Münchener Künstlerbilder (1871) / t_75

Knud Baade,
Marinemaler.

In dem Zusammenflusse künstlerischer Kräfte, welcher in der Regierungszeit Lud­wig I. nicht blos für München, sondern für die Welt eine so außerordentliche Be­deutung gewann, ist auch der Norden Europa’s nicht ohne Vertreter geblieben. Dä­nemark, damals noch in tiefem Frieden mit Deutschland lebend, sandte seinen Storch, Tank, Simonsen u. A., Schweden seinen Bocklund, Eckmann, Norwegen sei­nen Baade.

Nur der Süden glaubte des neuen Kunstlebens an der Isar völlig entbehren zu kön­nen und ging auch dann seine eigenen Wege, als Männer wie Cornelius und Kaul­bach nach Italien gezogen waren, um sich am Anblick des Größten was die alte und neue Kunst geschaffen zu kräftigen. Der Süden glaubte damals wie heute der frem­den Führer entbehren zu können; wohin er dabei gelangt, haben unter Anderem auch die italienischen Bilder in der Münchener internationalen Ausstellung des Jah­res 1869 gelehrt.

Knud Baade ist auf dem Pfarrhofe Skiold im südlichen Norwegen am 28. März 1800 geboren und der Sohn eines damaligen Advocaten. Die Neigung zur Bilderei, wel­che schon früh in dem Knaben hervortrat, wurde von seiner Mutter Vater, einem Pfarrer, gepflegt und aufgemuntert. Als er fünfzehn Jahre alt geworden, schickte ihn sein Vater nach Bergen, damit er sich dort für seine künftige Laufbahn als Künstler wenn auch nicht aus-, so doch vorbilde. Allein der Gewinn, den der junge Baade aus dem Unterricht eines Mannes zog, der sich wenig um den Schüler be­kümmerte, konnte nur ein unbedeutender sein. So zog er es mit Recht vor, so weit es gehen wollte, auf eigene Hand zu arbeiten. Das war freilich ein bedenklicher Weg. Dazu kam daß die Vermögens-Verhältnisse Baade’s keine günstigen waren. Doch wo die Noth am größten, ist die Hilfe am nächsten. Der junge aus gutem Hause stammende Mann mit seinem stillen bescheidenen Wesen hatte die Auf­merksamkeit einiger Männer erregt, welche Interesse für die Kunst mit hervorra­gender sozialer Stellung verbanden. Sie boten ihm die Mittel an, welche die Reise nach Kopenhagen und der erste Aufenthalt daselbst erheischten.

Es bestand für Baade kein Grund ein so wohlmeinendes Anerbieten abzulehnen und so verließ er, neunzehn Jahre alt, 1827 Bergen und ging nach Kopenhagen, um daselbst als Schüler an der Kunstakademie einzutreten. Drei Jahre lebte er dort un­ter mancherlei Entbehrungen, dann war es ihm nicht länger mehr möglich die zum Aufenthalte nöthigen Mittel zu beschaffen und er sah sich gezwungen in sein Vaterland heimzukehren, zunächst sich nach Christiania wendend, wo er sich mit Portraitmalen durchhalf.

Bald nach seiner Rückkehr nach Norwegen trat ein Ereigniß ein, welches über seine ganze Zukunft entscheidend werden sollte. Im Jahre 1831 wurde nemlich sein Vater Landrichter (Sorenskriver) in Indresogn im Stifte Bergen. Der Sohn folgte ihm dahin und sah sich mit einem Male in Mitten einer gewaltigen und bedeutenden Natur, die ihn sofort zu Studien aufforderte.

Zwei Jahre später fand sich die Gelegenheit einer unentgeltlichen Reise nach Drontheim, woselbst Baade einen Seeoffizier kennen lernte, der ihn einlud mit ihm nach dem Norden des Landes zu gehen, wo er Küstenmessungen auszuführen hat­te. Baade nahm die bedeutsamen Erscheinungen mit offener Seele auf und kehrte erst im nächsten Jahre mit zahlreichen Studien in seinen Portefeuilles zu seinen El­tern zurück. Den tiefsten Eindruck aber hatte der Anblick der Mitternachtsonne auf den jungen Künstler gemacht und er versuchte selben später zu öfteren Malen in Bildern zu verwerthen.

Ein glücklicher Zufall wollte, daß gerade um diese Zeit der ausgezeichnete Land­schaftsmaler Johann Christian Dahl, ein geborener Bergener, von Dresden, wo er sich 1818 niedergelassen hatte und zum Professor an der dortigen Akademie er­nannt worden war, einen Besuch in Baade’s neuer Heimat machte. Dahl munterte Baade auf nach Dresden zu gehen und dort seinen Studien obzuliegen. Des Letzte­ren Verhältnisse aber gestatteten ihm nicht dem freundlichen Rathe sofort zu fol­gen, wie sehr er es auch wünschte, hielten ihn vielmehr noch bis zum Jahre 1836 zurück.

In Dresden von Dahl freundlichst aufgenommen, arbeitete er bis 1839 unter dessen spezieller Leitung. In diesem Jahre aber zwang ihn ein unter bedenklichen Erschei­nungen auftretendes Augenübel, seine Studien abzubrechen und nach der Heimat zurückzukehren, wo er nun gegen vier Jahre im elterlichen Hause verblieb.

Endlich wendete sich sein Leiden so entschieden zum Besseren, daß er zur Aus­übung seiner Kunst zurückkehren konnte und er ging 1840 zunächst wieder nach Dresden, um zwei Jahre später nach München überzusiedeln, das er seither nur mehr verließ um zu öfteren Malen Studienreisen nach seiner Heimat zu machen.

Das sogenannte Romantische einer Gegend, sagt Goethe in seinen Maximen, ist ein stilles Gefühl des Erhabenen unter der Form der Vergangenheit, oder was gleich lautet, der Einsamkeit, Abwesenheit, Abgeschiedenheit.

Indem er mit diesen wenigen Worten nach seiner tiefen Weise das Richtige er­schöpfend ausspricht, lehrt er uns zugleich, daß wir im Irrthume sind, wenn wir mit dem Begriffe des Romantischen Nebenbegriffe verbinden und ihnen gleichen Werth mit jenem beilegen, während sie doch nur von zufälliger und untergeordne­ter Bedeutung sind. So hat man sich vielfach gewöhnt, das Element des Sentimen­talen, das der Natur völlig fremd ist, aus der Sphäre des Gemüthslebens in jenen Begriff hineinzuziehen und dabei nicht beachtet, daß man diesen damit in seiner Wesenheit nothwendig abschwächen müsse. Dies gilt namentlich von Mondnäch­ten und zwar in der Natur wie im Bilde. Weil sich an das glanzvolle Tageslicht fast unabweislich die Empfindung des Heiteren, Lebensfrischen knüpft, meinte man mit dem Mondlichte um seiner Blässe und verhältnißmäßigen Schwäche willen den Ge­danken des Wehmüthigen oder doch Empfindsamen verbinden zu müssen.

Dem aufmerksameren Beobachter der Natur kann es aber nicht entgehen, daß die­se Anschauungs- und Empfindungweise zum weitaus größeren Theile conventionel­ler Natur ist. Aber wir liegen Alle unendlich fester in den Fesseln des Conventionel­len, des Hergebrachten, als wir uns klar machen oder auch nur klar machen wollen. Was insbesondere das Mondlicht anlangt, so zeigt uns die tägliche Erfahrung zur Genüge, daß wir dessen ganz gut entbehren können, um den Eindruck des Roman­tischen in uns aufzunehmen. Ja, es wirkt gerade mancher Gegenstand, in der Wirk­lichkeit wie im Bilde, doppelt schwermüthig auf uns, wenn die Düsterkeit seines Wesens uns im vollen Glanze der Sonne entgegentritt. Wer daran zweifelt, mag sich die Frage beantworten, ob der Anblick eines mondbeschienenen Landhauses ihn wehmüthig und ernst, ob der eines ausgebrannten vulkanischen Kraters im Son­nenlichte heiter stimmt.

Der wirkliche Künstler ist allezeit Dichter und wie dieser auf die Darstellung ange­wiesen, die im Wetteifer mit der Wirklichkeit gipfelt. Das Ziel dieses Wetteifers aber ist eine solche Belebung ihrer Schilderungen durch den inwohnenden Geist, daß sie für jedermann als gegenwärtig gelten können. Hat die Poesie und ebenso die Kunst diesen Gipfelpunkt erreicht, so erscheint sie als vollkommen objectiv, während sie als sentimentale immer subjectiv bleibt.

Baade nun wählt mit besonderer Vorliebe die Natur seines nordischen Vaterlandes, das an Großartigkeit und Eigenthümlichkeit der Gestaltung den Alpen nicht nach­steht, ja in mancher Beziehung sie sogar übertrifft. So sind besonders die Fjor­de bedeutsam, welche zwischen hohen Felseninseln und schroffen Wänden viele Meilen weit in’s Land hineinschneiden. Auf beiden Seiten derselben erheben sich Felsen zu steiler, furchtbarer Höhe, um dann lieblichen Thälern mit Fruchtgärten und Häusern und rauschenden Bergströmen zu weichen, die sich schäumend in’s Meer stürzen. Dort und da tritt auch wohl eine einzelne Säule von der Felsenmasse getrennt in’s Thal hinein, daß dem, der sich dicht unter sie stellt und die Augen er­hebend den blauen Himmel und die fliegenden Wolken über sich betrachtet, wohl däucht, als schwanke die Masse und drohe auf ihn herabzustürzen, und daß ihn ein seltsamer Schwindel ergreift und er den Augenblick kommen zu sehen glaubt, in welchem die schroffen Felsen, die da, wo sie von der unermeßlichen Höhe über die See hervorragen, nach allen Richtungen geborsten sind, krachend in den Fjord her­einstürzen. Die Natur tritt in mächtiger, ruhender Masse hervor, kalt, einförmig, stumm und dennoch seltsam drohend, und die Menschen erscheinen, von diesen Massen umgeben, einer übermächtigen erstarrten Natur preisgegeben. Aber diese herbe, farbenlose Decke schmilzt und durchrieselt das Gras und die Bäume und nährt die Blumen und das empfängliche reiche Gemüth des Volkes das dort wohnt, daß es heimisch wird und all den drohenden Schrecken vergißt, und daß selbst der Schnee nicht mehr als ein Leichentuch erscheint, das den zerrissenen Felsenleich­nam der Natur einhüllt, sondern als wärmende Decke, die sie schützend umgiebt.

Baade führt uns zwar nur ausnahmsweise so weit in die Fjorde hinein, daß wir uns der dort grünenden Wiesen und der im Luftzuge zitternden schlanken Birken er­freuen dürfen, aber wir ahnen doch auch in den Bildern der felsigen Ufer, der rol­lenden Sturzwellen der See den geheimnißvollen Zug seines Herzens, das mit allen Fibern an der fernen Heimat hängt.

Seit Christian Morgenstern heimging, lebt kein Künstler mehr in Deutschland, der sich Baade an die Seite stellen dürfte, wenn es gilt das Meer zu schildern, wie es, tief aufgewühlt, sich in berghohen Wogen erhebt und mächtige Schiffe wie dürre Blätter hin- und herschleudert, oder wie es brandend an die Klippen schlägt, daß der schäumende Gischt hoch aufspritzt und mit den Wassern des Himmels sich eint. Phantastische Wolkengestalten ziehen in rasender Eile über den Himmel, in wilder Jagd sich drängend, einholend und zu neuen Gestalten verbindend. Man hört das Heulen des Sturmes, das Brüllen der entfesselten See, die sich in grauen­vollem Kampfe begegnen. Das unsichere, ungewisse Mondlicht zuckt auf den Wel­len und läßt die Schrecken des nahen Ufers noch schrecklicher erscheinen, indem es sie halb enthüllt und halb deckt.

Dann versetzt uns der Künstler hinaus auf die offene See. Der Himmel ist nur mäßig bewölkt und wie das Meer vom vollen Lichte des Mondes übergossen, das weithin breit auf den Wellen liegt. Aber dieser Friede ist nur ein scheinbarer. Die See hat den uralten Kampf mit dem Menschen und seiner Kunst fortgekämpft und ist wie­der einmal Siegerin geblieben: dicht im Vorgrunde ragen die letzten Trümmer eines gestrandeten, von den rastlos anschlagenden Wellen zerschellten Schiffes hervor, um nach einigen Stunden spurlos zu verschwinden.

Und dann stehen wir mit dem Strandwächter hoch auf der in’s Meer springenden Landzunge und spähen gleich ihm über die unbeweglich ruhende unendliche Flä­che hinaus, die wie ein Spiegel das Mondlicht widerstrahlt.

Mag uns aber Baade an die sturmbewegte oder an die ruhige See führen, mag sich der Himmel klar und hell darüber wölben oder mögen wilde Wolkengestalten uns schrecken, immer ist es das Bedeutende, Einsame, Erhabene, was uns mächtig an­regt und uns in »romantische« Stimmung versetzt, die frei ist von aller Sentimentali­tät wie von allem Gemachten, weil der Künstler in seiner Begeisterung für die ech­te und wahre Kunst es verschmäht mit den Mitteln der Uebertreibung und der Un­wahrheit zu wirken und sowohl bei der Wahl seiner Stoffe als der Behelfe der Tech­nik mit der lobenswerthesten Sorgfalt und Genauigkeit zu Werke geht, die ihren Lohn nicht im Urtheile der Menge, sondern in dem Bewußtsein findet, das Rechte angestrebt zu haben.

Wer aber das thut und dabei von einem Verständnisse der Natur, von einem Gefühl für Form und Farbe geleitet wird, wie uns selbe bei Baade entgegentreten, der muß den Besten seiner Zeit genügen und damit sich für alle Zukunft einen ehren­vollen Platz in der Kunstwelt sichern.

Carl Albert Regnet: Münchener Künstlerbilder. Ein Beitrag zur Geschichte der Münchener Kunst­schule in Biographien und Charakteristiken. Leipzig, 1871.


35-06-01 (Baade)