Münchener Künstlerbilder (1871) / t_779

Josef Anton Fischer,
Historienmaler.

Josef Anton Fischer wurde am 28. Februar 1814 in Oberstorf, Landgericht Sontho­fen im bayerischen Regierungsbezirke Schwaben und Neuburg, geboren, sohin im nemlichen Orte, in dem Schlotthauer und die beiden Schraudolph das Licht der Welt erblickten, nur einige Stunden von Hindelang, dem Geburtsorte Conrad und Franz Eberhard’s.

Im Algäu nimmt die Viehzucht die oberste Stufe der Landwirthschaft ein, und wenn auch die Cultur alle Welt beleckt, so ist es doch glücklicher Weise noch nicht so weit gekommen, daß sich der Bauer seines Berufes schämt. Am wenigsten thut dies aber gewiß der Algäuer, bei dem das Althergebrachte um seiner selbst willen in höchsten Ehren steht. Fischer’s Eltern, wenn auch nicht übermäßig mit Glücksgü­tern gesegnet, hatten doch einen recht anständigen Besitz, sonach, den dortigen Verhältnissen entsprechend, auch manches schöne Stück Milchvieh. Als der Knabe soweit herangewachsen war, daß man ihm die Aufsicht auf die Heerde auf dem ge­birgigen Terrain anvertrauen konnte, ohne Schaden für beide Theile fürchten zu müssen, da war er gar manchen lieben Tag draußen auf der Trift und sich selbst überlassen.

Schon ungewöhnlich früh zeigte sich in ihm unwiderstehliche Neigung zum Zeich­nen. Er versuchte es erst ohne fremde Anleitung, was ihm von Zeichnungen irgend­wie in die Hand kam, nachzubilden und erreichte es endlich, daß ihn seine Eltern zur Zeichnungsschule schickten. Das machte jedoch nicht nöthig, daß Fischer das elterliche Haus verließ, denn Oberstorf, obwohl nur ein kleiner Flecken, besaß eine recht tüchtige Zeichnungsschule, welche der Vater der Brüder Schraudolph dort gegründet hatte. Den Eltern müßte die Beschäftigung ihres Kindes natürlich als nicht viel mehr denn eine Liebhaberei erscheinen, sie konnten daher auch von ihrem Standpunkte aus kein größeres Gewicht darauf legen. Weil nun aber im Hau­se des Landmanns alle Arbeit und zwar, den Kräften jedes Einzelnen entsprechend, auf Alle, die zum Hause gehören, vertheilt zu sein pflegt, so blieb dem Knaben an Werktagen nur jene Zeit übrig, um über dem Zeichnen zu sitzen, welche dem Be­ginn der häuslichen Arbeit vorausging. Er stand deshalb an Sommertagen schon vor der Sonne auf, um sich seinem Drange hinzugeben und ging dann mit den An­dern gleichmäßig auf die Arbeit. Dagegen gehörten denn auch die Sonn- und Fei­ertage ihm ungestört, wenn er, was er in seinem frommen Gemüthe gar gern that, dem Gottesdienste beigewohnt hatte. An Claudius Schraudolph aber fand er einen lieben Freund und treuen Genossen seiner Bestrebungen, der sie mit ihm in und außer der von beiden gemeinschaftlich besuchten Schule theilte.

Seiner Freundschaft mit dem jüngern Schraudolph verdankte Fischer auch den nächsten Anlaß zur Uebersiedelung nach München und zum förmlichen Uebergan­ge zum Künstlerleben, welche im Jahre 1830 erfolgten. Professor Schlotthauer hat­te einige Jahre vorher den längere Zeit in sich getragenen Gedanken einer künstle­rischen Reproduktion des Todtentanzes von Holbein in’s Werk zu setzen begonnen. Hofrath Gotthelf Heinrich von Schubert hatte die Vorrede und charakteristischen Reime dazu geschrieben und in dem jungen talentvollen Hoecherl war eine Kraft gewonnen worden, ganz geeignet, Holbein’s kostbare Arbeit trefflich wiederzuge­ben. Da war Hoecherl nach kurzer Krankheit seinem plötzlich bemerkbar geworde­nen Lungenleiden erlegen und so sah sich Schlotthauer genöthigt um die Subscri­benten zufrieden zu stellen und das unternommene Werk zu Ende zu führen, sei­nen Freund Johann Schraudolph um die Fortsetzung der Arbeit anzugehen. Dieser unterzog sich zwar derselben gerne, aber als er kurz darauf berufen war, unter Heinrich Heß die für die Allerheiligen-Hof-Kapelle bestimmten großen Cartons zu zeichnen und hierauf auch noch in Fresko auszuführen, mußte er jene Arbeit wieder aufgeben Auf seine Empfehlung hin ging der Auftrag an seinen Bruder Claudius über, der seinerseits wieder seinen Freund Fischer dabei in Thätigkeit setzte. Die dem Herausgeber von ihnen gemeinschaftlich vorgelegten Proben gefielen in so hohem Grade, daß beide sofort mit der Fortsetzung betraut wurden. Diese war aber wohl nur in München thunlich, und so wanderten denn die Freunde nach der neuen Kunst-Metropole. Dem vereinten Fleiße gelang es bald, die Aufgabe zu be­wältigen. Nach vollendeter Arbeit kehrte Fischer nicht mehr in seine Heimath in den Bergen zurück, sondern blieb als Schüler der Akademie unter Schlotthauer’s besonderer Leitung in München. Seine Fortschritte waren so ungewöhnlich rasch, daß er schon zu Anfang des Jahres 1832 mit Dr. Ernst Förster und Claudius Schrau­dolph in’s gelobte Land der Kunst zu gehen unternehmen durfte. Die Freunde ar­beiteten dort als Gehilfen Förster’s, dem der damalige Kronprinz Maximilian von Bayern den Auftrag ertheilt hatte, die bedeutendsten Werke altitalienischer Kunst in getreuen Copien zu sammeln. Claudius Schraudolph kehrte früher zurück, Fi­scher aber verblieb bis zum Jahre 1833 bei Förster und durchwanderte mit ihm Ober- und Mittelitalien, immer seiner bisweilen sehr schwierigen Aufgabe oblie­gend und immer mit feinstem Gefühle in den Geist seiner Originale einge­hend.

Aus Italien zurückgekehrt, arbeitete Fischer einige Zeit bei Schlotthauer. Dieser Pe­riode seiner künstlerischen Thätigkeit gehören die nebst zwei Zeichnungen von sei­ner Hand im Besitze des Hof-Vergolders Radspieler in München befindliche »Heim­suchung Mariä« und zwei in Relief ausgeführte Engel in der Kirche bei Erfding in der Nähe von Landsberg in Oberbayern an.

Damals waren dem Prof. Heinrich von Heß die Cartons zu den großen Glasgemäl­den der Auerkirche übertragen worden. Die Arbeit war zu umfangreich, als daß des einen Künstlers Kraft zu ihrer Durchführung hätte hinreichen können. H. Heß trat demzufolge mit dem kunstverwandten Joh. Schraudolph in Verbindung, dem er ei­nen Theil der Aufgabe überließ. Prof. Schraudolph, seinerseits anderwärtig in An­spruch genommen, zog nun Fischer hinzu, und dieser zeichnete darauf unter Schraudolph’s Leitung zunächst die Cartons »die Geburt Christi«, »den Tod Mariä«, die »Kreuztragung«, und »die Grablegung«. Als diese vollendet waren, übertrug H. Heß eine weitere Reihenfolge von Cartons für die nemliche Kirche Fischer zur allei­nigen und selbständigen Herstellung ohne Beiziehung Schraudolph’s. Sie wurden wie die ersten in Farben ausgeführt und behandeln nachbezeichnete Gegenstände: »Die Heimkehr Joachim’s«, »die Geburt Mariä«, »die Vermählung Mariä mit Josef«, »die Verkündigung«, »die Heimsuchung«, »den Abschied Christi von seiner Mutter vor der Kreuztragung«, »die Flucht nach Egypten« und »den Tempelgang Mariä.« Letztgenannter Carton trifft bereits in das Jahr 1840.

Dabei blieb ihm noch Zeit für mehrere kleine Staffeleibilder übrig und auch in Glas­malerei führte er ein Paar Figuren aus. Um dieselbe Zeit zeichnete er für den Her­zog von Leuchtenberg einen Carton der »Maria mit dem Kinde« zwischen zwei Hei­ligen zeigte.

Wie schon bemerkt, hatte Fischer gelegentlich auf seiner Reise mit Dr. Förster nur Ober- und Mittel-Italien kennen gelernt. Er war nicht über Florenz hinausgekom­men, und was er dort gesehen, hatte nur seine Sehnsucht nach Rom gesteigert. Er machte sich daher nach Vollendung der großen Cartons und nach Ordnung anderer Angelegenheiten im Anfange des Jahres 1843 neuerdings auf den Weg über die Alpen, eilte nach der ewigen Stadt und verblieb dort bis zum Frühlinge des nächst­folgenden Jahres. Fischer pflegte diese Zeit die glücklichste seines ganzen Lebens zu nennen. Sie theilte sich zwischen dem ernstesten Studium der Alten, unter de­nen besonders Fiesole es war, dessen Werke voll Innigkeit das verwandte Gemüth Fischer’s lebhaft angezogen, und eigenem angestrengten Schaffen. Darin ließ er sich auch durch ein öfter eintretendes körperliches Leiden nur in beschränktem Maße beirren; es bestand in heftigem Kopfschmerz, dem in der Regel Erbrechen folgte.

Als eine Frucht seines Aufenthalts in Rom, wo er sehr zurückgezogen lebte und für seine streng kirchliche Richtung neue Anhaltpunkte gewann, erscheint seine »Heimsuchung Mariä«, die er nach seiner Heimkehr nach Deutschland in München vollendete und welche in den Besitz des Malers Schwarzmann gelangte.

König Ludwig stiftete um jene Zeit eine Anzahl von – Fensterbildern für den Dom zu Cöln. Heinrich von Heß, der den bezüglichen Auftrag erhalten hatte, übertrug drei der dahin gehörigen Cartons Fischer. Er unterzog sich dieser Arbeit mit dem Eifer, der ihn immer beseelte und dem nur seine innerste Hingebung an den Ge­genstand gleichkam, in dem er eine neue Gelegenheit fand, den Herrn, seinen Gott, zu preisen, an dessen Lehre er mit kindlich reinem Gemüthe hing. Hatte Fi­scher schon durch seine bisherigen Leistungen die Aufmerksamkeit der Kenner in hohem Grade auf sich gelenkt und dem Vertrauen allseitig entsprochen, das ihm zu Theil geworden, so trat er mit den neuen Cartons unzweifelhaft in die Reihe der ersten Künstler der Gegenwart ein. Er führte dieselben gleichfalls in der Größe der Gemälde und in Farben aus. Die ihm gegebenen Stoffe waren: »die Predigt Johan­nes des Täufers«, »die Anbetung der Könige und Hirten«, die »Kreuzabnahme«, »die Ausgießung des heiligen Geistes«, »die Steinigung des Stefanus,« wozu noch eine Anzahl kleinerer Bilder über und unter den Hauptgemälden kamen. Fischer vollendete diese Arbeiten im Jahre 1848. Neben der hohen Bedeutung des Stoffes, der einen Künstler wie Fischer ganz in Anspruch nehmen mußte, waren noch man­che äußere Umstände wohl in’s Auge zu fassen und manche durch sie bedingte Schwierigkeiten zu überwinden. Vor Allen mußten nemlich die Compositionen mit dem kolossalsten Werke, das deutsche Baukunst je schuf, in Einklang gebracht werden, ohne sich andrerseits diesem Stile gar zu streng anzuschließen. Es galt, die rechte Mitte zu halten, alte und neue Kunst zu verbinden und dabei weder den Standpunkt der Gemälde, noch auch den unabweislichen Anspruch auf glanzvolle Farbengebung außer Acht zu lassen. Die architektonischen Theile der Gemälde, welche in der berühmten Glasmal-Anstalt in München von Sutner, Biller, Sonner und J. B. Müller ausgeführt wurden, sind von dem Vorstand dieser Anstalt, Aumiller ge­zeichnet. Fischer ward für diese ausgezeichneten Leistungen von der königlich preußischen Regierung mit der großen goldenen Medaille für bildende Kunst ge­schmückt.

Mit diesen Cartons schloß Fischer die Reihe derjenigen seiner Arbeiten ab, welche bestimmt waren, mittels der Glasmalerei zur Ausführung zu kommen. Er wendete sich nun mit großer Entschiedenheit der Oelmalerei zu, worin er sich schon früher, und zwar unmittelbar nach Vollendung seiner Cartons für die Maria-Hilf-Kirche in der Vorstadt Au, mit einer »Flucht nach Egypten« und einem »Engelgruß«, versucht hatte, beide nach den für die genannte Kirche gezeichneten Cartons gemalt. Er nahm die Oelmalerei um das Jahr 1848 wieder in Angriff, sich technische Studien sammelnd zu einem großen Gemälde, »die Grablegung Jesu Christi.« Aus dieser Zeit stammt eine weitere »Flucht nach Egypten« und »Simeon und Hanna im Tem­pel.« Als seine »Grablegung« vollendet war, wurde der Künstler durch deren Auf­nahme in die neue Pinakothek in München geehrt, für welche sie König Ludwig so­fort erworben hatte. Fischer ging mit Eifer unmittelbar darauf an eine »Kreuzab­nahme«, welche er indeß gleichwohl erst später auszuführen vermochte. Diese Un­terbrechung wurde nemlich dadurch herbeigeführt, daß ihm die Fürstin von Na­rischkin den Auftrag ertheilte, für ihre Hauskapelle in Odessa ein gegen 20 Fuß ho­hes Altarbild zu malen. Obwohl die Fürstin zuerst nur eine Copie der berühmten »Himmelfahrt Mariä« von Murillo aus der Galerie des Marschall Soult gewünscht hatte, ging sie doch bald von diesem Gedanken ab, und Fischer malte nun jenes herrliche Bild: »Maria zwischen sechs Engeln zum Himmel schwebend.« Es ist be­kannt, welchen ungewöhnlichen Erfolg diese Arbeit in Kunstkreisen fand, weniger aber dürfte der Umstand bekannt geworden sein, daß die Fürstin, von Entzückung hingerissen, des Künstlers gottbegnadigte Hand küßte.

Nun kehrte Fischer zu seiner »Kreuzabnahme« zurück, der sich eine »Grablegung« und eine »Geburt Christi« anschloß. Zur nemlichen Zeit erhielt einer seiner Freunde die ehrenvolle Bestellung zweier Fresko-Gemälde für die Kirche Stony-Heart in Bre­ston. Er theilte sich mit seinem Freunde Fischer in die Aufgabe und dieser zeichne­te auch sofort einen Carton aus dem Leben des heil. Ignatius. Im nächsten Frühjah­re, als Beide zur Ausführung ihrer Arbeit nach England abreisen wollten, erkrankte Fischer plötzlich so schwer, ja lebensgefährlich, daß an seiner Stelle ein anderer Künstler das Werk vollenden mußte.

Fischer hatte die letztbezeichneten drei großen Bilder ohne Bestellung gemalt und sie blieben sein Eigenthum. Es war eine schwere Zeit für den Künstler. Seit er die »Himmelfahrt Mariä« für die Fürstin Narischkin gemalt, waren nicht weniger als fünf Jahre und darüber verflossen. Man rühmte seine Arbeiten, aber Niemand kaufte sie, Niemand gab ihm neue Aufträge; dazu kam, daß er fast fortwährend körperlich litt. So groß Fischer’s Gottvertrauen und Ergebenheit war, manchmal war er nahe daran an seiner Zukunft zu zweifeln und nur die Liebe zur Kunst, die ihm Alles war, brachte ihn von dem Gedanken ab, seinem Berufe ganz zu entsagen. Da in der Stunde der höchsten Noth war die Hilfe am nächsten. Der kunstsinnige Bischof Heinrich von Passau, der, als er noch der juristischen Laufbahn folgte, mit ihm ein und dasselbe Haus bewohnt hatte, erinnerte sich seiner und erkundigte sich bei dessen Freund, dem Bildhauer Knabel, den er eben mit Aufträgen betraut hatte, nach seiner Lage. Knabel nahm daraus Veranlassung, dem Bischöfe auseinanderzu­setzen, wie Fischer’s rastloses Streben weit weniger Beachtung fände, als es ver­diente, und wie das Publicum überhaupt sich der Richtung der Kunst, der Fischer folgte, mehr und mehr entfremde, wie der Künstler seinen körperlichen Leiden und tiefem Seelenschmerze zu erliegen drohe, und wie wenig Hoffnung gegeben sei, daß die Verhältnisse sich zum Besseren wenden würden. Die Folge dieser Unterre­dung war, daß der Bischof nicht blos die bezeichneten drei Bilder sofort erwarb, sondern auch noch die Bestellung zweier neuer hinzufügte.

Fischer, mit einem Male aus so großer Trübsal erlöst, schien neugeboren und ging, trotz zerstörter Gesundheit, ohne Saumsal an die neue Arbeit. In kurzer Frist ward die »Kreuzschleppung Christi« vollendet; auch den Carton zur »Anbetung der Köni­ge« vermochte er noch herzustellen. Aber nun brachen seine mühsam zusammen­gehaltenen Kräfte unaufhaltsam zusammen.

Der talentvolle Baumeister Berger, der Restaurator der Frauenkirche zu München, fand ihn auf dem Krankenlager, als er zu ihm kam, um ihn zur Uebernahme der Bil­der für den neuen Hochaltar der genannten Kirche aufzufordern. Berger hätte ge­wiß keine bessere Wahl treffen können, doch Fischer war sich bewußt, daß er sei­nem Ende nahe. Hocherfreut durch den ruhmvollen Auftrag mußte er ihn doch ab­lehnen, und derselbe ging in Folge dessen an M. v. Schwind über. Zu Anfang des Jahres 1859 schien es, als ob in seinem Befinden einige Besserung eintreten wollte. Er zeichnete in dieser Zeit, mit einer wahrhaft rührenden Hingebung an seinen Stoff, eine »Geburt Mariä«, einen »englischen Gruß« und eine »Anbetung der Wei­sen.« Diese Federzeichnungen waren das Letzte, was der Künstler schuf. Er starb am 20. März 1859, sohin im kaum begonnenen 45. Lebensjahre, ruhig bei vollem Bewußtsein.

Es ist schon oben davon Erwähnung gemacht worden, daß Fischer oft sehr leidend war. Das Uebel schien seinen Sitz im Magen zu haben und war äußerst schmerzhaf­ter Natur. Nach einem höchst gefährlichen Anfalle, der ihn im Jahre 1848, fern der Heimat, aber im Hause seines treuen Freundes Hellwegen zu Brunnecken in Tyrol, traf, war seine Gesundheit völlig zerstört und fast jährlich warf ihn sein Leiden auf längere Zeit auf’s Krankenbett.

In Fischer’s Seele war der tiefste Friede. Seine Werke sind der Abglanz seiner See­le. Seine Stellung zwischen den Parteien der Idealisten und Realisten war eine nichts weniger als beneidenswerthe. Die Einen verleugneten ihn, weil er es in star­ker Selbständigkeit wagte, die Fesseln der Convenienz zu brechen, die über eine gewisse Süßlichkeit der Auffassung und eine krankhafte Mattigkeit des Colorits sich nicht aufzuschwingen vermochte. Die Andern wollten keinen Theil an ihm ha­ben, weil sie ihm über der leuchtenden Harmonie seiner Farbe gleichwohl die Strenge seiner Composition, den heiligen Ernst und die süße Inbrunst seiner Emp­findungen nicht vergessen konnten. Mit hohem Sinne für das Schöne begabt, ver­stand er es, seine Gestalten auf’s Feinste zu idealisiren und in ihnen den tiefen Frie­den seines Gemüthes, die ungetrübte Stimmung, das unwandelbare Vertrauen sei­ner Seele abzuspiegeln. Es ist nichts Gemachtes an ihnen, wir leben in ihrem An­schauen der Gewißheit, daß sie so und gerade so, wie der Künstler sie schuf, leb­ten und webten. Sie sind immer objectiv gedacht, in der Reinheit und Schönheit ih­rer Form tritt uns der reichste Wechsel, der auf’s mannigfachste abgestufte Aus­druck ihres inneren Wesens entgegen. Der strenge Ernst, der alle Arbeiten Fi­scher’s durchweht, wird durch die überirdische Lieblichkeit seiner Engel und Seli­gen verklärt und gemildert. Die Linien seiner Kompositionen sind von untadelhafter Harmonie und Klarheit, seine Farbengebung ist leuchtend und manchmal geradezu prächtig Seine warme Empfindung überschritt nie die Grenzen, welche ihr ein scharfblickender Verstand anzuweisen nöthig fand; er wird ebenso wenig sentimen­tal als trocken.

Es gab wohl kaum je einen Künstler von so bedeutender Begabung, dem auch nur die leiseste Spur von Eitelkeit und Selbstüberhebung so ferne lag als ihn. Lob, es mochte offen oder versteckt ausgesprochen werden, glitt an ihm wirkungslos ab. Seine Bescheidenheit ging nach dem Dafürhalten seiner intimsten Freunde manch­mal weiter, als ihnen zweckmäßig schien. Eine Klage kam nur höchst selten über seine Lippen, und wie viel Grund hatte er doch zu klagen, er, der jahrelang verges­sen schien, während Anderen die schönsten und lohnendsten Aufträge zu Theil wurden! Und geschah es ja einmal, daß er Reue über den eingeschlagenen Lebens­weg zu empfinden schien, so war es nichts weiter als eine rasche Aufwallung seines bald wieder in’s stille alte Geleis zurückkehrenden harmlosen Gemüthes. Schweig­sam und ernst konnte er in der fröhlichsten Gesellschaft wohl stundenlang wenig oder gar keinen Antheil an dem Gespräch nehmen, aber in seinem innigen Auge spiegelte sich die allgemeine Heiterkeit ab, die ihn umgab. Dabei war er aufopfe­rungsfähig und der treuste Freund. In den letzten Jahren lebte Fischer ziemlich ab­geschieden, früher hatte er in ziemlich lebhaftem Verkehr mit Dichtern und Künst­lern gestanden, als mit Ludwig Schwanthaler, Franz Graf Pocci, Clem. Brentano, Friedrich Beck, und Andern.

Es folgten ihm Viele zur letzten Ruhestätte, darunter auch Mancher, dem sein Inne­res sagen mochte, daß es nun zu spät wäre, das gut zu machen, was er an dem ein­fachen, anspruchslosen und kindlich vertrauenden Gemüthe des Künstlers gesün­digt hatte. Das Rührendste aber war der Anblick seiner greisen Mutter, ihm unver­kennbar ähnlich an den Zügen des Antlitzes, welche auf die Nachricht von seiner gefährlichen Erkrankung nach München geeilt, gleichwohl aber zu spät gekommen war, ihrem geliebten Sohne die Augen zu schließen.

Carl Albert Regnet: Münchener Künstlerbilder I. Leipzig, 1871.


14-02-28 (Fischer)