Münchener Künstlerbilder (1871) / t_1231

Eduard Schleich,
Landschaftsmaler.

Eduard Schleich, nach Carl Rottmann unzweifelhaft der bedeutendste von allen Münchener Landschaftsmalern, ist am 12. October 1812 im Schlosse Haarbach, Be­zirksamts Vilsbiburg, wenige Stunden von der alten Herzogsstadt Landshut, gebo­ren. Nachdem er den üblichen Vorunterricht genossen, verbrachte er einige Jahre im k. Erziehungsinstitute zu Amberg in der Oberpfalz, verließ jedoch die Studien bald, um sich der Kunst zu widmen, wozu ihn lebhafte Neigung von früher Jugend an gezogen, obwohl es an äußeren Elementen fehlte, welche dieselbe hätten we­cken oder steigern können.

Eduard Schleich ist vorwiegend Autodidakt; er bildete sich erst an der Natur und dann durch das Studium der alten Meister in den Sammlungen zu München und Schleißheim. Wie die meisten Münchener Künstler empfing er die ersten tiefer ge­henden Natureindrücke auf Reisen in das bayerische Gebirge und Tyrol und er ver­werthete selbe auch in den Bildern jener ersten Periode. Erst später erschloß sich ihm die ganze künstlerische Bedeutung der Ebene mit ihrer großen Luftperspecti­ve, in deren Behandlung er eine so außerordentliche Meisterschaft erreichen sollte. In späteren Jahren dehnte er seine Studienreisen weiter aus, sah Oberitalien, Belgi­en und Frankreich, sowie Holland, und nahm dort in Natur und Sammlungen eine Menge neuer Eindrücke in sich auf, welche von wesentlicher Einwirkung auf seine künstlerische Entwickelung waren.

Es ist nicht wohl möglich, die Bedeutung eines so hoch über das gewöhnliche Maß hervorragenden Künstlers, wie Eduard Schleich, auch nur annähernd zu erfassen, wenn man sich nicht die Richtung klar gemacht hat, welche sich in ihm gewisserma­ßen verkörpert.

Gar Mancher, der täglich die Worte Styl und Stimmung im Munde führt, käme in arge Verlegenheit, wenn er sagen sollte, welche Begriffe er damit verbindet.

Man pflegt ein Bild stylisirt zu nennen, dessen Urheber nicht sowohl die Natur in ih­rer Erscheinung stricte wiedergeben, als vielmehr im Bewußtsein derselben hin­sichtlich ihrer Form und Farbe, ohne sie wesentlich zu verändern, frei schöpferisch verfahren wollte. So erscheint uns der Styl als etwas Bleibendes, innerlich Nothwendiges, als der dauernde Charakter der Natur, durch Form und Farbe aus­gesprochen, unwandelbar wie der Verstand. Wir verbinden damit den Begriff des Idealisirens, weil, wie wir gesehen, das Kunstwerk nicht aus dem Verlangen nach einfacher Nachahmung, sondern aus dem Drange entsprungen ist, der Schön­heitsidee Ausdruck zu geben, mit welcher der Künstler die Idee der Natur auffaßte und durch einen gewissermaßen zweiten Schöpfungsproceß das im Kunstwerke zu erreichen trachtete, was sie in ihrer Wirklichkeit so bedeutsam nicht darzubieten vermag.

Andrerseits zeigt sich uns die Stimmung als etwas Wechselndes, Zufälliges, als der vorübergehende Charakter der Natur, durch die Wirkungen des Lichtes und der Farbe zum Ausdruck gebracht, beweglich wie das Leben des Gemüthes.

Es ist deshalb wohl keine von allen Kunstfragen müssiger, als die, welche von bei­den Landschaften höher zu stellen sei, die stylisirte oder die Stimmungslandschaft. Für den Künstler aber handelt es sich nur darum, zu welcher von beiden er sich stärker hingezogen fühlt; für den Beschauer noch weiter darum, was Jener in der einmal gewählten Richtung leistet.

Der Stylist wie der Stimmungslandschafter verfolgen das nemliche Ziel, wenn auch auf verschiedenen Wegen. Der Eine erreicht die poetische Wirkung durch charakte­ristische Auffassung einer stylvollen Natur, der Andere durch Festhalten einer auf Auge oder Gemüth wirkenden Stimmung. Der wahre innerliche Unterschied zwi­schen Beiden liegt keineswegs in dem stärkeren oder schwächeren Betonen der Farbe, wie man häufig behaupten hört, sondern darin, daß der Stylist zunächst den in der Form sich aussprechenden Charakter der Natur in’s Auge faßt und seine Far­be hienach, wenn und soweit nöthig, modificirt, wobei ein mehr oder minder selb­ständiges Verhalten der künstlerischen Anschauung zur Natur nicht ausbleiben kann, während der Stimmungslandschafter zunächst die Farbe in Betracht zieht und den Charakter der Form erst in die zweite Reihe stellt. So könnte man Jenen dem epischen, Diesen dem lyrischen Dichter vergleichen.

Kein Kunstzweig räumt der künstlerischen Individualität einen weiteren Spielraum ein, als die Landschaftsmalerei. In ihr spiegelt sich die subjektive poetische Empfin­dung klarer ab, als irgend anderswo, in ihr bedient sich der Künstler in fast unbe­schränkter Weise der Form wie der Farbe, um sie zum Ausdruck zu bringen. Und gerade darin liegt das wahrhaft ideale Element der Landschaftsmalerei, das nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Nur ein wahrhaft poetisches Talent wird in diesem Kunstzweige Bedeutendes leisten, und als solches im vollsten Sinne des Wortes tritt uns Eduard Schleich entgegen.

Durch seine Bilder weht jener ideale Duft dichterischen Empfindens, der allein im Stande ist, die Seele der Natur zu versinnbildlichen. In ihnen schauen wir jenes tiefe Sichversenken des Künstlers in das innerste Leben und Weben derselben, welches, vor dem lauten Geräusche des Tages zurückbebend, in eine ideale Einsamkeit flieht, um dort in ahnungsvoller Beschaulichkeit seiner selbst zu genießen. Gleich den Klängen einer fremdartigen Melodie gemahnt uns diese halb schwermüthige, selten heitere, aber immer empfindungsvolle Poesie, wie die regellosen aber wun­derbar ergreifenden Accorde der vom Hauche der Natur selbst beseelten Windhar­fe gegenüber der rauschenden eleganten Musik der Opern und Concerte.

Schleich ist eine innerlichst musikalische Natur. Die Farben sind die Töne, die er zu wohlklingenden Harmonien zu verbinden weiß und in Harmonien löst er scheinbare und wirkliche Dissonanzen auf. Sein Grundton aber ist ein vorwiegend ernster, ele­gischer. Motive, die in der Hand eines Andern völlig werthlos wären, erhalten in sei­ner eine Tiefe der Bedeutung, welche sich vorher kaum ahnen ließ und so das glän­zendste Zeugniß für seine dichterische Begabung ablegt.

Aus dem Gesagten erklärt sich mit Leichtigkeit seine Vorliebe für die Wirkung von Mondnächten, in deren Wiedergabe er eine seltene Meisterschaft besitzt. Nicht minder gilt dies von der Darstellung von Regenschauern. Sogenannte schöne Ge­genden sucht man bei Schleich vergebens, obwohl ihm kein Blick in’s Land zu weit, ja der Himmel darüber oft zu eng scheint. Ein kleines Stück Moor, ein schilfbewach­sener Teich, ein einsames Kornfeld, ein paar Bäume auf der Ebene genügen ihm, um den Beschauer unwiderstehlich zu fesseln, um ihn in die geheimsten Schönhei­ten der Natur einzuweihen. Keiner weiß mit solcher Meisterschaft den eigenthümli­chen Zauber wiederzugeben, welcher dem Himmel über der bayerischen Hochebe­ne eigen, der schon Claude Lorrain begeisterte; kein Andrer versteht es bei glei­cher Großartigkeit der Auffassung, die uns unwiderstehlich packt, und bei gleicher Gewalt der Stimmung, der wir uns nicht zu entziehen vermögen, die bedeutends­ten Erscheinungen der Natur mit scheinbar so geringen Mitteln in so poetischer Weise festzuhalten, wie Schleich. Fesseln auch manche seiner Bilder nicht auf den ersten Blick, so doch später mit desto größerer Entschiedenheit und Nachhaltig­keit, sei es durch Größe und Adel der Conception, sei es durch unübertroffene Schönheit der Farbe. Eine reichquellende Fantasie und eine unglaubliche Fülle von künstlerischen Erfahrungen schützen ihn auch bei größter Productivität vor Wieder­holungen. Sein Hauptwerth liegt übrigens in der Darstellung von Scenen unruhigen und heftigen Lichtwechsels, die man schwerlich bei irgend einem andern Meister so durch und durch harmonisch vorgetragen findet, während hinter scheinbarer Monotonie und hie und da wohl auch Skizzenhaftigkeit sich ein Reichthum und eine Durchbildung der Luftperspective birgt, die selbst sehr genau behandelte Land­schaften nicht immer aufzuweisen haben.

Die Werke eines so productiven Künstlers hier auch nur annähernd aufzuzählen, daran kann aus naheliegenden Gründen nicht gedacht werden. Doch mag es ver­sucht sein, das eine und andere kurz zu charakterisiren.

Wir stehen inmitten eines weitgestreckten Moores; der Himmel ist stark bewölkt, das Schilf schwankt im Winde; im Wasser zwischen den schlanken Rohren glitzert das bleiche Mondlicht. Ein roher Knüppeldamm führt in das Moor hinein und wir scheuten uns fast denselben zu betreten, nicht als ob wir unbekannten Gefahren entgegen zu gehen fürchteten, sondern weil unser tönender Schritt die geheimniß­volle Ruhe der Natur stören würde. Unwillkürlich gedenken wir vor dem Bilde der Schilflieder des unglücklichen Lenau.

Und wieder sind wir vom Lichte des Mondes umflossen. Aber es glänzt auf den blanken Kuppeln von Sta. Maria della Salute und spielt wie flüssiges Silber über den Wellen der Lagune an den Marmorstufen, welche von der Riva degli Schiavoni zu jener hinabführen. Dunkle Gondeln schaukeln träumerisch hin und her, lichte Wölkchen ziehen am Himmel und lassen die fantastischen Formen der Paläste an der Piazetta und am Canal grande noch fantastischer hervortreten.

Dann führt uns der Künstler hinab an die flachen Ufer der Schelde, die langsam dem Meere zuschleicht. Es ist, als ob selbst die Lüfte etwas vom holländischen Phlegma angenommen; die Wolken, hinter denen der Mond schläfrig hervorschaut, bewegen sich nur schwerfällig dahin, die Segel der Boote hängen schlaff an den Raaen und der Fluß liegt still wie ein See.

Aber diese Ruhe ist nicht des Künstlers wahres Element. Das ist Bewegung, lebens­frische, energische Bewegung. Er liebt es mit gewaltigen Massen zu wirken, bald läßt er unsern Blick über weite Ebenen schweifen, über denen grandiose Wolken­formen sich aufbauen, bald verlegt er den Schwerpunkt seiner Wirkung geradezu in diese selbst.

Nun befinden wir uns im Hofgarten zu Dachau, vor uns liegt die weite Hochebene Münchens, viel verleumdet und ewig schön. Noch breitet über einen Theil dersel­ben das Sonnenlicht seine Zauber, aber von Westen her zieht in majestätischer Ruhe ein Heer dichtgeballter Gewitterwolken und sendet dunkle Schatten voraus. Unser Standpunkt ist ein hoher, mit geringen Mitteln wußte der Künstler in uns die Empfindung rege zu machen, als ob das Terrain, über das unser Auge bis zu den fernen Alpen wegfliegt, einen Schritt vor uns jäh und unvermittelt abfalle. Unser Herz klopft dem großartigen Schauspiel entgegen, das in wenigen Minuten begin­nen wird.

An die Stelle der Ebene bei München tritt die vom nähergerückten Hochgebirge begrenzte, reichbebaute, mit freundlichen Ortschaften belebte im Charakter der Umgebung des Chiemsee’s, in welcher Fruchtfelder und Waldpartien lieblich wech­seln. An den Bergen zieht ein mächtiges Gewitter hin und giebt die prächtigsten Lichteffecte. Ein Regenbogen spannt sich leuchtend über das Land und drückt den Gedanken des Wohlthätigen und Versöhnenden der großen Naturerscheinung prä­gnant aus.

Weite Wasserflächen üben auf Schleich keinen geringeren Reiz, als weite Ebenen. Seine ganze Meisterschaft in der Behandlung der Luft concentrirt sich im Kampfe der Sonne mit dem über dem See liegenden Nebel. Er weiß ihn so täuschend und zugleich so künstlerisch schön darzustellen, daß man jeden Augenblick das Durch­brechen der Sonne erwartet. Denn daß sie Siegerin sein wird, das zeigen die leuch­tenden Reflexe auf dem Spiegel des Sees, das Wogen und Wallen der feuchten Dünste, die unter ihren erwärmenden Strahlen in Bewegung kommen.

Aber nicht immer siegt die Sonne. Wir stehen in eintöniger Fläche; unendlicher Re­gen stürzt herab und legt einen grauen Schleier zwischen uns und die einsamen Baumgruppen, die dort und da zwischen den Wiesen aufsteigen. Der Anblick ist ein völlig trostloser und doch können wir unser Auge nicht abwenden von so viel Wahr­heit und Poesie, denn Poesie ist auch im strömenden Regen. Aber es bedarf des dichterischen Gemüthes eines Schleich, um das in so überzeugender Weise zum Ausdruck zu bringen.

Dort regnet es wohl auch, aber es ist einer jener leichten warmen Sommerregen, die Natur und Menschen gleich wunderbar erquicken. Bäume und Sträucher werfen schon wieder leichte Schatten, die Ebene glitzert und flimmert in den Strahlen der Sonne, die eben durch dünne Wolken bricht, welche vor unfern Augen wegzuflie­gen scheinen.

Und wieder war es eine stürmische Nacht; Regenschauer um Regenschauer zog über das Land und mit krankhaft bleichem Lichte steigt die Sonne über den Hori­zont empor, um den gestern unentschieden gebliebenen Kampf heute wieder auf­zunehmen.

Schleich’s Verdienste um die deutsche Kunst wurden mehrfach offiziell anerkannt: er ist Ehrenmitglied der bildenden Künste und Professor, sowie Ritter des bayeri­schen Verdienstordens vom heil. Michael. Die Regierung bediente sich auch seiner umfassenden Kenntnisse, als sie im Jahre 1863 eine aus Künstlern und Gelehrten bestehende Commission zur Untersuchung des Pettenkofer’schen Regenerations­verfahrens einsetzte. Im Interesse der Kunstausstellungen in München, namentlich der von 1858, 1863 und 1869, entwickelte Schleich eine sehr ersprießliche Thätig­keit.

Schleich gründete keine Schule im gewöhnlichen Sinne des Wortes, d. h. er sam­melte nie Schüler um sich; aber es giebt nur wenige jüngere Landschaftsmaler in München, die sich nicht seine Auffassung der Natur zum Vorbild genommen hät­ten, ja selbst auf ältere Kunstgenossen übt er einen weitgehenden Einfluß, so daß man ihn den Vater der neueren Münchener Landschaftsmalerei nennen möchte.

Carl Albert Regnet: Münchener Künstlerbilder II. Leipzig, 1871.


14-11-51 (Schleich)