Münchener Künstlerbilder (1871) / t_902

Heinrich Heinlein,
Landschaftsmaler.

Deutschland ist vorzugsweise reich an tüchtigen Landschaftsmalern der verschie­densten Richtung. Einer der hervorragendsten ist ohne Zweifel Heinrich Heinlein, der am 3. December 1803 zu Weilburg im Nassauischen geboren ward. Sein Groß­vater väterlicher Seite war Spezerei- und Conditorei-Waaren-Händler in Mannheim und hatte zwei Söhne, welche dem Berufe des Vaters folgten. Heinrich’s Vater hielt sich in der ersten Hälfte der neunziger Jahre bei seinem Bruder auf, der in Paris ein Geschäft gegründet und sich dort niedergelassen hatte, und kam von da an den Hof des Fürsten von Nassau-Weilburg, wo er zum Vorstand der Conditorei ernannt wurde. Heinrich’s Mutter, eine geborne Riedel, stammte dagegen aus einer Künst­lerfamilie: ihr Vater und ihre vier Brüder waren ausübende Architekten, sie selbst malte in Pastell Portraits. Die Folgen der französischen Revolution trieben den Fürsten von Nassau-Weilburg nach Bayreuth. Hier lernte die Fürstin Heinrich’s Mut­ter kennen und schätzen. Ihr feiner Geschmack in Handarbeiten verschaffte ihr die Stelle einer Kammerfrau der Fürstin. In derselben Zeit malte sie auch die Portraits mehrerer Mitglieder der fürstlichen Familie. Später begleitete sie den fürstlichen Hof nach Weilburg zurück und verband sich dort ehelich mit Heinrich’s Vater.

Die Eltern konnten dem Knaben um so mehr alle Aufmerksamkeit zuwenden, als er das einzige Kind blieb, und unter ihren Augen erhielt er durch Hauslehrer den ers­ten Unterricht, den sie, selber im Besitze einer höheren Bildung, als man bei ihren sozialen Verhältnissen im Allgemeinen erwarten durfte, und durch den Umgang mit hervorragenden Personen des Hofes fortwährend in geistiger Regsamkeit erhalten, sorgfältig überwachten.

Weilburg, auf einem Felsen erbaut, dessen höchste Höhe Schloß und Kirche krönt, zählt zu den malerischesten Partien des Lahngrundes. Theils angebaute theils mit Buchen und Eichen reich bewachsene Hügel umgeben das Städtchen, hier und dort in schroffen Granit- und Porphyrwänden an den Fluß abfallend, den stattliche Müh­len beleben, während im Südost das ferne Taunusgebirge, im Norden der dunkle Westerwald den Horizont begrenzen. Ein Knabe von so reicher Begabung und Empfänglichkeit für die Außenwelt hätte kaum der Hinweisung der Eltern bedurft, um schon in der frühesten Jugend ein offenes Auge und Ohr für Formen, Lichtwir­kungen und Laute in der Natur zu haben. Diesen Eindrücken mußte er sich denn auch, Alles um sich her vergessend und halb unbewußt, hingeben. Oft stahl sich der Gymnasiast, im Schwarme der Kameraden zu den Spielen derselben auszie­hend, aus dem tollen Lärm weg und stellte sich, wenn dieser im hallenden Walde sich fern und ferner verloren, der wiederkehrenden hehren Stille und Einsamkeit. Brauste an stürmischen Herbstabenden der Wind in den Bäumen und drang dazwi­schen das Rauschen des Flusses durch, so hielt ihn nichts im Hause, und er konnte Stunden lang draußen umherschweifen und dem Zuge der Wolken am Monde vor­über zuschauen.

Heinrich’s Vater, ein großer Verehrer von Musik und Schauspiel, hatte während ei­nes früheren Aufenthalts in München viel mit Musikern und Schauspielern verkehrt und pflegte im Zimmer auf- und abgehend Monologe und ganze Scenen aus Shaks­peare’s Tragödien zu recitiren, wobei er an seinem Sohne einen aufmerksamen Zu­hörer hatte. Einstmals las er aus Ossian’s Gedichten, und diese Lectüre, so räthsel­haft und unverständlich dem Knaben das Ganze blieb, brachte ihrer großartigen Naturbilder und pathetischen Stellen wegen auf den Knaben, der entzückt war, derartige Empfindungen in Worten ausgedrückt zu hören, eine wahrhaft elektri­sche Wirkung hervor.

Heinrich machte seine Gymnasialstudien durch, ohne sich eben ausgezeichnet zu haben. Er galt für einen zerstreuten und träumerischen Jungen, der, so lebhaft er sich für die Vorträge über alte Geschichte, Mythologie und Naturkunde interessiren mochte, mit dem Griechischen und Lateinischen immer auf gespanntem Fuße leb­te.

Am Hofe zu Weilburg gab es zwar einen eigenen Hofmaler, Namens Verflassen, aber gleichwohl zeichnete Heinrich nicht unter dessen, sondern unter Leitung sei­ner Mutter, wie er denn auch im elterlichen Hause Unterricht im Klavier- und Violin-Spiel erhielt.

Ein an sich unbedeutender Zufall aus jener Zeit mag hier kurz erwähnt werden, weil der Eindruck auf ein kindlich unverdorbenes Gemüth lange Jahre noch nachzitterte. Heinrich bemerkte einst im Hofgarten Kameraden, die eben das Nest eines Singvo­gels ausnahmen, glaubte sich ungesehen und verschwieg die Sache, weil er nicht den Angeber machen wollte. Des andern Tags wurde er von den Thätern derselben That angeklagt und vom Lehrer, der nun ein Motiv für des Knaben Streifereien im Walde gefunden zu haben wähnte, um ein Exempel zu statuiren, mit aller Strenge abgestraft. Die Eltern kannten ihren Sohn und trösteten ihn mit der Hoffnung, sei­ne Unschuld werde früher oder später an den Tag kommen. Und diese Hoffnung ward auch nicht getäuscht. Heinrich aber lief in den geliebten Wald, dort Balsam für sein wundes Gemüth zu suchen. Ein leichtes Frühlingswetter zog heran, die Wolken zerstreuten sich nach ein paar majestätischen Donnerschlägen, es regnete leise, die Abendsonne brach wieder durch, der nasse Wald funkelte in ihren Strah­len, ein Regenbogen spannte sich über das Thal und eine fröhliche Amsel hatte gar nicht aufgehört zu schlagen. Da betete der Knabe heiß und innig, Gott möge es ihm gewähren, daß er sein Leben lang im Walde bleiben dürfe und er nicht ge­zwungen wäre zu den Menschen zurückzukehren. Der Himmel erhörte des Knaben Gebet insofern, als er als Landschaftsmaler den größten Theil seines Lebens in der Natur oder mit Darstellungen aus ihr verbrachte, welche einsiedlerische Beschäfti­gung ihn mit der Welt wenig in Berührung kommen ließ.

Der Tod des regierenden Fürsten zog am Hofe mancherlei Veränderungen nach sich. Heinrich’s Vater, an Jahren schon vorgerückt, kam um seine Entlassung aus dem Hofdienste ein und sie ward ihm mit der erbetenen Vergünstigung bewilligt, sein Ruhegehalt im Ausland verzehren zu dürfen. Es zog ihn nach der Heimat; er siedelte nach Mannheim über und bewohnte dort wieder sein elterliches Haus. Heinrich war, als er Abschied nahm von dem Ort, an dem er das Licht erblickt und seine ersten und wärmsten Eindrücke erhalten hatte, der Zeuge war von allen Freu­den und Leiden seiner Jugend, erst fünfzehn Jahre alt; er sollte ihn erst nach acht­unddreißig Jahren wieder betreten. Was er bis dahin an Kunstwerken gesehen, be­schränkte sich auf die romanischen und altdeutschen Baudenkmäler an der Lahn und am benachbarten Rheine, denen man damals eben wieder mehr Aufmerksam­keit zuzuwenden begann. In Mannheim dagegen lernte er in der dortigen Gallerte mehrere ausgezeichnete Werke der italienischen und niederländischen Schule ken­nen. Daran reihten sich zwei Säle mit als vorzüglich bekannten Pariser Abgüssen berühmter Antiken. Für das klassische Alterthum durch seine Lectüre und die Vor­träge am Gymnasium hochbegeistert, war ihm dagegen von bildlichen Darstellun­gen aus jener Zeit nichts Bedeutendes zu Gesicht gekommen. Nun trat ihm in den Antiken die vergangene Welt mit ihrem stolzen, ruhigen Adel bezaubernd entge­gen. Dazu kam der Eindruck der Italiener, der Niederländer; Alles wirkte so berau­schend auf den kaum den Knabenschuhen entwachsenen Jüngling ein, daß er Bild­hauer, Historien-, Genre-Maler zugleich hätte werden mögen.

Er war in das Alter getreten, in dem er sich zu einem Lebenslaufe entschließen soll­te. Seine Eltern drängten ihn nicht zur Fortsetzung seiner Studien und hätten es nicht ungern gesehen, wenn er sich dem Kaufmannsstande gewidmet hätte. Er sei­nerseits trug die Kunst im Herzen, aber als er es einmal wagte sein Geheimniß an­zudeuten, da sprach sich sein Vater mit Entschiedenheit dagegen aus, was man ihm in einer Zeit nichts weniger als verdenken konnte, in der sich außer wenigen vereinzelt stehenden Liebhabern Niemand um Kunst und künstlerisches Schaffen bekümmerte. Nun hatte er sich nach Art junger Leute einmal darin versucht, Müh­len, Eisenhämmer und dergleichen plastisch nachzubilden. Dies und der Umstand, daß die Brüder seiner Mutter zu Berlin und Bayreuth in höheren Bauämtern stan­den, gab die Veranlassung, daß er sich der Architektur zuwenden sollte. Er seiner­seits ging um so bereitwilliger darauf ein, als er dadurch innerhalb der Grenzen der Kunst eintrat. Bauinspector Dyberhoff, ein Schüler Weinbrenner’s, hatte nach des Letzteren Art einen Salon für seine Schüler eingerichtet. Bei ihm trat Heinlein nun ein und machte während drei und einem halben Jahre daselbst seine theoretischen Studien durch, um darauf seine praktische Carriere als Bauconducteur in Mannheim zu beginnen.

Obwohl vielfach von seinem Berufe in Anspruch genommen, wußte er demselben doch manche Stunde abzugeizen, die er darauf verwendete, in der Gallerie nach der Antike zu zeichnen, sich im Componiren zu versuchen und sich mit der Technik der Oelmalerei bekannt zu machen. Seine damalige Begeisterung für Schiller’s Wil­helm Teil und die Schweizergeschichte im Allgemeinen machte sich in einigen in Oelfarbe ausgeführten Compositionen aus dem genannten Drama und aus den Schlachten von Sempach und Morgarten Luft.

Weniger Reiz hatte damals, woran wohl die unbedeutende Umgebung Mannheims die Hauptschuld trug, die landschaftliche Natur für Heinlein, so daß auch die Land­schaften in der Galerie ihn minder lebhaft in Anspruch nahmen als die historischen Bilder dortselbst; und dies berechtigt wohl zu dem Schluß, er würde sich damals, wäre er Herr seines Willens gewesen, der Historienmalerei zugewendet haben. Doch nachdem der mächtige Reiz der Neuheit nachgelassen und nachdem er noch keineswegs durch bereits erworbene Fähigkeit und Gewandtheit am figürlichen Kunstfach festzuhalten vermochte, so begannen seine ursprünglichsten, wärmsten und eigensten Empfindungen wieder mit aller Kraft sich geltend zu machen und mit Everdingen, Ruysdael und Salvator Rosa, von denen die Galerie und Privat­sammlungen gute Werke enthielten, in sympathetischen Rapport zu treten.

Er verließ um jene Zeit das väterliche Haus, um zu seiner Mutter-Bruder, dem Bau­rath Riedel in Bayreuth zu gehen. Die Reise ging durch das Neckarthal, den Oden­wald, den Maingau bis an den Fuß des Fichtelgebirges zu Fuß, wie fast alle späte­ren Reisen Heinlein’s. Vom Morgengrauen bis zur sinkenden Nacht im Freien, über Berg und Thal, allen Erscheinungen der Tageszeiten und des Witterungswechsels begegnend, war seine Seele den Eindrücken der Natur doppelt geöffnet, und der Enthusiasmus für sie erwachte mit neuer stärkerer Gewalt als je.

Heinlein’s Beschäftigung auf dem Bureau seines Oheims war eine wahrhaft trostlo­se; keine Spur von künstlerischen Elementen, nur Kostenvoranschläge für Repara­turen öffentlicher Gebäude und dergleichen. Sein Oheim sah des jungen Mannes Qual; als Ausländer war für ihn im bayerischen Dienste wenig oder gar nichts zu hoffen, er hielt ihn darum nicht fest. Nun gab es Ausflüge in’s Fichtelgebirge, in’s benachbarte Böhmen, in die an Naturschönheiten überreiche fränkische Schweiz, nach Pommersfelden, wo die berühmte Galerie ihn fesselte, nach Nürnberg u. s. w., und der Oheim freute sich herzlich der Studien, die der Neffe von seinen Wande­rungen heimbrachte.

Im Herbste des Jahres 1822 kam August Riedel von der Münchener Akademie zu seinem Vater nach Bayreuth heim, und währeud seines Aufenthaltes daselbst wur­de der Entschluß gefaßt, es solle Heinlein seinen Vetter nach München begleiten. Sein Vater willigte ein, da er einsah, daß es für seinen Sohn in Bayreuth nichts zu lernen gab. Heinlein wurde an der Akademie in die Abtheilung für Architektur auf­genommen und setzte seinem Lehrer, Professor und nachmaligem Direktor Gärt­ner, der ihm freundlich entgegen kam, das Mißliche seiner Lage auseinander; er sprach von seiner unüberwindlichen Lust zur Malerei und von des Vaters unabän­derlicher Abneigung dagegen. Gärtner rieth ihm, in Anbetracht seiner Vorkenntnis­se in der Baukunst, neben seinen dahin schlagenden Studien daheim seiner Nei­gung zu folgen, das Uebrige werde sich schon finden, und Heinlein folgte dem Rat­he seines hochverehrten Lehrers mit leichterem Herzen.

Inzwischen erschlossen ihm die nahen Alpen eine neue Welt. Die großen gewalti­gen Formen, diese nur von Einbäumen (einer einfachsten Art von Schiffen, aus ei­nem Baumstamm gehauen) befahrenen einsamen Seen, diese weithin sich strecken­den Moore und Wälder mit vielhundertjährigen riesigen Bäumen, Alles so ur­sprünglich und bedeutend, und im Hintergrund die gigantischen Felsgebirge mit ihren Gletschern erfaßten seine Seele mit nie geahnter Macht. Die ihm so geheim­nißvollen Berge, die Einsamkeiten, die Wildnisse uralter Wälder, deren Boden ein Chaos gestürzter Bäume bedeckte, die mit ihren bemoosten Aesten bis in den Grund nachbarlicher Gewässer hinabreichten, die stillen, unergründlich tiefen sma­ragdenen Bergseen, die riesigen Felswände, über welche ferne Wolken zogen, sie selber riesige Denkmäler gewaltsamer Naturerschütterungen, die brausenden, schäumenden und stäubenden Wasserfälle und Gebirgsströme, sie waren seine Welt, sie sind es noch, und kaum vermag ein anderer Künstler mit Stift und Pinsel derartige Eindrücke so energisch wiederzugeben, wie Heinlein.

Ein paar von ihm auf die akademischen Ausstellungen gegebene Bilder fanden freundliche Aufnahme und rühmliche, aufmunternde Besprechung in öffentlichen Blättern. Sein Vater, dem das Aufgeben des alten Berufes durch seinen Sohn noch ein Geheimniß war, wurde dadurch nicht wenig überrascht, und wenn er auch dem Willen des Sohnes nicht mehr mit der vorigen Entschiedenheit entgegentrat, so fühlte dieser es doch hart genug, daß die Unterstützung aus dem Vaterhause nun ausbleiben sollte. Dazu kam, daß Heinlein und einige andere jugendliche Tollköpfe wegen einiger Duelle mit der Polizei in Conflict geriethen und, als auch die Akade­mie ihre schützende Hand von ihnen abzog, die Stadt verlassen mußten. Da ergriff Heinlein den Wanderstab und wanderte in fünf und einem halben Tag nach Mann­heim.

Aus gewohnten Verhältnissen gewaltsam herausgerissen, ohne Umgang mit Künst­lern ward ihm die Kunst Alles. Aus jener Zeit stammen unter andern zwei Bilder, das eine eine wilde Bergschlucht, das andere Wilddiebe darstellend, die, in mon­denheller Nacht von Jägern in ihrem Lager unter einer alten Tanne angegriffen, sich mit Feuerbränden vertheidigen. Die Neuheit der Gedanken zog. Die Bilder zur In­dustrie- und Kunstausstellung in Carlsruhe geschickt, erregten vielseitig Aufmerk­samkeit, wurden günstig beurtheilt und verkauft. Dadurch ward Heinlein in die Lage gesetzt, die Schweiz und Oberitalien zu besuchen. Nach einem längeren Auf­enthalt in Südtyrol kehrte er nach München zurück. Schon war er daran, den Ge­danken einer Reise nach Wien aufzugeben, als er neuerdings durch den Umstand darin befestigt wurde, daß man ihm wegen der erwähnten früheren Conflicte das Copiren in der königl. Gemäldegalerie verwehrte. Um endlich diese alte und so ganz unbedeutende Geschichte hinter sich zu bringen, entschloß er sich nun rasch zur Abreise und schwamm noch im Spätherbst 1825 auf einem Flosse die Isar und Donau hinab nach der Kaiserstadt. Häufige Nebel verzögerten zwar die Reise, aber sie verschönten dieselbe auch durch mancherlei pitoreske Wirkungen und Effecte. Nachdem er in der großen, fröhlichen Stadt einmal zur Ruhe gekommen, ging es frisch an’s Arbeiten, und in kurzer Frist konnte er der Erzherzogin Karl, einer gebo­renen Prinzessin von Nassau-Weilburg, welche den Landsmann gnädigst empfing, ein paar Bilder vorlegen. Das erste zeigte einen stürmischen Bergsee, der einen von Raubvögeln umflatterten menschlichen Leichnam ausgeworfen. Das zweite stellte ein in melancholischem Spätabendlichte ruhendes Hochalpenthal dar, mit ei­nem Begräbniß als Staffage! Es war natürlich, daß die hohe Frau bei aller Aner­kennung der Bilder sich höchlich über deren Sujets wunderte. Nach damaliger Wie­ner Sitte zeigte Heinlein seine Bilder noch mehreren hohen Herren vor, aber überall bekam er den wohlgemeinten Rath, freundlichere Gegenstände zu wählen, denn die Kunst solle erheitern, meinten sie.

Nach einem Jahre waren seine Mittel erschöpft. Mit mehr Gewandtheit und weni­ger Leutescheu, als er damals hatte, wäre es ihm gelungen in der lustigen Stadt sich durchzuarbeiten. Er verkaufte, was er halbwegs entbehren konnte, um Reise­geld zu erhalten und legte im Herbste 1826 den Weg von Wien nach Mannheim (hundert deutsche Meilen) in ununterbrochenem Marsche von vierzehn Tagen zu­rück, eine Ausdauer, deren sich kein Osage zu schämen gebraucht hätte.

Die Eltern wünschten nun ihren einzigen Sohn bei sich zu behalten. Er ehrte den Wunsch durch einen mehrjährigen Aufenthalt im Vaterhause, der nur durch Ausflü­ge in den Schwarzwald, in die Vogesen, das Hardtgebirge und in die Rheinlands un­terbrochen wurde. Daneben las er viel, aber mit guter Wahl und verkehrte mit wis­senschaftlich gebildeten Männern, was zu seiner inneren Reife beitrug.

Im Jahre 1829 ging er durch den Schwarzwald und die Schweiz nach den Tyroler- und den bayerischen Alpen und im Herbste desselben Jahres wieder nach Mün­chen. Hier hatte inzwischen König Ludwig eine noch nie dagewesene Kunstthätig­keit hervorgerufen. Wieder mit jungen Männern in Verkehr getreten, die künstleri­sche Begeisterung aus allen Gauen Deutschlands dort versammelt, begann er selbst seine Thätigkeit wieder mit regem Eifer und glücklichem Erfolge. Jährlich trieb ihn die Liebe zu den Eltern nach Mannheim, wo er indeß bald den um die Zu­kunft seines Sohnes beruhigten Vater verlor. Ein Jahr später folgte ihm die Mutter, während den auf Besuch anwesenden Sohn eine schwere Krankheit auf dem Lager festhielt. Genesen veräußerte er sein väterliches Haus und siedelte nach München über, wo er sich ansässig machte und im Jahr 1832 mit einer Bürgerstochter von Traunstein verband, welche ihm drei Mädchen schenkte. Kaulbach malte ihn im Jah­re 1840 in dem Costüme, in dem er sich bei dem berühmten Maskenfeste dessel­ben Jahres betheiligt hatte.

Die Motive zu seinen meisten Bildern entnahm der Künstler dem Hochgebirge, in der festen Ueberzeugung, daß derjenige, dem es nicht gelingt, sich Material aus diesen der Landschaftsmalerei so reiche und großartige Mittel darbietenden Ge­genden anzueignen, auch in den entferntesten Welttheilen nicht glücklicher damit sein werde. Seit dem Jahre 1830 erscheint Heinlein’s Ruf fest begründet. Eigent­hümlich ist, daß er seine Kenntnisse der Baukunst in keinem seiner zahlreichen Bilder verwerthete. Gemälde von ihm befinden sich in der Neuen Pinakothek zu München und in den Galerien von Carlsruhe, Stuttgart, Hannover, Mainz, Braun­schweig, Leipzig und Prag, wobei besonders einige zu erwähnen sind, welche die Privatsammlungen des Fürsten Rohan, der Grafen Auerswald, Thun, Rostiz und An­derer schmücken. Eine große Auswahl anderer gelangte durch den Ankauf in Kunstvereinen und durch Bestellung in die Hände von Privaten und wurde so über ganz Europa zerstreut. Im Jahre 1846 nahm ihn die Akademie der bildenden Küns­te zu München in die Zahl ihrer Ehrenmitglieder auf und im Jahre 1852 zeichnete ihn König Maximilian durch die Verleihung des bayerischen Civilverdienstordens vom heil. Michael erster Classe aus.

Heinlein’s künstlerische Kraft hat im Laufe der Jahre nicht abgenommen. Als die in­ternationale Kunstausstellung von 1869 im Glaspalaste zu München bedeutende Werke aus der ganzen civilisirten Welt versammelt sah, da gehörten Heinlein’s groß und energisch gedachten, tief poetisch empfundenen Bilder mit zu den Arbeiten, vor welchen wirkliche Kenner am liebsten verweilten und Niemand trug Verlangen nach einer anderen Technik als der gediegenen und markigen, welche der wackere Künstler vor vielen Jahrzehnten sich angeeignet hatte.

Carl Albert Regnet: Münchener Künstlerbilder. Leipzig, 1871.


15-01-17/18* (Heinlein)