Münchener Künstlerbilder (1871) / t_1426

Reinhard Sebastian Zimmermann, Genremaler.

Der Genremaler Reinhard Sebastian Zimmermann ist der Sohn eines unbemittelten mit zahlreicher Familie gesegneten Posamentiers in Hagnau am Bodensee und in diesem im badischen Seekreis gelegenen Orte am 9. Januar 1815 geboren. Bis zu seinem zwölften Lebensjahre besuchte er die Schule daselbst mit nicht besonders günstigem Erfolge. Sein Drang zum Lernen war nur gering und wurde durch das Stockregiment des alten Lehrers nicht größer. Träumerisch und zerstreut kritzelte er lieber mit Griffel, Bleistift und Feder auf Tafel, in Heft und Buch, als daß er dem Unterrichte folgte. So waren Lehrer und Schüler gleich zufrieden, als die Schulzeit abgelaufen war. Daheim oder bei der Arbeit auf dem Felde fühlte sich der Knabe behaglicher und war überall seines guten Herzens wegen gerne gesehen.

Sein Vater hatte sich für sein Geschäft einige Kenntnisse im Zeichnen aneignen müssen und benutzte sie gerne auch anderwärts. Zunächst aber zu Nutz und From­men seiner Kinder. Ein Dorfposamentier hat namentlich zur Winterzeit, wenn auch die Feldarbeit ruht, so manche freie Stunde, oft mehr als ihm lieb ist, und da bos­selte denn der Vater an einer Krippe herum, die, wie das zu geschehen pflegt, all­jährlich an Umfang zunahm. Unser junger Künstler war dabei des Vaters fleißiger Gehilfe und staffirte die Landschaft mit Hirten und Schafen aus Pappe, versuchte sich auch eifrig im Copiren von mancherlei Figuren, welche ihm der Vater auf der Schiefertafel vorgezeichnet hatte, wobei ihn seine eigene Fantasie zu diesen oder jenen Abänderungen führte.

Im Jahre 1827 wurde der dreizehnjährige Knabe zu einem Verwandten in Meers­burg, einem kleinen Städtchen am Bodensee, gebracht, zunächst um in der dorti­gen besseren Schule noch die nöthige Vorbildung zu erhalten, dann um bei diesem Vetter, der Kaufmann war, die Handlung zu erlernen. Diese Beschäftigung sagte ihm keineswegs zu; jede freie Stunde verbrachte er mit Lectüre und Zeichnen, worin er sich denn auch rasch solche Kenntnisse und Fertigkeit erwarb, daß er be­reits in seinem vierzehnten Jahre Porträts nach der Natur lieferte, die bei anderwei­tigen Mängeln doch den Vorzug großer Aehnlichkeit besaßen. Viel Gewinn zog er um jene Zeit aus einer guten Bibliothek, welche ihm zugänglich gemacht wurde.

Nachdem Zimmermann seine Lehrzeit vollendet und noch weitere zwei und ein halb­es Jahr im Hause seines Vetters als Commis verlebt hatte, kam er im Jahre 1836 nach Remiremont im Departement der Vogesen, um dort in der französischen Sprache und in den Handelswissenschaften weiter sich auszubilden. Diese Studien ließen ihm aber Zeit genug übrig, um in der geliebten Kunst Fortschritte zu ma­chen und durch die Anfertigung von Miniatur-Porträts auf Elfenbein gelang es ihm, eine kleine Summe zu erübrigen, die er zu einer Reise durch einen Theil Frankreichs verwendete.

In der Kirche zu Plombières sah er das erste große historische Gemälde, ein Ge­schenk König Ludwig Philipp’s, das einen ebenso nachhaltigen wie lebhaften Ein­druck auf ihn machte. Nachdem er die Sammlungen von Nancy, Metz und Straß­burg gesehen, kehrte er sehr aufgeregt und mit tiefer Wehmuth im Herzen nach Deutschland zurück, um in Freiburg im Breisgau wieder als Commis in einem be­kannten größeren Geschäfte einzutreten. Seine Stellung im Hause ließ nichts zu wünschen übrig, und doch fühlte sich Zimmermann dabei unglücklich. Alle Mühe, sich in den Beruf, den ihm das Schicksal einmal gegeben, so recht hineinzuleben und ihm die schönste oder auch nur eine schöne Seite abzugewinnen, blieb frucht­los. Er hatte der Kunst für immer Ade gesagt, sich allen Ernstes vorgenommen, nie mehr Stift oder Pinsel zur Hand zu nehmen; er blieb diesem Vorsatz auch ziemlich lange treu, aber er verfiel darüber in tiefe Melancholie, und als er eine kleine Sum­me erspart hatte, welche zu reichen schien, ihm für einige Zeit die Existenz zu si­chern, verließ er trotz der ernstesten Vorstellungen seiner Verwandten das Ge­schäft, um sich fortan ausschließlich der Kunst zu widmen.

Im November 1840 ward er als Zögling an der Akademie zu München aufgenom­men, wo sich ein Landsmann, der bekannte Thiermaler Rob. Eberle, seiner mit uneigennützigster Freundschaft thatkräftig annahm. Drei Jahre später unternahm er eine Reise zu dem Zwecke, sich durch das Malen von Porträts die Mittel zu ausge­dehnteren Studien zu verschaffen. Seine Hoffnung ward nicht getäuscht: im Früh­jahr 1844 konnte er nach Paris gehen, wo er bis zum Herbst des nächstfolgenden Jahres blieb. Um leben zu können, mußte er auch dort durch Porträtmalen sich Geld verdienen, da blieb nun freilich keine Zeit zum eigentlichen Studium; er muß­te sich darauf beschränken, soviel als möglich zu sehen, und er sah viel. So oft er aber aus den Galerien des Louvre, Louxemburg oder aus Versailles zurückkehrte, ging er schweren und betrübten Herzens heim zu seinen verhaßten Porträts.

Seine ganze Thätigkeit erschien ihm nur als eine handwerksmäßige und wurde ihm endlich so zur Last, daß er nach Deutschland heimzukehren beschloß, wo er gewiß war mit weniger Mitteln durchkommen zu können. So verließ er denn Paris im Sep­tember 1845 und ging über Havre nach London, woselbst er sich vier Wochen auf­hielt und die bedeutenden Sammlungen kennen lernte. Ueber Ostende, Gent, Antwerpen und Brüssel durch Carlsruhe heimkehrend siedelte er nach Constanz über und blieb daselbst bis Anfang 1847, um welche Zeit er sich nach München zu­rückwandte.

Nun galt es denn von vorne anzufangen, da es an ernsten Studien für das Genre, dem er sich jetzt mit aller Entschiedenheit zuwandte, fehlte. Das Jahr 1848 ver­mehrte die Hemmnisse bis zum fast Unübersteiglichen, aber es vermochte seinen Muth nicht zu brechen. So lebte er etwa drei Jahre unbeachtet, bis er mit seinem humoristischen Bilde, »Die heiligen drei Könige«, einen glücklichen Griff that. Er er­warb sich damit das Recht der Ebenbürtigkeit unter den besten Genremalern Mün­chens und zog mit einem Male die Aufmerksamkeit des Publicums auf sich. Er hatte sich inzwischen verehelicht, und die Fürsorge für seine Familie erhöhte noch seinen Drang, es den Ersten gleich zu thun. Rasch folgten »Die theure Zeche«, »Die junge Wohlthäterin«, »Die Landleute im Schlosse«, »Dorfkirchen-Musik«, »Die Bettelmusi­kanten«, Bilder in denen sich ein gesunder, frischer Humor zeigt. Mit seiner »Fi­scherhütte«, einer allerliebsten Idylle, trat er in ein neues Stadium. Dasselbe zeich­net sich durch eine Harmonie der Farbe aus, welche es unbedenklich neben die besten Niederländer stellen läßt. Damit ward er zum Liebling des Publicums und zwar im besten Sinne des Wortes. Sein »Verirrter Sohn« (1858), eine Composition von tiefem sittlichen Ernste, ließ noch weiteren ernsthaften Fortschritt erkennen und gewann ihm neue Freunde. Wie er bis dahin meist nur Gelegenheit gegeben hatte, sich seines ungekünstelten Humors zu freuen, so griff er hier mit fester Hand in die Nachtseite des menschlichen Lebens hinein und erschütterte die Herzen, die er früher fröhlich angeregt.

In seiner »Impfstube« (1858) bewältigte er einen an sich spröden Stoff mit sicherem Takte und bewies, daß der Kreis des künstlerisch Darstellbaren weitaus nicht so eng ist, als uns die Mehrheit der Genremaler glauben machen wollte, um ihre eige­ne Gedankenarmuth zu bemänteln. Die Composition ist reich an Gedanken, voll von plastischer Klarheit, von entschiedener und vielseitiger Charakteristik, der Vor­trag frisch und kräftig ohne alle Ansprüche, die Farbe tief und gesättigt. In seiner »Einquartierung französischer Soldaten in einem Schlosse« (1859) gewann er für seinen humoristischen Stoff einen historischen Boden, der ihm neue Anziehungs­kraft giebt, indem er zugleich die wehmüthigsten Saiten des Gefühles erzittern macht, während sein »Liebesbrief« durch die Anmuth des Gedankens und den wun­derbaren Reiz der Farbe fesselt.

Seine »Soldatenspielenden Knaben« (1860) schreiten in ihren improvisirten Unifor­men so stolz einher, daß man sich des Gedankens nicht erwehren kann: wie die Al­ten sungen, so zwitschern die Jungen. R. S. Zimmermann ist zu gedankenreich, um sich unter Brei essenden Kindern, Großmüttern an der Wiege ihrer Enkel und ze­chenden Bauern seine Motive zu holen. Er greift gern in’s volle Menschenleben hin­ein, wie auch seine »Musikanten« (1860) beweisen, in welchen er einen jungen Menschen, der offenbar einst bessere Tage gesehen, in Gesellschaft dreier vergrif­fener Bursche zeigt, die den Gewinn der Nacht festzustellen im Begriff sind, wäh­rend das junge hübsche Schenkmädchen in ängstlich theilnehmender Spannung zu dem jungen Manne herüberschaut, den das Spottwort eines seiner Gefährten auf­fahren macht.

Von ungewöhnlicher Fruchtbarkeit war das Jahr 1861. Außer der »Ueberraschung« entstanden die »Zeitungsleser«, welche durch die neuesten Nachrichten je nach ihrem Parteistandpunkte und individuellen Charakter verschiedenartig an- und auf­geregt werden, indeß ein junger Mann ein zärtliches Gespräch mit der Wirthin Töchterlein der Politik vorzieht. Den Politikern folgte »Ein zum Kriegszug ausgerüs­tetes Knabenheer« und »Ein Münchener Schrannentag.« Der Gegenstand ist rein localer Natur und deshalb dem mit den speziellen Verhältnissen Münchens Unbe­kannten manches Charakteristische nicht ganz zugänglich. Man könnte die Wahl deshalb beanstanden, aber wohl nur mit Unrecht. Es erscheint vielmehr als ein Glück, wenn ein tüchtiger Genremaler locale Vorwürfe behandelt, trotz der be­zeichneten Gefahr. Denn die Kunst ist wie die Literatur dazu berufen und in einem gewissen Sinne sogar mehr dazu geschaffen die spezifischen Eigentümlichkeiten von Land und Leuten vor Augen zu stellen und sie bleibt, so lange sie es thut, ab­gesehen von dem ethnografischen Interesse, sicher davor in jene conventionelle Allgemeinheit zu gerathen, die weder Fleisch noch Bein hat, sondern wie die Figu­ren eines schlechten Romans in der Luft schwebt.

In seiner »Neckerei« (1862) brachte er einen jungen Bauernburschen, der bei sei­nem ersten unglücklichen Versuche, sich zu rasiren, von ein paar hübschen Mäd­chen belauscht wird. Durch äußerst prägnante Charakterisirung zeichnet sich ein im selben Jahre entstandenes Bild aus, das die Wirthsstube eines Landstädtchens zeigt, in welcher die Gäste den Späßen horchen, die der Eine von ihnen aus einem Blatte vorliest. Man möchte wetten, es seien die Münchener fliegenden Blätter, die Jener in der Hand hat; wer über den Kladderadatsch lacht, lacht nicht so harmlos. R. S. Zimmermann macht es sich nicht leicht. Die »Leihbibliothek« war eine Aufga­be, deren Lösung eine bedeutende Kraft voraussetzte. Es galt eine Reihe von Cha­rakteren zur Anschauung zu bringen, ohne daß Affecte dabei in’s Spiel gerat­hen. Während z. B. Wilkie in seiner berühmten »Testaments-Eröffnung« und Flüg­gen in seiner »Prozeßentscheidung« und im »Vorzimmer eines Fürsten« Erwartung, Hoffnung, Ueberraschung, Furcht, Besorgniß, Zorn und ähnliche Gemüthsbewe­gungen darzustellen hatten, während beide einen bestimmten folgeschweren Au­genblick festhielten, auf den sich die allgemeine Aufmerksamkeit concentrirt, hat es R. S. Zimmermann hier mit ganz affectlosen Zuständen, mit einem blos zufälligen Zusammentreffen Mehrerer an demselben Orte zu thun, wo sie überdies ein weni­ger aussprechbares Interesse versammelt. Daß er gleichwohl den Beschauer so zu fesseln verstand, ist der schlagendste Beweis für die Tüchtigkeit seiner Leistung.

Seinen Studien in dem königlichen Lustschlosse Schleisheim verdankt der Künstler das Bild »Inneres eines fürstlichen Schlosses«, welches mehr dem Interieur als dem Genre angehört und in welchem alles Stoffliche mit der größten Vollkommenheit gemalt ist. Die Staffage, zwei gepuderte tagdiebische Lakaien, die sich die Lange­weile damit vertreiben, der Neckerei und Balgerei von zwei Hunden und Katzen zu­zuschauen, könnte nicht besser gewählt sein.

Im Jahre 1867 sah man in der Wimmer’schen Kunsthandlung zu München ein von dem Künstler ursprünglich für Paris bestimmtes großes Bild »Eine Dachauer Bau­ernhochzeit«, eine Auerbachische Dorfgeschichte ohne Worte, aber auch ohne Ten­denz und Schminke, in völliger Unmittelbarkeit und voll derber Gesundheit. Das nächste Jahr brachte den »Liebesbrief« und die »Werbung« aus dem Hennegau.

In den »Ueberraschten Spielern« (1869) zeigte R. S. Zimmermann ein paar junge Bürschchen, die sich vom Vater im Kartenspiel mit zwei Jägern in einer Kneipe ha­ben überraschen lassen. Neben der Wahrheit in der Composition erfreut die frische entschiedene Färbung des Bildes sowie die außerordentlich feine Pinselführung. Auf der internationalen Münchener Ausstellung von 1869 endlich war R. S. Zimmer­mann durch ein größeres Bild »Ein Zweckessen« würdig vertreten.

Er gebietet über einen großen Schatz künstlerischer Erfahrungen; seine Reisen nach Frankreich, England und die Niederlande ließen ihn die Vorzüge der Alten wie der Neueren, aber, auch der Letzteren Fehler erkennen. Er ließ sich nicht verfüh­ren, einer brillanten Mache den geistigen Gehalt zu opfern und verschmäht es durch Kunstgriffe zu überraschen, da er im Stande ist durch Gediegenheit zu fes­seln. Sein feiner Farbensinn läßt ihn in die Reihe der besten Coloristen stellen. Ue­berall weiß er das richtige Maß zu halten und jeden Stoff natürlich zu umgrenzen, eine Eigenschaft die ihm nicht hoch genug angerechnet werden kann in einer Zeit, welche täglich Gelegenheit giebt, den Mangel an Gefühl für das Angemessene und Schickliche, ja für das Erlaubte zu beklagen.

Der Großherzog von Baden ehrte R. S. Zimmermann schon vor Jahren durch seine Ernennung zum Hofmaler.

Carl Albert Regnet: Münchener Künstlerbilder II. Leipzig, 1871.


29-12-12 (Zimmermann)