Münchener Medicinische Wochenschrift (14.4.1891) / t_461

Feuilleton.

Dr. Alfred Vogel †.

Manche der älteren Collegen erinnern sich noch einer kleinen Gruppe von Medicin-Studierenden, welche sich Anfangs der fünfziger Jahre in dem traulichen Dr. Hau­ner’schen Kinderspitale an der Jägerstrasse zu München zwanglos zusammenfan­den und dort in wahrhaft freundschaftlicher Weise mit den Anfängen der Kinder­heilkunde im Spitale selbst und im Ambulatorium vertraut gemacht wurden. Der Unterricht hatte einen von den gewöhnlichen Collegien verschiedenen Charakter; die Ungebundenheit und Unmittelbarkeit der Lehr- und Lernweise wirkte in hohem Grade anregend auf die Studierenden, ohne allen Zwang und ohne alle Formalität wurde gelehrt und gelernt, immer aber mit wirksamster Anregung Seitens des Leh­renden und mit intensivster Theilnahme und Aufmerksamkeit Seitens der Lernen­den. So wob sich ein unsichtbares, festes Band zwischen den anspruchslosen Leh­rern, die kein Honorar nahmen und den wissbegierigen Schülern, auf welchen kei­nerlei äusserer Zwang lastete, deren Eifer aber sehr hoch angeschlagen wurde. Un­ter diesen Verhältnissen hatte ich das Glück, mit dem Manne, dem ich in Kürze eine Pflicht der Dankbarkeit abzutragen mich anschicke, bekannt und für Lebensdauer verbunden zu werden.

Alfred Vogel war zu München am 31. März 1829 als der Sohn des o. ö. Professors der Chemie Dr. August Vogel, dessen lebendiger Vortrag dem Reste seiner Zuhörer noch in der Erinnerung sein wird, geboren. Seine Eltern zählten zur jungen protes­tantischen Gemeinde der Hauptstadt, welche sich am Anfange des Jahrhunderts unter dem Schutze der Churfürstin, nachmaligen Königin Caroline gebildet und durch den Zuzug mehrerer Familien gestärkt hatte, zu welchen auch die Mutter Al­freds, eine geborene Schlichtegroll, Tochter des gelehrten Secretärs der bayeri­schen Akademie der Wissenschaften, nachmaligen Directors der k. Hof- und Staats­bibliothek zu München, gehörte. Alfreds Vater war am 25. Juli 1778 zu Westerhof bei Göttingen geboren als der Sohn eines Justizbeamten in Schwarzenbeck an der Elbe, dessen Vater Professor der Chemie an der Universität zu Göttingen war Adolph v. Schaden: Gelehrtes München im Jahre 1834. München 1834. Druck von Joseph Rösl.). So stammen von diesem Chemiker der Enkel und der Urenkel ab, welcher vor 2 Jahren als Professor der landwirtschaftlichen Chemie an der Münche­ner Universität im Alter von 74 Jahren starb, beide Forscher auf den verschiedenen Gebieten der Chemie. Auch in Alfred war die chemische Ader vorherrschend, sie zeigt ihre Herrschaft in seinen verschiedenen Arbeiten aus dem Kreise rein patho­logischer und klinischer Beobachtung, wovon schon seine Inaugural-Dissertation über Rhachitis (1858) Zeugniss ablegt.

Vogel’s Studiengang war einfach. Gymnasium und Universität absolvirte er in Mün­chen, in Würzburg und Berlin bildete er sich fertig aus und trat dann in das Dr. Hau­ner’sche Kinderspital als Assistent ein. In dieser Stellung konnte seine Neigung zur Kinderheilkunde sich Bahn brechen; der wissenschaftliche Geist, welchen er an ei­nem instructiven, ausgewählten Krankenmaterial zu zeigen und zu fördern in der Lage war, belebte das Haus und unter der Leitung des eminenten Praktikers Dr. Hauner war Vogel das belebende Element für die Studierenden, welche ihn gerne aufsuchten, weil sie von ihm viel lernen konnten. An dieser Wiege der Kinderheil­kunde für die bayerischen Universitäten standen treffliche Pathen: Buhl, der lie­benswürdige Lehrer der pathologischen Anatomie, der feingebildete, kritische, nüchterne Chirurg Carl Thiersch, welcher bei seiner Abberufung nach Erlangen von dem jugendlich-feurigen Nussbaum abgelöst wurde (October 1854). Im Jahre 1858 trat Vogel an die zweite medicinische Klinik, welche damals unter der Leitung des Obermedicinalrathes von Pfeufer stand, als erster Assistent über. Noch im nämli­chen Jahre veröffentlichte er die Ergebnisse einer Reihe von Untersuchungen des Harns auf Harnstoff- und Kochsalzgehalt nach der von Liebig eben angegebenen Titrirmethode in der Zeitschrift für rationelle Medicin von Henle und Pfeufer. Neue Folge. Bd. IV, S. 3 ff. 1853. Die schwere Choleraseuche des Jahres 1854 traf den rüstigen, fleissigen Assistenten ununterbrochen an der Arbeit, trotz deren Ueber­maass er seinem innersten Triebe entsprechend täglich einige Augenblicke fand, in welchen er sich der Unterweisung angehender Assistenten hingeben konnte. Hie­bei kam ihm sein Talent, in kurzer und prägnanter Weise das Wichtigste des Tages zusammenzufassen, sichtlich zu Statten. Nach Ablauf der Epidemie schied er aus der Assistentenstelle aus, um sich dem Lehramt, zunächst mit der Einschränkung auf die Kinderheilkunde zu widmen. Auch übernahm er im Jahre 1857 in Verbin­dung mit seinem Freunde Dr. Emil Friedrich, nunmehrigem Generalarzt I. Cl. a. D., die Herausgabe der »Medicinisch-chirurgischen Monatshefte«, von welchen 8 Jahr­gänge erschienen sind.

Im Jahre 1855 folgte seine wohlbekannte Habilitationsschrift: »Klinische Untersu­chungen über den Typhus auf der II. medicinischen Abtheilung des allgemeinen Krankenhauses zu München«. 1855. Erlangen, Enke. 2. Aufl. 1860. Als Docent hielt er gut besuchte Vorlesungen über verschiedene Gebiete aus der speciellen Patho­logie und Therapie, insbesondere über Kinderheilkunde, konnte aber sein Ziel, eine Professur, nicht erreichen. In das Jahr 1860 fallen zwei Arbeiten: eine kleine Schrift, die aber für München von besonderer Wichtigkeit war, indem sie manche Vorurt­heile hinsichtlich des damals üblen Rufes der Gesundheitsverhältnisse der Haupt–stadt zerstreute: »Münchens Klima und diätetische Verhaltungsmaassregeln für Ein­heimische und Fremde«. München, bei Kaiser 1860, und das Hauptwerk seines Le­bens: »Lehrbuch der Kinderkrankheiten«, welches nunmehr in der von Dr. Th. Bie­dert in Hagenau so sorgfältig bearbeiteten und erheblich bereicherten 9. Auflage in Umlauf ist. Dieses Buch, wie die meisten Lehrbücher, aus dem Collegienheft des jungen Docenten entstanden, ist ein getreues Bild des Autors: kurz, deutlich, tref­fend, alles Unnütze aussschliessend, im Unterricht wie in der Praxis brauchbar. So war Vogel selbst: mit wenigen Worten konnte er viel erklären und Schwieriges aus­einandersetzen, auch am Krankenbette folgten nach genauer Untersuchung die zur Festsetzung der Behandlung nothwendigen Schlüsse rasch aber gleichwohl sicher.

So vorbereitet traf ihn im Jahre 1866 die Anfrage, ob er bereit sei, einem Rufe als ordentlicher Professor der speciellen Pathologie und Therapie sowie der medicini­schen Klinik nach Dorpat zu folgen.

Bei der geringen Aussicht, an einer bayerischen Universität befördert zu werden, entschloss er sich rasch und siedelte alsbald in die neue Heimath über. Im Jahre 1862 hatte sich Vogel mit Fräulein Josefine Hefner, der Tochter eines königl. Land­richters in Friedberg, der in München hochverehrten Hofopern- und Kammersänge­rin, verheirathet, welcher glücklichen Ehe ein Sohn entspross. So wurde ihm durch sein glückliches Familienleben der immerhin schwere Abschied von seiner gelieb­ten Vaterstadt an die nordische Schule erleichtert. Dort erwarb er sich bald die Sympathien seiner Collegen und Schüler, sowie das Vertrauen der Bevölkerung als consultirter Arzt. Die literarische Thätigkeit setzte er fleissig fort. Sein Lehrbuch der Kinderkrankheiten war unter ausübenden Aerzten und Studierenden sehr be­liebt geworden, so dass alsbald neue Auflagen nothwendig wurden, deren Besor­gung ihm oblag. Ausserdem publicirte er in Ziemssen’s »Archiv für klinische Medi­cin« mehrere interessante Abhandlungen: so 1870 »Die Nägel nach fieberhaften Krankheiten« Bd. 7, »Angeborener état criblé des Kleinhirns« ibid. Bd. 17, 1876, »Hirnerweichung und Arteriensyphilis« ibid. Bd. 20, 1877. In das Jahr 1874 fällt sei­ne in Ziemssen’s Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie Bd. VII 1. Heft aufgenommene Abhandlung über »Die Krankheiten der Lippen und der Mundhöh­le«.

Doch trotz aller angenehmen Verhältnisse, die ihn in Dorpat umgaben, ging ihm das Heimweh ohne Unterlass zur Seite. Wenn er ab und zu in den Ferien, welche ihn ja nur nach Südbayern, am liebsten nach Ambach am Starnbergersee zogen, zu den Freunden kam, da war es Jedem von uns klar, wie schwer er wieder von uns ging. Wenn ihn auch die kaiserlich russische Regierung mit Würden und Auszeich­nungen aller Art überhäufte – sein Herz war bei uns. Und als sein Vertrag mit der kaiserlich russischen Regierung abgelaufen war, säumte er nicht, die liebe Heimath aufzusuchen, um in ihren freundlichen Gefilden den Abend seiner Tage zuzubrin­gen. Er liess sich in München nieder und suchte vor Allem die alten Freunde wieder auf. Vieles hatte sich während seiner 20 jährigen Abwesenheit in München verän­dert: Verwandte und Bekannte waren aus dem Leben geschieden, der Personal­stand der medicinischen Fakultät hatte sich verändert, sein liebes Kinderspital in der Jägergasse war fortgewandert in die Lindwurmstrasse, um dort in einem Prachtbau neu zu erstehen. Wie natürlich war sein Wunsch, hier die Lehrthätigkeit fortzusetzen, wie er sie im alten Häuschen begonnen hat. Doch diesen Wunsch sah er nicht in Erfüllung gehen, er beschied sich indess mit dem Lehramte der Kinder-Poliklinik am Reisingerianum, welchem er mit allem Eifer diente. Die Verhandlungen des 6. Congresses für innere Medicin (1887) ziert eine Abhandlung aus seiner Fe­der über Pathologie und Therapie des Keuchhustens. So blieb er lehrhaft und lite­rarisch thätig, bis ihn Krankheit mit quälendem Siechthum zum Aufgeben jeder An­strengung nöthigte. Der im Jahre 1889 erfolgte Tod seines einzigen Bruders hatte ihn empfindlich getroffen. Voll schwerer, die Geduld auf die höchste Probe stellen­den Leiden, die er mit Ergebung trug, erlöste ihn am 27. September 1890 der Tod. Die Section zeigte ein Aneurysma cordis verum.

Vogel hat in München eine Lücke hinterlassen, welche sich erst allmälich ausfüllen wird, denn seine reiche Erfahrung, sein kritisches Vermögen, seine Uebung im Leh­ren kann nur langsam ersetzt werden.

v. Kerschensteiner.

Münchener Medicinische Wochenschrift No. 15. Organ für amtliche und praktische Ärzte. 14. April 1891.


29-01-04 (Vogel)