezky in den Verwaltungsrath gewählt, dem er, bis 1877, mithin volle 25 Jahre angehörte. Von welch‘ grossem Werthe seine Thätigkeit als Verwaltungsrath für das Gedeihen des Pensionsvereins war, lässt sich allerdings nicht in Ziffern ausdrücken, aber sicher ist, dass seiner Mitwirkung die ra­sche Blüthe des Vereins zum grossen Theile anzurechnen ist. An der Seite von Collegen, welche auch für die humanitären Aufgaben des Vereins begeistert waren, wie Oettinger, Graf, Koch u. A., hat er unermüdlich an der Mehrung des Vereinsver­mögens mitgerathen und mitgearbeitet, und die jetzige Generation sieht dankbar auf seine Leistungen.

Als sich im Jahre 1865 der Verein zur Unterstützung invalid gewordener Aerzte auft­hat, welcher den zweiten Theil der Congressbeschlüsse zur Ausführung brach­te, war Jacubezky wieder einer der Ersten, welcher Rath und Hand bot zur Fertig­stellung dieses Werkes, welches nunmehr so segensreich wirkt.

Dass seine Theilnahme an diesen Vereinsbestrebungen eine wirklich werkthätige war, dafür zeugen seine letztwilligen Verfügungen, in welchen er beide Vereine in grossmüthiger Weise bedachte. Die bayerischen Aerzte werden dieser collegialen Fürsorge stets in Dankbarkeit eingedenk sein.

Im ärztlichen Vereine München bekleidete er zweimal die Stelle des Vorstandes, und wegen seines ausgeprägten Sinnes für Recht und Billigkeit und wegen seines milden, aber unerschütterlichen Charakters war er auch viele Jahre lang als Mit­glied des Schiedsgerichtes im Aerzteverein gewählt worden.

Im Jahre 1880, als das Jubiläum des bayerischen Herrscherhauses gefeiert wurde, erhielt er in Anerkennung seines verdienstlichen Wirkens den Titel eines K. Hofrat­hes.

Nachdem er sich von der Praxis zurückgezogen hatte, gönnte er sich noch das Ver­gnügen, einen langgehegten Wunsch zu erfüllen. Er reiste im Jahre 1882 mit seiner Gattin und dem älteren Sohne nach Rom und Neapel und besuchte klassischen Stätten, für welche er seit der Schulzeit das grösste Interesse hegte. Glücklich heimgekehrt, konnte er auf einen schönen Lebensabend hoffen. Aber es kam an­ders und sollte er noch vielfach schwer geprüft werden. Im December 1884 starb die inniggeliebte Tochter nach langer Krankheit, im folgenden Jahre musste der jüngere Sohn wegen Krankheit sich in den Ruhestand versetzen lassen, und er selbst verlor dadurch, dass sich auf beiden Augen der graue Staar entwickelte, das Augenlicht fast gänzlich, weshalb er auch um Enthebung von seiner Stelle im Kreis­medicinalausschusse und von der Stelle des Instituts- und Klosterarztes nachsuch­te, die ihm unter Allerhöchster Anerkennung seiner langjährigen, erspriesslichen Dienstleistung wenn auch nur ungerne gewährt wurde; denn er war von Allen ge­liebt, die mit ihm zu thun hatten. Eine von Prof. v. Rothmund im Juni 1885 glücklich angeführte Operation gab ihm das Augenlicht wieder und er beging 1886 rüstig und gesund das 50jährige Doctorjubiläum, aus Anlass dessen der Aerztliche Verein ihn zum Ehrenmitglied ernannte.

Nun liess seine Gesundheit und Geistesfrische noch ein langes und glückliches Al­ter erwarten; aber im Frühling 1889 bildete sich ein Krebsleiden im Rachen aus, welchem er am 24. October Mittags in den Armen seiner treuen Gattin und seiner beiden Söhne erlag. Wer Zeuge seines fortschreitenden Leidens war, musste seinen stoischen Heroismus bewundern. Er hatte die Krankheit von Anfang an erkannt und schon im März einem vertrunten Freunde Mittheilung gemacht; er sah das Fort­schreiten des Uebels und war ausser Zweifel über den Ausgang, den es nehmen werde; er murrte nie und erlaubte sich zu vertrauten Freunden nur die Aeusserung, dass ihm eine andere Todesart wünschenswert gewesen wäre. Ich war der letzte von seinen Freunden, dem er noch die Hand gedrückt, und mit welcher Innigkeit! Während der langen Zeit seines schweren Leidens bewahrte er die Festigkeit, die einem Christen und einem Schüler der alten Weisen geziemt; den Priester, der sei­ne Leiche zu Grabe geleiten sollte, bat er, sich in seiner Rede auf die Uebermittlung des letzten Grusses an alle zu beschränken, welche ihm freundlich gesinnt waren. Und es sind viele, die mit seinen Angehörigen den Schmerz über sein Scheiden theilen; auch von ihm gilt, was Horaz in der Ode an Virgilius sagt:

»Multis ille bonis flebilis occidit!«

Dr. Max v. Pettenkofer.

Dr. Max v. Pettenkofer: Münchener medizinische Wochenschrift No. 48. 26. November 1889.


33-02-13/14 (Jacubezky)