Münchener Künstlerbilder (1871) / t_800

Andreas Fortner,
Bildhauer und Bildgießer.

Andreas Fortner ward am 16ten Juni 1809 zu Prag geboren, woselbst sein Vater ein gesuchter Silberschmied war. Ihm verdankte er die erste Unterweisung in dessen Gewerbe, das er mit Lust und Liebe erfaßte. Besondere Gewandtheit aber erwarb er sich im Ciseliren, der so selten und noch seltener mit bedeutendem Erfolge be­triebenen Kunst. Seine Vorstudien hiefür brachten ihn in lebhaften Verkehr mit den Künstlern Prags und dieser steigerte wieder seine Liebe zur Kunst bis zu dem Gra­de, daß er sein Gewerbe ganz aufzugeben und sich der Historienmalerei zu wid­men beschloß.

Das Künstler- und Kunstleben Münchens zog ihn magnetisch an. Er machte sich von Allem, was ihn in seiner Vaterstadt festhielt, mit der ihm eigenen Energie los und traf am 3. Juli 1840 in München ein, wo er sich einige Jahre mit nicht ungünstigem Erfolge in historischen Compositionen versuchte.

Sein gerades, offenes und biederes Wesen erwarb ihm bald Freunde, darunter auch den unsterblichen Ludw. v. Schwanthaler. Als Ritter der Tafelrunde, welche ihren Sitz in des damals noch kräftigen und lebensfrohen Meisters Humpenburg aufgeschlagen hatte, verlebte er mit ihm und den trauten Genossen manch frohen Tag, manch lustige Nacht, wobei es jedoch auch an vielfacher künstlerischer Anre­gung nicht fehlte.

Als sich der damalige Kronprinz von Bayern mit der lieblichen Prinzessin Maria von Preußen vermählte, war fast keine Stadt und kein Städtchen im Königreiche die dem Brautpaare nicht ein Zeichen ihrer Liebe und Verehrung darbrachten. Die Stadt Augsburg beauftragte den Maler Eugen Neureuther mit dem Entwürfe eines figurenreichen Tafel-Aufsatzes, und der berühmte Künstler entledigte sich dessel­ben mit gewohnter Meisterschaft. Als er jedoch an die Ausführung der Arbeit in Sil­ber ging, zeigte es sich, wie schwer ein Künstler zu finden, der des Ciselirens in dem Grade mächtig wäre, den der Entwurf voraussetzte. Da erbot sich Fortner, dem Freund Neureuther darüber klagte, die technische Ausführung des figürlichen Theiles der Composition zu übernehmen und machte sich rasch und mit unermüdli­chem Eifer an die Arbeit, deren Schwierigkeiten er mit eben so feiner als sicherer Hand überwältigte. Das Werk lobte den Meister, der nun angesichts eines so be­deutenden Erfolgs von seinen Freunden bestürmt wurde, sich diesem Kunst­zweige, in welchem er ohne Concurrenten war, vollständig zu widmen.

Er folgte ihrem wohlgemeinten Rathe, und bald liefen von dort und da ehrenvolle, theilweise auch sehr umfassende Aufträge ein. Unter den ersten befand sich der ei­nes großen Tafelaufsatzes für den damaligen sardinischen Gesandten Grafen v. Pal­lavicini. An ihn schloß sich eine lange Reihe anderer an, die sein ausgezeichnetster Gönner, Freiherr v. Frankenstein, ihm ertheilte und der in Folge dessen eine ausge­zeichnete Sammlung der vollendetsten Waffen und Geräthe aller Art besitzt, wel­che Fortner mit reicher Fantasie, feinstem Verständniß des Angemessenen und ei­nem tiefen Fonds von Originalität schuf, denen nur die Zartheit und der Ge­schmack der Ausführung gleichsteht. Es sind meist Werke der Ciselirkunst, bald aus Bronce, bald aus edlen Metallen, wobei theilweise auch Edelsteine zur Verwendung kamen. Der treffliche Künstler zog aber auch die getriebene Arbeit wieder aus der Vergessenheit hervor, in der sie so lange Jahrzehnte gelegen und mehrere große Platten von seiner kunstgeübten Hand beweisen wie sicher er auch diese Technik beherrschte. Im Jahre 1847 beschickte er die Kunstausstellung in Prag mit zwei prächtigen Thierstücken in Bronce und auf der großen allgemeinen Industrie-Aus­stellung zu München 1854 zog ein Glaskasten voll der anziehendsten echtkünstle­risch durchgebildeten Geräthschaften: Vasen, Schalen, Gefäße, Lampen, Busen-Na­deln, Schwert und Hirschfänger u.s.w. die Aufmerksamkeit aller Kenner auf sich. In seinen letzten Lebens-Jahren schuf er für den Wintergarten des Grafen Waldpot-Bassenheim ein Wasserbecken, auf dem er verschiedenartig einheimische Vögel mit einer überraschenden Wahrheit und Charakteristik anbrachte. Das vornehmste sei­ner Werke aber ist der von der bayerischen Armee im Jahre 1860 ihrem Feldmar­schalle dem Prinzen Carl zu seinem fünfzigjährigen Dienstjubiläum gewidmete Eh­rendegen, bei dessen Herstellung er eine besondere Schwierigkeit zu bewältigen hatte, die darin bestand, daß die Form des Ordonanzsäbels strenge beizubehalten war. Er löste die Aufgabe mit der höchsten Meisterschaft und erntete dafür das all­gemeinste Lob.

Neben solchen größeren Arbeiten schuf Fortner, gleichsam von jenen ausruhend, eine Menge der originellsten Schmucksachen, in deren Entwürfen er seiner reichen Fantasie besonders gerne den Zügel schießen ließ, und wobei er Zufälligkeiten in der Natur und Form des gegebenen Materials mit überraschendem Erfolge zu be­nutzen verstand.

Die allgemeinen Zeitverhältnisse gingen auch an Fortner nicht ohne ihm wehe zu thun vorüber, und so übernahm er, um für schlimme Tage sich den Boden unter sei­nen Füßen wenigstens einigermaßen zu sichern, eine Stelle als Lehrer in der Ciselir­kunst an einer öffentlichen Unterrichtsanstalt Münchens, mit welcher jedoch leider keine pragmatischen Rechte verbunden waren.

Fortner’s rastlose Thätigkeit wurde seit Jahren durch öfteres Unwohlsein unterbro­chen. Er hatte noch am Vorabend der am 25. Februar 1862 von sämmtlichen Künstlergesellschaften veranstalteten maskirten Abendunterhaltung seine thätige Theilnahme hieran zugesichert, erkrankte jedoch am folgenden Tage so schwer, daß bald alle Hoffnung schwand ihn zu retten, und er am 14. März desselben Jah­res mit Hinterlassung einer Wittwe und dreier unversorgter Kinder gerade in einem Zeitpunkte starb, der ihm eine freundliche Aussicht in die Zukunft bot. Durch Ver­mittlung des in München lebenden Malers v. Swertskoff hatte ihm nemlich der Ban­quier v. Stieglitz in Petersburg die Herstellung einer vollständigen Zimmereinrich­tung an Lustres, Arm- und Wandleuchtern und was sonst der Art in Metall ausge­führt zu werden pflegt, übertragen, und Fortner hatte bereits einen Theil dieser Gegenstände, gleichfalls wieder nach seinen eigenen Entwürfen worin er sich nur im Styl der Renaissance zu halten hatte, vollendet, von anderen waren die Modelle fertig, als ihn der Tod überraschte. Die Trauer seines großen Leichengefolges galt nicht blos dem hervorragenden in seinem Fache unübertroffenen Künstler, sie galt auch dem oft bewährten Freunde, dem echten Ehrenmanne.

Carl Albert Regnet: Münchener Künstlerbilder. Ein Beitrag zur Geschichte der Münchener Kunst­schule in Biographien und Charakteristiken. Leipzig, 1871.


29-02-05 (Fortner)