Münchener Künstlerbilder (1871) / t_1685

Josef Schertl,
Landschaftsmaler.

Angesichts der in unseren Tagen zur Mode gewordenen, manches Mal haarscharf an die Grenze des Schicklichen streifenden, eigenen Werthschätzung und beglü­ckenden Selbstzufriedenheit, sowie der vielgestaltigen Reclame, möchte man Schil­ler’s Worte von der »besten Frau« analog auf einen Künstler in Anwendung brin­gen, dessen schöne Erfolge im Kreise wirklicher Kenner seiner liebenswürdigsten Bescheidenheit keinen Abbruch thun konnten und der auch durch sein bestes Werk nicht zufrieden gestellt ward. Schertl’s Bescheidenheit war für unsere Zeit strenge genommen gar nicht am Platze; eine Anschauung, welche er freilich nicht gelten lasten wollte, weil sie mit seinem ganzen schlichten Wesen in Widerstreit war. Ohne sie wäre indeß sein rastloses Streben unmöglich geworden und so wäre die Kunst­welt um einen Mann wie Schertl ärmer geblieben, wenn auch in seinen persönli­chen Verhältnissen sich vielleicht Manches anders gestaltet hätte.

Josef Schertl war am 10. Januar 1810 in der ehemaligen freien Reichsstadt Augs­burg geboren, woselbst sein Vater damals die Stelle eines kgl. bayerischen Zoll-Ober-Inspectors bekleidete. Der Sohn sollte, wenn auch nicht in der gleichen Bran­che, wie der Vater, seine Carriere machen, so doch jedenfalls in den Staatsdienst treten und begann seine wissenschaftlichen Studien an den Lehranstalten seiner Vaterstadt, um sie später in Würzburg fortzusetzen. Die Erinnerungen an seine Ju­gend mögen nicht ganz erfreulich gewesen sein, und es scheint an Meinungsver­schiedenheiten zwischen Vater und Sohn nicht gefehlt zu haben. Nachdem dieser ein paar Gymnasialklassen zurückgelegt hatte, trat er mit Einwilligung des Vaters aus und wurde einem Lithografen übergeben, um von diesem in den Anfangsgrün­den des Zeichnens unterrichtet zu werden.Diese Thätigkeit sagte Schertl entschieden mehr zu. Er widmete sich mit großem Eifer dem neuen Fache und erwarb sich, auf ein schon in früheren Jahren hervorge­tretenes Talent gestützt, bald eine ganz achtenswerthe Fertigkeit, jedoch ohne da­durch innerlich befriedigt zu werden, denn sein Sinn war immer darauf gerichtet, in die Kunst des Malens eingeweiht zu werden.

Seine Uebersiedelung nach München, welche in den ersten dreißiger Jahren erfolg­te, führte ihn endlich auf die gewünschte Bahn. Von der kräftigen Strömung des damaligen Münchener Kunstlebens getragen, wendete sich Schertl nun mit Ent­schiedenheit der Landschaftsmalerei zu, welche unter allen Kunstzweigen die größte Anziehungskraft auf ihn ausübte. Damals bildete der Chiemsee die aus­schließende Domäne der Münchener Landschaftsmaler, die auf der Frauen-Insel ihr fröhliches Wesen trieben, und dort war es auch, wo sich ein Ereigniß vorbereitete, das, so unbedeutend es auch an sich war, in seinen Folgen den entscheidendsten Einfluß auf Schertl’s ganzes Leben und Streben gewinnen sollte. Unter dem lusti­gen Malervölkchen befand sich auch der damals schon sehr bekannte Daniel Fohr, der an dem treuherzigen, echt deutschen und verständnißinnigen Wesen des jun­gen Schertl besonderen Gefallen fand und diesen zum Besuche einlud, wenn sie nach München heimgekehrt sein würden.

Schertl fühlte sich durch diese Freundlichkeit des geachteten Künstlers hoch geehrt und fand sich bald bei Fohr ein, welcher damals mit dem Landschafter Christian Morgenstern zusammen wohnte. Hierdurch ward nun seine Bekanntschaft auch mit diesem vermittelt, und bald vereinigte Beide eine eben so herzliche als dauernde Freundschaft. Unleugbar ist Schertl’s Beziehung zu Morgenstern der wichtigste Moment für seine ganze künstlerische Laufbahn geworden. In rückhaltlosestem Umgange und ununterbrochenem geistigen Verkehre mit dem liebenswürdigen Meister wuchs der junge Künstler, von diesem mit sicherer Hand geführt und gelei­tet, selbst zum Meister heran, Beide durch rastloses Ringen und Streben nach dem einen hohen Ziele verbunden und Hand in Hand demselben sich nähernd.

Die meisten Studien aus dieser Zeit behandeln Motive aus der Umgebung Mün­chens, dazwischen weisen einige größere mit Sorgfalt und Pietät gegen die Natur ausgeführte, welche Schertl’s Arbeiten kennzeichnet, auf einen vorübergehenden Aufenthalt desselben im schönen Algäu hin. Dieselben tragen die Jahreszahl 1843 und läßt die Reihenfolge der Daten darauf schließen, daß sich der Künstler von der lieblichen und zugleich großartigen Natur jenes Gebirgslandes, das schon in auffal­lender Weise den Charakter der nahen Schweizerberge trägt, lebhaft angespro­chen fühlte.

Schertl’s Thätigkeit ward bald von schönen Erfolgen gekrönt, seine Stellung in der Münchener Künstlerrepublik eine allgemein geachtete; auch die soziale Seite des Lebens consolidirte sich, und so sehen wir unsern Künstler im stürmischen Jahre 1848 in den ruhigen Hafen einlaufen. Es war ein Fräulein Emma Zeitler, das er heimführte und das ihm einen Sohn und eine Tochter schenkte. Das junge Ehepaar verlebte seine Flitterwochen in Murnau und Polling, angesichts der bayerischen Hochalpen, in der Gesellschaft Morgenstern’s; ein Aufenthalt, der mehrere Bilder vom Staffelsee im Gefolge hatte.

Während der nächsten Jahre verzichtete Schertl auf Studienreisen und beschränkte sich darauf, das in der Umgegend von Polling und Murnau gesammelte reiche Ma­terial zu verwerthen. Das Jahr 1852 führte ihn nach Wasserburg und Trostberg, von wo er mit zahlreichen Studienschätzen heimkehrte. Den Sommer 1854 verlebte er an den reizenden Ufern des Starnberger Sees, an denen auch sein Freund Morgen­stern seinen Aufenthalt genommen hatte. Im darauffolgenden Jahre ging er nach Landsberg und wanderte den Lech hinauf und hinab, dabei Eindrücke für ein grö­ßeres Bild, eine Schlucht bei Landsberg, gewinnend.

Im Jahre 1856 finden wir Schertl am Gestade des Ammersees mit Studien beschäf­tigt, wobei er sein Standquartier im Marktflecken Bayerdießen genommen. Mehre­re in größtem Format gehaltene Zeichnungen aus jener Zeit sind so recht dazu an­gethan, die außerordentliche Gewissenhaftigkeit kennen zu lernen, mit welcher Schertl auf alle Einzelnheiten in der Natur einging, deren keine seinem geübten Auge sich zu entziehen vermochte.

Um jene Zeit machte sich in der Entwicklung Schertl’s ein bedeutender Um­schwung bemerkbar. Es war nichts natürlicher, als daß ein Mann von so schlichtem, bescheidenem und gemüthlich sich anschließendem Wesen wie seines war, von dem Genius Morgenstern’s, mit dem ihn überdies die wärmsten Gefühle der Freundschaft verbanden, in künstlerischer Richtung vollständig beherrscht wurde. Aber gerade der Verkehr mit Morgenstern war es wieder, der Schertl kräftigte und der Vervollkommnung zuführte; denn Morgenstern besaß eine viel zu edle Seele, als daß er seinen Einfluß auf den Freund dazu benutzt hätte, diesen in seiner Ab­hängigkeit von ihm zu erhalten. Er ließ es sich im Gegentheil eifrigst angelegen sein, dahin zu wirken, daß sich Schertl’s schönes Talent möglichst selbständig ent­falte und seine natürlichen Eigenthümlichkeiten erhalte und bewahre. Von jener Zeit an sehen wir Schertl freier und origineller schaffen, wenn auch der Einfluß sei­nes Freundes immer ungestört fortdauerte. War es doch gerade Morgenstern, der sich von Allen, die Schertl im Leben näher standen, dieser größeren und eigenarti­geren Entwicklung Schertl’s am meisten freute.

Das Jahr 1857 wurde ihm ein sehr verhängnißvolles: im Laufe desselben machte sich zum ersten Male jenes körperliche Leiden bemerkbar, welches nach langen Jahren allerdings, aber auch nach vielen Schmerzen, ihm den Tod bringen sollte. Er ward von einer auffallenden Schwerathmigkeit befallen, die seinen ganzen Organis­mus herabstimmte und den an rastlose Thätigkeit gewöhnten Künstler zu lang andauernder Unthätigkeit verurtheilte. Zu seiner Erholung nach Schäftlarn an der Isar, wenige Stunden oberhalb München, geschickt, verlebte er dort einen Theil des Sommers in sehr gedrückter Gemüthsstimmung und entwarf während jenes Aufenthaltes in einer an Schönheiten so reichen Gegend nur wenige Blätter.

Im folgenden Jahre machte Schertl werthvolle Studien in der Hochebene zwischen Rosenheim und dem Chiemsee, als deren bedeutendstes Resultat eine große Com­position mit Motiven von dort erscheint. Man irrt wohl kaum, wenn man dieses Bild, das in den Besitz des k. Professors der Chemie Herrn Dvr. Buchner in Mün­chen überging, für das beste Werk Schertl’s hält.

Im Jahre 1860 treffen wir den Künstler in Miesbach und im Jahre 1861 in Gesell­schaft des Fabrikbesitzers, Herrn O. Forster von Augsburg, im heiteren Zillerthal, wo sich Schertl außerordentlich wohl fühlte. Gleichwohl scheint er dort mehr seiner Erholung als dem Studium gelebt zu haben, wenigstens findet sich in seinem künst­lerischen Rücklasse nichts, was auf eine größere Thätigkeit während jener Tage schließen ließe. Im nächsten Jahre hielt sich Schertl am Walchensee auf, mit einem Freunde seiner Kunst, Herrn v. Zamboni aus Florenz, die herrliche Umgebung durchstreifend. Von den Reizen derselben im höchsten Grade angezogen, wieder­holte Schertl den Aufenthalt daselbst im nächsten Jahre und nahm dort eine Reihe von Eindrücken auf, welche ihn zu den feinsten Bildern begeisterten, die er je schuf.

Das Jahr 1863 brachte neues Leid. Schertl ward plötzlich von heftigem Blutbrechen befallen, welches seinen ohnehin nicht allzu kräftigen Körper zerrüttete und ihn ei­nen ganzen Sommer lang seiner künstlerischen Thätigkeit entzog, während er erst im freundlichen Mühlthal zwischen München und Starnberg, dann am Chiemsee Er­holung suchte.

Im Jahre 1865 lebte er im Kreise der Seinigen in Partenkirchen und im Dorfe Grain­au. Sein Befinden hatte sich inzwischen wieder so bedeutend gebessert, daß vor­erst keine ernstlichen Besorgnisse mehr gegründet waren. Aus jener Zeit stammen zwei treffliche Bilder Schertl’s: das erste eine »Partie aus Partenkirchen«, das andre eine »Partie bei Grainau« darstellend, Jenes erwarb der Banquier Hr. Bonnet in Augsburg, dieses der Münchener Kunstverein. Seinem Aufenthalt im nahen Mitte­wald verdankt das schöne Bild vom »Barmsee bei Krün« sein Entstehen.

Das nächste Jahr verlebte Schertl fast ganz in München und an seiner Staffelei, nur wenige Tage sich auf einer Gebirgstour nach Miesbach und Kufstein erholend. Sein Gesundheitszustand hatte sich mehr und mehr verschlimmert. Das hektische Roth auf seinen Wangen verrieth ein tiefer sitzendes Uebel. Seine Stimme, früher voll und kräftig, hatte ihren Klang verloren und war zu einem halblauten Flüstern herab­gesunken. Die Familie lebte in tiefen Sorgen. Gleichwohl schien sein Leiden im nächsten Jahre weniger vorzuschreiten. Ein kleiner Ausflug nach Partenkirchen, Leermoos und Fernstein erquickte ihn sichtlich. Fernstein mit seinem smaragdenen »Siegmunds-See« lieferte ihm die Motive zu einem seiner köstlichsten Bilder.

Ein den Obersee betreffender Auftrag gab ihm in dem darauffolgenden Jahre 1868 Veranlassung, Berchtesgaden zu besuchen, von wo er durch die Ramsau heimkehr­te, aber nur um seine Familie in dies schöne Thal zu holen, mit welcher er nun wei­tere fünf Wochen verlebte. Wie wohl und behaglich er sich dort fühlen mochte, wie ihm selbst sein altes Leiden dort ferne blieb, das spricht sich unverkennbar in den damals zahlreich gesammelten Studien, den besten und zahlreichsten von seiner Hand, aus. Außer dem im Auftrag eines Kunstfreundes gemalten Bilde »Der Ober­see« malte er, von jenem Ausfluge heimgekehrt, auch noch den »Hinter-See«, wel­chen erst in der jüngsten Zeit der Frankfurter Kunstverein erwarb. Die Nachricht vom Ankauf traf am Tage nach seinem Ableben bei der Familie ein, welches am 8. März 1869 in München erfolgte.

Schertl’s künstlerischer Nachlaß, in mehreren der Vollendung näher oder ferner ste­henden Bildern, in Skizzen und Studien bestehend, ging zum Theil in den Besitz des oben genannten Hrn. O. Forster in Augsburg über, der Rest befindet sich in den Händen seiner Familie und seines Schülers Karl Ernst Morgenstern, des Sohnes sei­nes treuen Freundes Christian Morgenstern, der vor zwei Jahren vorausging in’s Land, »aus deß‘ Gebiet kein Wandrer wiederkehrt.« Morgenstern’s Tod machte ei­nen um so tieferen Eindruck auf Schertl, als derselbe so ganz unerwartet erfolgt war. In ihm hatte Schertl, dessen Gemüth in Folge seines körperlichen Leidens oft tief verstimmt war, einen freundlichen Tröster gefunden, dessen heitere Seele auf ihn lebhaft einwirkte und der mit seiner liebenswürdigen Unterhaltungsgabe oft die gramgefurchte Stirne Schertl’s zu glätten wußte.

Er vermißte den heimgegangenen Freund unsäglich und fühlte sich oft so nervös aufgeregt, daß es ihm, dem ununterbrochenes Schaffen zur zweiten Natur gewor­den, unmöglich war, an seiner Staffelei zu bleiben. Zum Glück waren solche Stim­mungen doch nur selten. Sein Pflichtgefühl einerseits und seine Liebe zur Kunst andrerseits hielten ihn auch im ärgsten Leiden aufrecht und gaben ihm die zum Schaffen nöthige Kraft des Geistes und Ruhe des Gemüthes. Nur so erklärt sich die ungetrübte Frische und Klarheit, welche auch seine letzten Bilder kennzeichnet.

Schertl’s Leben war ganz seiner Kunst und seiner Familie gewidmet. Ohne beweg­teren Verkehr nach Außen war sein Dichten und Trachten, sein Hoffen und Genie­ßen auf die Kreise beschränkt, die von jenen umspannt werden. Arm an Ereignissen von äußerem Belange glich sein ganzes Leben seinen eigenen Bildern oder waren vielmehr diese ein Product desselben: einfach, anspruchslos, nicht in die Augen fal­lend, aber echt und wahr, voll tiefer Empfindung, von dem Feuer einer ewigen Ju­gend durchglüht, von ungekünstelter Anmuth durchweht. Es war ihm nicht gege­ben, durch schlagende Gegenstände zu fesseln, durch grandiöse Auffassung zu be­stechen, durch brillante Technik zu blenden oder ein Bild in wenigen Tagen mit kräftigen und kecken Pinselstrichen hinzuwerfen, wie es die Mode des Tages er­heischt. Was er sich in seiner Seele erdacht, aus der Natur in sich aufgenommen, das trat nur nach langer, mühevoller Arbeit an’s Licht, aber es trug auch das Geprä­ge innerster Wahrheit und eingehendster Liebe zur Sache an sich und legte ein glänzendes Zeugniß ab von der Gewissenhaftigkeit, mit welcher Schertl seiner Kunst oblag. Das Große, Gewaltige in der Natur sprach weniger zu seinem Wesen als das Anmuthige; das Ernste, Düstere weniger als das Heitere. Ueber seinen Bil­dern liegt eine wohlthuende Ruhe, welche der Abglanz ist jener Ruhe in seinem In­nern, die seinen Charakter durchdrang. Seine Farbe ist leuchtend und klar, ohne deshalb an Feinheit zu verlieren. Ganz besonders gelangen ihm herbstliche Stim­mungen, belaubte Höhen in weichen Linien sich hinziehend, stille Seen und heim­lich abgeschlossene Thäler, liebliche, sonnige Gründe, von leicht bewölktem Him­mel überspannt. Voll tiefster Pietät für die Natur suchte er ihr in allen ihren Erschei­nungen gerecht zu werden, hielt er nichts für unbedeutend und werthlos, trieb je­doch diesen Cultus nie so weit, daß er dem Unbedeutenden die Stelle des Bedeu­tenden anwies. Mit seiner seltenen Gewissenhaftigkeit hängt auch seine Technik zusammen, die es liebte, sich dünner Farbe und spitzer Pinsel zu bedienen. Als trefflicher Zeichner erwies er sich nicht blos mit dem Stifte, sondern auch mit dem Pinsel in der Hand und durch Anlage seiner Linien, in der sich ein feiner Sinn für die Schönheit der Form aussprach.

Carl Albert Regnet: Münchener Künstlerbilder. Ein Beitrag zur Geschichte der Münchener Kunst­schule in Biographien und Charakteristiken. Leipzig, 1871.


09-10-13 (Schertl)