Münchener Künstlerbilder (1871) / t_1124

Eugen Neureuther,
Historienmaler.

Eugen Neureuther’s Vater, Ludwig Neureuther, 1775 im Zweibrücken’schen gebo­ren, erwarb sich schon im Knabenalter das Wohlwollen des Herzogs Karl von Zwei­brücken, vor dem er 13 Jahre alt eine Probe seiner Kunstfertigkeit abzulegen hatte, und folgte dessen Bruder, dem Herzoge Maximilian, nachmaligem Könige von Bay­ern, vor den Schrecken der Revolution erst nach Mannheim, dann nach München. Des ihm nicht zuträglichen Klimas wegen verließ er diese Stadt wieder und starb 1839 in Bamberg, nachdem er seit 1814 als Zeichnungslehrer am dortigen Gymna­sium gewirkt hatte. Seine meist reich ausgestatteten Landschaften sind in Haltung und Farbe vortrefflich zu nennen.

Sein Sohn Eugen, nach seinem Pathen, dem Herzog Eugen von Leuchtenberg, so genannt, ward ihm während des Aufenthalts in München am 13. Januar 1806 gebo­ren. Nachdem Eugen von seinem Vater den ersten Unterricht in seiner Kunst erhal­ten, begab er sich 1823 nach München zurück, woselbst ihm das Wohlwollen des Königs Max Josef den Besuch der Akademie ermöglichte. Er hatte sich unter Wil­helm v. Kobell’s Leitung gleichfalls der Landschaftsmalerei zugewendet und mußte nach des Königs unerwartetem Tode vor Allem daran denken, wie er seine Zukunft sichere. Cornelius war es, der des jungen Mannes Entwicklungsgang mit freundli­cher Theilnahme verfolgt hatte und ihm jetzt (1826) in entscheidender Stunde die Hand bot. Er hatte schon früher Neureuther’s entschiedene Neigung zur Arabeske wahrgenommen und fand jetzt Gelegenheit, ihn darin zu beschäftigen. Er war eben in der Ausführung seiner großen Wandgemälde in der Glyptothek begriffen und übertrug sofort unserem Freunde einen Theil jenes decorativen Schmuckes: Ara­besken und Laubgewinde im Trojanischen Saale. Cornelius hatte nur die Arabesken entworfen und gab so dem jungen Künstler Gelegenheit, sich auch im Entwurfe von Blumengewinden zu versuchen. Derselbe entwickelte dabei eine Fülle des reinsten Geschmackes und man kann behaupten, daß vor ihm dieser Kunstzweig nie mit solchem Geiste gepflegt worden war. Derselben Periode gehören auch Neureuther’s Wandmalereien in den Arkaden des Hofgartens an; von ihm entwor­fen und ausgeführt sind dortselbst die schönen Trophäen zu beiden Seiten der Ein­gänge, welche inzwischen leider durch die Einflüsse der Zeit und Temperatur so sehr gelitten haben.

Die Studien, deren Neureuther zu seinen Arbeiten in der Glyptothek bedurfte, er­weckten in ihm den Gedanken, Dichtungen mit Randzeichnungen zu umgeben. An­gezogen von dem plastischen Elemente in Goethe’s Gedichten und in seinem Vor­haben durch seines Meisters Cornelius freundlichen Rath bestärkt, versuchte er sich zuerst in Illustrationen zu Goethe’s Romanzen und Balladen und übersandte die Handzeichnungen dem Dichter, der in einem Briefe vom 23. September 1828 Neureuther über seine Arbeiten herzlich beglückwünschte und ihn aufforderte, sel­be in Steindruck zu vervielfältigen, wobei er hervorhob, wie der Künstler »dem ly­risch-epischen Gedanken der Ballade einen glücklich bildlichen Ausdruck zu finden gewußt, der wie eine Art Melodie jedes einzelne Gedicht auf die wundersamste Weise begleitet und durch eine ideelle Wirklichkeit der Einbildungskraft neue Rich­tungen eröffnet.« Goethe verfolgte Neureuther’s Thätigkeit mit der größten Auf­merksamkeit, wie unter Anderem sein im Jahre 1830 in den Wiener Jahrbüchern er­schienener Bericht beweist, den er dem befreundeten Künstler noch vor dem Dru­cke mittheilte. Es mag am Platze sein, einige Stellen daraus hervorzuheben. »Daß jenes hochgeschätzte, mit Randzeichnungen von Albrecht Dürer herrlich ge­schmückte Gebetbuch, welches auf der königlich bayerischen Bibliothek zu Mün­chen bewahrt wird, den Herrn Neureuther zu diesen seinen Umrißblättern frucht­bringend anregt, geht aus der ganzen Anordnung der Ornamente hervor, aus den rankenden Pflanzen und Schreibmeisterzügen, mit denen er die Schriftcolumnen begleitet, und womit er den leeren Raum, welchen Figuren und Landschaften übrig lassen, geschickt ausfüllt; inzwischen ist Herr Neureuther keineswegs ein unbehol­fener, flacher Nachahmer der vortrefflichen Dürerischen Vorbilder, sondern hat den Geist derselben erfaßt, schöpft aus eigner vollströmender Quelle und schließt sich mit seinen Bildern an Goethe’s Dichtungen auf eine erfreuliche Weise an. Wahrlich, es möchten nur wenige Kunsterzeugnisse unsrer Zeit hinsichtlich auf Zweckmäßig­keit und Anmuth des mannigfaltigen Bilderreichthums einen glücklichen Wettstreit mit diesen Randzeichnungen bestehen. Auch die Ausführung derselben befriedigt, die Figuren sind meistens gut, einige vorzüglich gut mit Geist und passendem Aus­druck gezeichnet; die Landschaften reich und gefällig, Pflanzen und Blumen meis­terhaft.«

Die Theilnahme des Dichterfürsten mußte gerade in jenen Tagen Neureuther um so wohlthuender sein, als die Julirevolution, welche im nemlichen Jahre die Welt er­schütterte, über sein Leben einen wenn auch nur vorübergehenden Schatten warf. Die Cotta’sche Kunsthandlung, in deren Verlag Neureuther’s Handzeichnungen zu Goethe’s Balladen und Romanzen erschienen waren, schickte den Künstler kurz nach jenen Tagen nach Paris, um die Lieder, welche der Julius-Revolution ihre Ent­stehung verdankten, in ähnlicher Weise zu illustriren. Der politische Umschlag, der nicht lange auf sich warten ließ, äußerte sich jedoch auch in Beziehung auf diese äußerst lebendigen und geistreichen Zeichnungen unsres Künstlers: Die Aufnahme, welche die »Souvenirs du 29., 30., 31. Juillet« an den maßgebenden Orten fanden, war eine sehr ungnädige; die Vervielfältigung unterblieb, und die wenigen durch den Druck erzeugten Exemplare sind zu wahren Seltenheiten geworden. Indeß kehrte Neureuther mit frischem Muthe auf sein eigenstes Gebiet zurück und erwei­terte den Kreis der darzustellenden Gedichte, indem er sich die Aufgabe stellte, Dichtungen deutscher Classiker mit Randzeichnungen zu versehen. Goethe, vor dem er sein ganzes Herz ausgeschüttet, sprach seine Freude darüber in mehreren Briefen auf das wärmste aus, indem er wiederholt betonte, daß er sich durch diese Arbeiten wieder in sein eigenes Feld, in die vaterländische Concentration, Einheit und Einfalt zurückgezogen habe. Wir kennen Goethe’s Abneigung gegen alles Auf­regende und können daher um so lebendiger fühlen, wie nachstehende Worte, die er am 4. Februar 1832 an Neureuther schrieb, so recht aus seinem Herzen kamen: »Ihre Reise nach Paris hat mich betrübt. Ihr Talent ist unmittelbar an der unschuldi­gen Natur, an der harmlosen Poesie wirksam, und da wird es Ihnen immer wohl sein und immer glücken; jetzt, da jenes wilde Wesen noch gewisse unangenehme Folgen für Sie hat, ist es mir noch trauriger.«

So nahm er denn in einem Briefe vom 28. desselben Monats Gelegenheit, sich um­ständlich und in der eingehendsten Weise über die ihm inzwischen zugekommenen ersten Hefte der erwähnten neuen Randzeichnungen auszusprechen und den Künstler zu versichern, wie sehr er »auf die Folge verlangend sei,« denn »in allen diesen Blättern, wie in den früheren, findet sich kein Zug, der nicht gefühlt wäre, und selbst die Elemente, die Sie zu Ihren Schöpfungen genialisch zusammenrufen, verwandeln sich einer zwar fantastischen, aber durchaus geistreichen Natur ge­mäß.« Durch diese Arbeiten manifestirte sich der Künstler, dessen ureigenthümli­ches tief romantisches Element und vollströmende Fantasie sich hier in einer bisher nie gesehenen Weise ausbreitete, als der eigentliche Schöpfer einer ganz neuen, überall mit lebhaftester Freude aufgenommenen Darstellungsweise. Dem gedach­ten Werke, dessen Vollendung Goethe nicht mehr erlebte und das zweiundzwanzig Jahre nach dessen Tode in neuer Auflage herausgegeben ward, folgte schon 1834 eine Reihe von Randzeichnungen zu bayerischen Gebirgsliedern, voll der liebens­würdigsten Naivetät und Wahrheit, so daß sie Alles, was bis in die jüngste Zeit in dieser Richtung erschien, weit überflügelte.

Mit dem Jahre 1835 begann ein neuer Abschnitt seines Lebens. Er hatte längst ge­fühlt, daß die bisher geübte Technik des Zeichnens mit der Feder auf Stein seinen Zwecken nicht genüge und griff nun mit großer Liebe zur Radirnadel. Seine bedeu­tenden Compositionen zur »Pfarrerstochter von Taubenheim« und zur »Lenore« von Bürger erschienen gewissermaßen nur als höchst werthvolle Vorstudien zu sei­nem »Dornröschen«, welches im Jahre 1836 der Münchener Kunstverein seinen Mitgliedern als Vereinsgeschenk widmete. Etwas zur Charakteristik dieses wunder­samen Blattes voll Innigkeit und Humor zu sagen, hieße Eulen nach Athen tragen; nur das mag gestattet sein zu bemerken, daß es auch in Bezug auf die Behandlung der Radirnadel zu den geistreichsten Werken dieser Art zählt. Nach Vollendung der Platte malte Neureuther im Königsbau den Fries des Salons der Königin, indem er Wieland’s »Oberon« in einer Reihe trefflicher Compositionen vorführte.

Von seiner seltenen Productionsfähigkeit zeugt die im Jahre 1839 erschienene Prachtausgabe von Herder’s »Cid«, welche nicht weniger als 70 Zeichnungen von unsres Künstlers Hand aufweist, das erste illustrirte Originalwerk deutscher Buch­druckerkunst. Inzwischen hatte (1837) Neureuther seine Romfahrt unternommen und im gelobten Lande der Kunst und ihrer Jünger überreichen Stoff in sich aufge­nommen. In seinem reizenden Gemälde aus der Villa Mils (ehemals Spada) erwies sich die ganze poetische Zauberkraft seiner Fantasie, welche selbst die gewöhn­lichsten Erscheinungen der belebten und unbelebten Natur zu verklären weiß. Er behandelt im Laufe der Zeit wiederholt landschaftliche und architektonische Ele­mente in dieser Weise, meist in Aquarell, welche Technik ihrer innersten Natur nach ihm noch mehr zusagt als die Technik der Oelmalerei. Daneben griff er immer wie­der zur geliebten Radirnadel und es entstand so eine Reihe theils tiefernster, theils köstlich humoristischer Blätter, von denen hier nur einzelne, wie: »Heute roth, mor­gen todt«, »Bauernregel« nach Uhland, »Kupferplatte und Scheidewasser«, »Jung gewohnt, alt gethan« u. s. w. genannt werden mögen.

Eine seiner figurenreichsten Kompositionen ist seine »Erinnerung an das große Maskenfest der Münchener Künstler im Jahre 1840«, welche er in Wasserfarben und mit der Nadel ausführte. Von sehr hohem Werthe sind ein paar nach Rott­mann’s Landschaften in den Arkaden des Hofgartens radirte Blätter. Für den Mün­chener Kunstverein lieferte er ferner eine sehr umfangreiche Composition nach dem »Waldfräulein« von Zedlitz und kehrte darauf wiederholt zu den ihm lieb ge­wordenen und stark gesuchten Illustrationen zurück, wie wir denn solche zum »Ni­belungenlied«, zu »Götz von Berlichingen« u. A. von seiner Hand besitzen und wel­che wie jene zum »Cid« in Holzschnitt ausgeführt wurden.

Unser Künstler zeigte von jeher große Neigung, für industrielle Zwecke zu arbei­ten, und so wurde unter Anderem auch nach seinen Entwürfen ein großer Tafelauf­satz in Silber ausgeführt, welchen die Bürger Augsburgs dem Könige Maximilian II., damaligem Kronprinzen, im Jahre 1842 als Hochzeitsgeschenk darbrachten. Als fünf Jahre später der artistische Vorstand der königlichen Porzellanmanufactur in Nymphenburg, Akademiedirector von Gärtner, mit Tod abging, wurde Neureuther 1848 an dessen Stelle gesetzt. Er nahm sich der Interessen dieser Anstalt so warm an, daß er seine anderweitigen, Arbeiten fast ganz hintansetzte. Bald zeigte sich in allen Theilen der Anstalt eine bisher ungewohnte Thätigkeit, der rasch günstigere Resultate folgten. Unser Künstler strebte mit rastlosem Eifer und großer Geschäfts­gewandtheit eine vielseitigere Verwerthung der vorhandenen technischen Mittel für höhere Zwecke an und übte unter Anderem die Porzellan-Mosaik-Malerei, eine Technik, welche zur Ausführung monumentaler Malereien an äußeren, den Einflüs­sen der Witterung ausgesetzten Wandflächen von großer Tragweite sein könnte. Leider gelang es bisher nicht, dieser Technik größere Aufmerksamkeit zuzuwenden, obwohl weder Fresko noch Stereochromie in Bezug auf Dauerhaftigkeit gleiche Ga­rantie bieten.

Seine Bestrebungen konnten indeß nicht zu dem erfreulichen Ziele führen, das sie vor Augen hatten, denn im Jahre 1856 wurde in Folge des Einflusses hochgestellter und gelehrter Herren die artistische Betriebsrichtung aufgehoben und Neureuther mit dem Titel eines kgl. Professors in Ruhestand versetzt, damit aber auch seiner Kunst zurückgegeben, nachdem er einen schönen Theil seines Lebens mit größter Aufopferung ferner liegenden Zwecken geopfert hatte. Seine alte Vorliebe für das landschaftliche Element führte den Künstler in den letzten Jahren auf den Gedan­ken, seine in Rom und im bayerischen Gebirge gesammelten Studien in eigentümli­cher, höchst anmuthiger Weise zu Wandgemälden zu verwerten, und er stellte im Kunstvereine zu München mehrere solche Entwürfe aus, welche sich des allgemei­nen Beifalls zu erfreuen hatten. Er wußte durch ebenso poetische als praktische Auffassung der landschaftlichen Natur, sowie der einschlägigen baulichen Formen in Verbindung mit der menschlichen Gestalt als Staffage ein überaus reizendes Ganzes zu schaffen, und es ist nur auf das lebhafteste zu bedauern, daß bis jetzt keiner dieser genialen Entwürfe zur Ausführung gelangte. Daneben veranlaßten die neuesten Erscheinungen im Gebiete der Lyrik unsern Künstler zu neuen Illustra­tionen, die Schillerfeier des Jahres 1859 aber zu trefflichsten Compositionen nach Schiller’s Gedichten, welche unter Zugrundelegung der Teppichform den Odeons­saal schmückten.

Seit 1834 mit Josefa Kramer, Tochter des kgl. Hofmusicus Kramer, verehelicht und Vater von fünf Kindern, lebt unser Künstler zu München in einem allerliebsten Häus­chen, das, hinter Gartenmauern versteckt, lebhaft an eine römische Vigna erinnert, längere Zeit seiner Kunst in stiller Zurückgezogenheit und wendete sich zu Anfang der seliger Jahre der Technik des Oelmalens mit staunenswerthem Erfolge zu, wie sein »Traum der Rezia« und »die sterbende Nonne« in der Galerie des Freiherrn von Schack in München beweisen. Dieselbe Sammlung besitzt ferner von seiner Hand die »Villa Mils«, die »Villa Malta«, eine »Mutter mit ihrem Kinde« und eine Scene aus »Hermann und Dorothea«. Als im Jahre 1868 die Münchener Kunstge­werbe-Schule gegründet ward, sah sich auch Neureuther als Professor an dieselbe berufen. Seine Thätigkeit als Lehrer nöthigte ihn jedoch nicht, der praktischen Aus­übung der Kunst zu entsagen und so entstand in der letzten Zeit noch ein Cyclus von allegorischen Darstellungen der in das Gebiet der Technik einschlagenden Wis­senschaften als Mechanik, Physik, Chemie u. s. w., welche von reichen Arabesken­formen umgeben, an der Außenseite des nördlichen Flügels des von seinem Bruder Gottfried Neureuther erbauten Polytechnicums in München in Sgraffito ausgeführt werden, Compositionen, welche durch Tiefe der Gedanken wie durch Schönheit der Erscheinung gleich bedeutend wirken.

Die bayerische Regierung hat Neureuther durch Verleihung des Verdienstordens vom heiligen Michael ausgezeichnet.

In der letzten Zeit wendete sich der Künstler entschieden der Oelmalerei zu und besitzt die Galerie Schack in München aus dieser Periode mehrere treffliche Arbei­ten Neureuther’s, so namentlich eine »Scene aus Oberon« und »Die Nonne.«

Carl Albert Regnet: Münchener Künstlerbilder. Ein Beitrag zur Geschichte der Münchener Kunst­schule in Biographien und Charakteristiken. Zweiter Band. Leipzig, 1871.


25-08-35 (Cramer & Neureuther)